Herr Higgins in Los Angeles schreibt mir: »Mein Leben ist verfehlt. Ich habe sie bis zum Wahnsinn geliebt und angebetet; sie aber hat sich kalt von mir abgewendet und ihr Herz einem andern geschenkt. Raten Sie mir, was soll ich thun?«

Antwort. Schenken Sie Ihr Herz auch einer andern – oder mehreren, wenn genug zu haben sind. Thun Sie auch alles, was in Ihrer Macht steht, um Ihre frühere Flamme unglücklich zu machen. In Romanen findet man die abgeschmackte Vorstellung verbreitet, daß ein verschmähter Liebhaber sich um so glücklicher fühlt, je glücklicher seine Geliebte mit einem andern ist. Glauben Sie nur ja nicht an solchen Unsinn. Je mehr das Mädchen Ursache hat zu beklagen, daß es nicht Ihre Frau geworden ist, um so behaglicher wird Ihnen dabei zu Mute sein. Das klingt nicht poetisch, ist aber eine höchst vernünftige Regel.


IV.
An Arthur Augustus.

Nein, da haben Sie unrecht. Das ist wohl die Art, wie man einen Pflasterstein oder einen Tomahawk schleudert, aber für einen Blumenstrauß eignet sie sich weniger; Sie könnten dabei leicht einmal jemand Schaden anthun. Einen Strauß hält man mit den Blumen nach unten, faßt ihn bei den Stengeln und wirft ihn dann im Bogen. Haben Sie je mit der Wurfscheibe gespielt? Gerade so muß man's machen. Die Sitte, ungeheuere massive Bouquets von der Größe und Schwere eines preisgekrönten Kohlkopfs aus den schwindelnden Höhen der Galerie hinabzuwerfen, ist höchst gefährlich und tadelnswert. Wissen Sie, was vorgestern abend in der Musikakademie geschehen ist? – Eben hatte die Signorina das wundervolle Lied ›Des Sommers letzte Rose‹ zu Ende gesungen, da kam ein solcher Schmiedehammer aus dem Blumengeschlecht durch die mit Beifallssturm erfüllte Luft herniedergesaust. Hätte sie nicht eine schnelle Wendung nach rechts gemacht, so würde er sie wie einen Schindelnagel in die Bretter der Bühne hineingehämmert haben. Natürlich wurde der Strauß in guter Absicht geworfen, aber hätten Sie etwa die Zielscheibe sein mögen? Glauben Sie mir – eine aufrichtig gemeinte Artigkeit wird von einer Dame stets dankbar empfunden, so lange man nicht versucht, sie damit zu Boden zu schmettern.


V.
Einer jungen Mutter.

Sie denken also, ein kleines Kind sei allezeit ein Ausbund von Schönheit und eine Quelle ewiger Freude? Die Idee ist zwar ansprechend, aber wie mir scheint nicht ganz neu. Jede Kuh denkt dasselbe von ihrem Kalbe. Vielleicht denkt es die Kuh auf weniger anmutige Art, aber sie denkt es doch und ich rechne es der Kuh zur Ehre an. Wir alle schätzen dieses rührende mütterliche Gefühl, wo wir es auch finden, sei es im Hause der Pracht und des Reichtums oder im niedern Kuhstall. Aber wirklich, verehrte Frau, genau betrachtet, finde ich, daß Ihre Behauptung sich nicht in allen Fällen als stichhaltig erweist. Man kann ein schmutziges Kind, dem nicht rechtzeitig die Nase geputzt wird, nicht mit gutem Gewissen für einen Ausbund von Schönheit erklären, und da das früheste Kindesalter höchstens drei kurze Jahre umfaßt, kann ein kleines Kind unmöglich eine ›ewige‹ Freude sein. Es schmerzt mich, daß ich genötigt bin, zwei Drittteile Ihres schönen Ausspruchs mit einem einzigen Satz zu vernichten, aber bei meiner verantwortlichen Stellung als Redakteur darf ich Ihnen nicht gestatten, das Publikum mit wohlklingenden Redensarten zu täuschen und in die Irre zu führen.

Ich kenne ein kleines Kind weiblichen Geschlechts in dieser Stadt, das achtzehn Monate alt ist und außer stande vierundzwanzig Stunden hintereinander eine Quelle der Freude zu sein – von ›ewig‹ gar nicht zu reden! Es ergeht sich in den merkwürdigsten Absonderlichkeiten und besitzt einen Appetit, wie er mir noch nicht vorgekommen ist. Ich will hier aufzählen, was dieses Kind an einem einzigen Tage sich alles ganz allein ausgedacht, vorgenommen und ausgeführt hat, ohne Anraten und Hilfe seiner Mutter oder einer andern Person. Auch bemerke ich, daß sich meine sämtlichen Angaben durch beschworene Zeugenaussagen bestätigen lassen.