Ich fing von vorn an und sagte Zeile für Zeile her, während mein Freund mit wachsendem Interesse zuhörte.
»Aber, das ist ja ein wahres Reimgebimmel,« rief er vergnügt, »es klingt einem in den Ohren wie Musik, alles paßt und klappt so hübsch. Ich glaube, das muß sich leicht behalten lassen. Bitte, sage es noch einmal, dann kann ich es sicher auswendig.«
Ich wiederholte die Reime und der Pfarrer sprach sie nach. Das erste Mal machte er noch einen kleinen Fehler, den ich verbesserte, das zweite und dritte Mal ging es aber ohne Anstoß. Mir war plötzlich eine Zentnerlast vom Herzen gefallen; das niederträchtige Geklingel plagte mich nicht länger, mein gemartertes Hirn kam endlich zur Ruhe und ein wonniges Gefühl des Friedens zog in meine Brust; ich hätte jauchzen und singen mögen. Wirklich stimmte ich auch eine halbe Stunde lang ein Lied nach dem andern an, während wir nach Hause marschierten. Meine Zunge, die wie gelähmt gewesen war, fand nun die Sprache wieder und der lange eingedämmte Redefluß sprudelte und strömte mir unaufhaltsam über die Lippen. Glückselig und jubilierend ließ ich ihm freien Lauf, bis er endlich versiegte. Beim Abschied schüttelte ich dem Freunde herzlich die Hand.
»Das war einmal ein schöner Spaziergang,« rief ich, »und wie herrlich haben wir uns unterhalten! Aber, da fällt mir ein – du hast ja seit zwei Stunden kein Sterbenswort mehr gesagt. So sprich doch etwas.«
Der Pfarrer sah mich mit glanzlosen Augen an und murmelte eintönig und, wie mir schien, ganz unbewußt:
»Knips' ein, knips' ein das Fahrpapier – Zahlt die Taxe der Passagier.«
Mich überlief es siedend heiß. »Der arme Mensch,« dachte ich bei mir, »der arme Mensch! Jetzt hat es ihn gepackt.«
Mehrere Tage vergingen, ohne daß ich mit meinem Freunde zusammentraf. Am Dienstag-Abend kam er jedoch in mein Zimmer geschlichen, wo er matt und trostlos auf einen Stuhl niedersank. Er war bleich und abgezehrt, nur noch ein Schatten von seinem früheren Selbst.
»Mark,« sagte er, und hob den müden Blick zu mir empor, »das war eine Unglücksstunde, in der ich jene heillosen Reime lernte. Sie haben mich seitdem Tag und Nacht verfolgt, gleich bösen Geistern. Alle Qualen der Hölle habe ich erduldet, seit wir uns zuletzt sahen. Am Sonnabend wurde ich telegraphisch nach Boston berufen. Ein lieber, alter Freund von mir war gestorben und ich sollte ihm die Leichenrede halten. Ich benutzte den Nachtzug; die Predigt dachte ich mir unterwegs im Kopfe zurechtzulegen. Aber ich kam nur bis zu den Eingangsworten; der Zug ging ab, die Räder begannen ihr Gerassel – klack, klack – klack, klack, klack – und sofort paßten sich die abscheulichen Reime dieser Begleitung an. Wohl eine Stunde saß ich da und sagte Silbe für Silbe zu dem klack, klack, klack der Eisenbahn her, bis ich so abgearbeitet und totmüde war, als hätte ich den ganzen Tag Holz gehackt. Mein Kopf schmerzte zum Zerspringen, ich glaubte wahnsinnig werden zu müssen. Rasch eilte ich nach dem Schlafwagen und kleidete mich aus. Kaum aber hatte ich mich auf das Lager gestreckt, so fing die Geschichte von neuem an: ›Klack, klack, klack – Acht-Cents-Fahrt – klack, klack, klack – Ein blau' Papier – klack, klack, klack – Sechs-Cents-Fahrt – klack, klack, klack – Ein gelb' Papier und so weiter, und so weiter – Zahlt die Taxe der Passagier.‹ Schlafen? – Ja, Prosit! Ich war fast für das Tollhaus reif, als der Zug in Boston ankam. Frage mich nicht nach der Leichenfeier. Ich that mir übermenschlichen Zwang an, aber jeder einzige Satz war von innen und außen übersponnen und durchwoben mit: ›Brüder, knipst ein das Fahrpapier – Zahlt die Taxe der Passagier.‹ Das allerschrecklichste dabei war jedoch, daß ich meine Rede ganz in dem hüpfenden Rhythmus der entsetzlichen Reime hielt. Bald sah ich thatsächlich, daß verschiedene Zuhörer wie geistesabwesend im Takt dazu nickten. Ja, du magst mir's glauben oder nicht, Mark, noch bevor ich zu Ende war, wiegte die ganze Trauerversammlung, der Leichenbestatter und alle übrigen im feierlichen Verein mit dem Kopfe hin und her. Kaum hatte ich das letzte Wort gesprochen, so floh ich, wie vom Wahnsinn getrieben, in die Sakristei. Dort traf ich aber zum Unglück mit einer alten unverheirateten Tante des Verstorbenen zusammen, die zu spät gekommen war, um der kirchlichen Feier beizuwohnen.