Prinzenverehrung.

Bei meinem Besuche des Bayreuther Theaters bemerkte ich mit Verwunderung, daß, während die Menge hereinströmte, jeder einzelne sich umwandte und begierig nach einer Art offenen Galerie hinblickte, auf welcher die fürstlichen Personen Platz genommen hatten. Viele von den Zuschauern schienen dabei förmlich vor Entzücken zu erstarren und konnten sich nicht wieder losreißen.

Ob bei diesem Wohlgefallen an einem Prinzen Neid oder Verehrung vorherrscht, weiß ich nicht, jedenfalls ist es eine Mischung von beiden. Auch wird der Hunger und Durst nach dem Anblick eines Fürsten nicht durch einmalige Betrachtung gestillt, nein, er bleibt unwandelbar derselbe. Vielleicht erklärt sich diese Erscheinung aus der Freude, welche der Mensch an einem Wertgegenstand hat, den er gewinnt, ohne ihn zu erwerben. Der Thaler, den du zufällig findest, freut dich mehr als die neunundneunzig, die dir Mühe und Arbeit gekostet haben, und der Gewinn im Pharo oder an der Börse thut deinem Herzen ganz besonders wohl. – Ein Prinz findet umsonst, schon in der Wiege, Macht, Ansehen, freie Zeit, unentgeltliche Verpflegung, aus reinem Zufall, weil er als Prinz geboren ist; deshalb schaut die kummervolle Armut und Niedrigkeit zu ihm auf, wie zu einer monumentalen Verkörperung des Glücks. Und dann – o größter Vorzug – kein anderes Glück auf Erden ist so fest gegründet wie das seine. Der Millionär kann über Nacht zum Bettler werden, der große Staatsmann einen Fehler begehen, man läßt ihn fallen und er wird vergessen. Der berühmte General kann eine entscheidende Schlacht verlieren und verliert dabei zugleich sein Ansehen bei den Menschen. Aber bist du ein Prinz, so bleibst du ein Prinz, das heißt ein Halbgott; weder Unglück noch Niederträchtigkeit, weder ein hohler Kopf noch sonstige Eseleien können dich deiner Hoheit entkleiden. In der Huldigung der Menschen, mag sie verdient sein oder unverdient, besteht nach einmütigem Beschluß aller Nationen und aller Zeiten das höchste Gut auf Erden; folglich ist die Stellung eines Prinzen die wünschenswerteste unter der Sonne.

Natürlich sind in unsern Augen Fürstlichkeiten nicht das, was sie dem Europäer gelten. Wir sind nicht dazu erzogen einen Prinzen zu vergöttern; es würde uns genügen, ihn einmal recht gründlich anzuschauen, dann wäre unsere Neugier befriedigt; das nächstemal würden wir ihm schon gleichgültiger begegnen und trachten, einen neuen zu Gesicht zu bekommen. Nicht so der Europäer; ihm bleibt derselbe Prinz immer neu und interessant, er veraltet nie.


An einem häßlichen, nebligen, naßkalten Dezembertag vor achtzehn Jahren war ich einmal in London und begab mich in das Haus eines Engländers, um, wie verabredet, seiner Frau und der verheirateten Tochter einen Besuch abzustatten. Ich mußte eine halbe Stunde warten, dann kamen die Damen halb erfroren angegangen und erzählten, daß ein unerwarteter Umstand sie aufgehalten habe. Während sie am Marlborough House vorübergingen, sahen sie, wie sich eine Volksmenge versammelte, und man sagte ihnen, der Prinz von Wales sei im Begriff auszufahren; sie blieben also stehen und warteten. Nachdem sie eine halbe Stunde auf dem Bürgersteig gestanden hatten und vom Frost ganz erstarrt waren, erfuhren sie, daß der Prinz von Wales sich anders besonnen habe, und gingen betrübt nach Hause. Das überraschte mich sehr.

»Ist es denn möglich,« fragte ich ganz erstaunt, »daß Sie alle die Jahre in London leben und den Prinzen von Wales noch nicht gesehen haben?«

Aber siehe, nun war das Erstaunen auf ihrer Seite.

»Was für eine Idee!« riefen sie. »Natürlich haben wir ihn schon hundertmal gesehen!«