Kaltwasserkuren waren neu dazumal, und Toms leidender Zustand war Wasser auf ihre Mühle. Morgens mit Tagesgrauen holte sie ihn aus seinem Bett, schleppte ihn nach dem Holzschuppen und ertränkte ihn hier fast in einer Sintflut kalten Wassers, das sie über ihn ergoß. Dann raspelte sie ihn mit einem rauhen Tuche wie mit einer Feile ab, wobei er wieder zu sich selbst kam, rollte ihn in ein nasses Betttuch und stopfte ihn unter einen Berg von wollenen Decken, bis er sich die Seele fast aus dem Leibe geschwitzt hatte, so daß »deren gelbe Flecken zu den Poren heraus kamen,« wie Tom sagte.

Aber all dieser gründlichen Behandlung zum Trotz wurde der Junge täglich schwermütiger, blasser, niedergeschlagener. Tante Polly fügte nun heiße Bäder bei, Sitzbäder, Douchen und Sturzbäder. Der Junge aber verharrte in seiner trübseligen Stimmung. Sie verstärkte nun die Wasserkur durch strenge Diät und Zugpflaster und füllte ihn, als ob er ein Krug gewesen wäre, alltäglich mit Wundertränken jeglicher Art bis zum Rande.

Tom ließ alles mit sich beginnen, er war gleichgültig geworden gegen jede Quälerei. Diese Phase seines Leidens erfüllte die Seele der alten Dame mit Bestürzung. Die beängstigende Gleichgültigkeit mußte gebrochen werden um jeden Preis. In dieser Krise hörte sie zum erstenmal von einem Universal-Wundermittel, ›Schmerzenstöter‹ genannt. Sie bestellte sofort einige Dutzend Flaschen, kostete und war von Dankbarkeit durchglüht, es schien einfach Feuer in flüssiger Form. Die Wasserbehandlung wurde nun eingestellt, zusamt allem andern und ›Schmerzenstöter‹ war hinfort die Losung. Tom bekam den ersten Löffel voll, und seine Tante erwartete in tiefster Seelenangst das Resultat. Ihrer Sorgen war sie augenblicklich ledig, Frieden zog in ihre Seele ein, der Bann der ›Gleichgültigkeit‹ war gebrochen. Hätte sie ein Feuer unter ihm angezündet, der Junge hätte kein tolleres, kein urkräftigeres Interesse zeigen können.

Tom sah, daß die Zeit gekommen sei, sich aufzuraffen. Diese Art von Leben mochte ja ganz romantisch sein, war auf die Dauer aber nicht auszuhalten. Bei allem Ueberfluß an Abwechslung wurde es am Ende doch monoton. Er sann daher auf Aenderung seiner Lage und verfiel schließlich darauf, eine leidenschaftliche Neigung für den ›Schmerzenstöter‹ vorzugeben. Er verlangte so oft nach dem Wundertrank, daß er damit förmlich zur Plage wurde und seine Tante ihn schließlich anfuhr, er möge sich selber bedienen und sie in Ruhe lassen. Wäre es nun Sid gewesen, so hätte kein Schatten ihr Entzücken ob solch ungeahnten Erfolges getrübt, da es aber Tom war, beobachtete sie verstohlen die Flasche. Die Flüssigkeit verminderte sich in der That, ihr aber kam es niemals in den Sinn, daß der Junge die Gesundheit einer Spalte des Fußbodens im Eßzimmer damit kuriere.

Eines Tages war Tom eben wieder damit beschäftigt, der Spalte die gewohnte Dosis zu verabfolgen, als seiner Tante gelbe Katze daher kam, einen Buckel machte, schnurrte, und, gierigen Blicks den Löffel beäugelnd, um ein Pröbchen bettelte. Tom warnte:

»Bitt' nicht drum, Peter, wenn du's nicht brauchst.«

Peter deutete an, daß er's brauche.

»Ueberleg's nochmal, Peter.«

Peter hatte überlegt und war seiner Sache gewiß.

»Also, Peter, du willst's und du sollst's auch haben, denn so bin ich nicht. Wenn's dir aber nachher nicht schmeckt, so mach' niemand 'nen Vorwurf, außer dir selber.«