»Na, natürlich! 's ist der grausige Mord, der ihm zu schaffen macht. Mir geht's grad' auch so. Ich träume jede Nacht davon. Ich hab' schon geträumt, ich wär's selber gewesen!«

Mary sagte, ihr ginge es gerade auch so und Sid schien damit zufrieden gestellt. Tom entzog sich den Blicken der Seinen, sobald er irgend konnte, beklagte sich danach über Zahnweh eine Woche lang und band sich ein dickes Tuch um Mund und Kinnlade jede Nacht. Er wußte nicht, daß Sid ihn allnächtlich belauerte, zuweilen selbst die Binde lockerte, sich auf die Ellenbogen stützte, über ihn beugte und lange, lange lauschte, worauf er vorsichtig das Tuch an die alte Stelle zurück schob. Toms Furcht und Angst verlor sich allmählich, der ewige Zahnschmerz wurde langweilig und daher fallen gelassen. Wenn es Sid wirklich gelungen war, aus Toms unzusammenhängendem Gemurmel sich einen Vers zu machen, so behielt er alles für sich. – Es war Tom, als ob seine Schulkameraden es niemals satt bekommen könnten, gerichtliche Totenschau zu halten über tote Katzen und dergleichen. Sid fiel es dabei auf, daß Tom niemals die Rolle des Leichenbeschauers zu übernehmen trachtete, obgleich er sonst gewohnt war, Anführer bei jeder neuen Unternehmung zu sein. Er bemerkte auch, daß Tom auffallenderweise niemals als Zeuge auftrat, ja sogar eine entschiedene Abneigung gegen diese Art von Zeitvertreib an den Tag legte und sie mied, wo er nur irgend konnte. Sid wunderte sich, wie gesagt, darüber, erwähnte aber nichts. Endlich kamen denn auch die Totenschauen aus der Mode und hörten auf, Toms Gewissen zu beunruhigen.

Jeden Tag, oder einen Tag um den andern, während dieser Zeit der Trübsal, nahm Tom die Gelegenheit wahr, sich an das kleine, vergitterte Kerkerfenster zu schleichen und dem ›Mörder‹ allerlei kleine Trostgegenstände, deren er habhaft werden konnte, zuzuschmuggeln. Das Gefängnis war ein winzig kleiner Backsteinbau, der am Ende des Städtchens mitten in einem Sumpf stand. Wächter gab's keine, Gefangene waren selten. Diese Opfergaben trugen sehr dazu bei, Toms Gewissen zu erleichtern.

Die Einwohner des Städtchens hatten große Lust, auch dem Indianer-Joe zu Leibe zu gehen wegen des Leichenraubes. So furchtbar war aber sein Ruf, daß sich keiner fand, der sich dazu verstehen wollte, die Leitung der Sache zu übernehmen, und so ließ man es denn bleiben. Vorsichtigerweise hatte er in seinen beiden Aussagen gleich bei der Rauferei begonnen, ohne erst den beabsichtigten Leichenraub einzugestehen, der dieser voran gegangen war, und so hielt man es für das Klügste, die Sache, einstweilen wenigstens, nicht vor Gericht zu bringen.


Elftes Kapitel.

Eine der Ursachen, weshalb Toms innerer Mensch begann, sich von seinen geheimen Sorgen und Leiden abzuwenden, lag darin, daß ein neues und wichtiges Interesse alle seine Gedanken in Beschlag nahm. Becky Thatcher war aus der Schule fortgeblieben. Tom rang mit seinem Stolze ein paar Tage lang, versuchte, sich die Gedanken an sie aus dem Kopf zu schlagen; aber umsonst. Zu seinem eigenen Erstaunen betraf er sich selbst auf nächtlichen Streifereien um ihres Vaters Haus herum, wobei ihm ganz elend zu Mute war. Sie war krank. Wenn sie nun sterben müßte? Verzweiflung, Wahnsinn lag in dem Gedanken. Ihn lockte nichts mehr hienieden, kein Krieg, kein Seeräubertum. Die Sonne des Lebens war entschwunden, nur die qualvollste Finsternis geblieben. Er stellte seinen Reifen zur Seite zusamt dem Stock, an keinem Spielzeug konnte er mehr Freude haben. Tante Polly begann sich zu grämen, zu beunruhigen ob dieser Zeichen und setzte ihm mit allerhand Arzneien zu. Sie war eine von denen, die auf Patent-Medizinen jeder Art schwören, die jegliche neue Methode, unfehlbare Gesundheit zu verleihen, oder die schadhaft gewordene auszuflicken, mit Enthusiasmus und nimmer wankendem Vertrauen begrüßen. Alles neu Auftauchende dieser Art mußte sofort probiert werden, es ließ ihr keine Ruhe, bis sie irgend jemanden entdeckt hatte, an dem das Experiment gemacht werden konnte, denn ihr selbst fehlte zu ihrem größten Leidwesen niemals etwas, das solchen Eingriff erfordert hätte. Sie war auf alle Zeitschriften für Gesundheitspflege abonniert und ihre harmlose Seele ergab sich gläubig dem krassesten Unsinn, der schwarz auf weiß, mit dem nötigen feierlichen Ernst vorgetragen, darin stand. All der theoretische Schnickschnack, den sie enthielten darüber, wie man zu Bett gehen müsse, wie aufstehen, was essen, was trinken, wie oft lüften, wie viel und welcher Art sich Bewegung schaffen, welcher Gemütsverfassung sich befleißigen, in was für Kleidung den äußeren Menschen stecken, all dieser Schwindel war ihr Evangelium und niemals fiel es ihr auf, daß die neuesten Nummern in der Regel das Gegenteil von dem empfahlen, was die früheren angepriesen hatten. Sie war so arglos und leichtgläubig wie ein Kind und ging ohne Zögern auf jeden Leim. So mit ihren Quacksalberschriften und Mittelchen bewaffnet, saß sie, – um ein bekanntes Bild zu gebrauchen – mit dem Sensenmann im Sattel auf dem fahlen Rosse, während dicht hinter ihr die Hölle einhertrabte. In ihrer schlichten Einfalt kam es ihr jedoch niemals in den Sinn, sie könne der leidenden Menschheit etwas anderes sein als ein heilender Engel des Trostes, der Balsam des Herrn in Person.