Wir versuchten irgend einen Plan aufzustellen, konnten aber nicht einig werden. Jim und ich waren dafür, umzukehren und wieder nach Hause zu fahren. Tom aber meinte, wir sollten lieber den Tagesanbruch abwarten, um ordentlich sehen zu können; bis dahin aber würden wir so nahe bei England sein, daß wir ebensogut dorthin fahren könnten; wir könnten dann zu Schiff zurückkehren, und was wäre das nicht für ein Ruhm, wenn wir später so etwas von uns sagen könnten!
Gegen Mitternacht legte sich der Sturm; der Mond kam hervor und beschien die Meeresfläche; uns wurde ganz behaglich zu Mute und der Schlaf kam über uns. Wir streckten uns auf den Bänken aus und schliefen ein und wachten nicht früher auf, als bis die Sonne am Himmel stand. Die See funkelte wie von lauter Diamanten und es war schönes Wetter und sehr bald waren alle unsere Sachen wieder trocken.
Wir gingen achter, um uns etwas zum Frühstück zu suchen, und das erste, was uns in die Augen fiel, war ein trübes Lichtchen, das in einem Kompaß unter ’nem Glasdeckel brannte. Tom machte sich sofort Gedanken darüber und sagte:
»Ihr könnt euch wohl denken, was das bedeutet! Nichts anderes, als daß hier jemand auf Wache stehen und dies Ding steuern muß, genau wie ein Schiff gesteuert wird. Denn wenn der Ballon nicht gesteuert wird, so treibt er sich in der Luft herum und segelt, wohin der Wind ihn führt.«
»Hm,« sagte ich, »was hat denn unsere Gondel gemacht, seit wir … eh … seit wir den Unfall hatten?«
»Sich herumgetrieben,« antwortete er, ein bißchen aus seiner Ruhe gebracht, »sich herumgetrieben – ohne allen Zweifel! Jetzt haben wir einen Wind, der uns südöstlich treibt; wir können nicht wissen, wie lange wir schon diesen Kurs halten.«
Er stellte das Steuer wieder auf Osten und sagte, er wolle so lange aufpassen, bis wir das Frühstück fertig gemacht hätten. Der Professor hatte sich so gut verproviantiert, wie man’s nur wünschen konnte. Da war alles in Hülle und Fülle vorhanden. Milch gab es allerdings nicht zum Kaffee, aber Wasser war vorhanden und alles, was man sonst nötig hatte, auch ein Kochofen mit Holzkohlenfeuerung und mit dem erforderlichen Geschirr, und Pfeifen und Zigarren und Zündhölzer. Ferner Weine und Liköre – wofür wir allerdings keine Verwendung hatten; dann Bücher und Land- und Seekarten und ’ne Ziehharmonika – und Pelze, Decken und eine unendliche Menge von allerlei Tand, wie Messingperlen und dergleichen Zierat. Das war, wie Tom bemerkte, ein sicheres Anzeichen, daß er darauf gerechnet hatte, mit Wilden zusammenzukommen. Auch Geld war da. Ja, der Professor war nicht schlecht ausgerüstet.
Nach dem Frühstück zeigte Tom mir und Jim, wie das Steuer gehandhabt wurde; dann verteilte er die Wachen, für jeden immer vier Stunden. Als er mit seiner Wache fertig war, löste ich ihn ab, und er holte des Professors Papier und Schreibzeug heraus, und setzte sich hin und schrieb einen Brief nach Hause an seine Tante Polly. Darin erzählte er ihr alles, was uns passiert war, und als er fertig war, datierte er den Brief:
›Im Firmament, in der Nähe von England‹, und faltete ihn säuberlich zusammen und versiegelte ihn mit einer roten Oblate. Dann adressierte er ihn und über der Adresse schrieb er mit dicken Buchstaben:
Von Tom Sawyer, dem Erronauter