und er sagte, wenn der Brief mit der Post ankäme, da würde der alte Nat Parsons, der Postmeister, einfach auf den Rücken fallen.

Ich äußerte meine Meinung, wir wären ja doch nicht im Firmament, sondern in einem Luftballon; aber über so etwas war mit Tom nun einmal nicht zu diskutieren. Im Grunde wußte ich auch nicht so recht, was eigentlich ein Firmament ist; Tom wollte es mir erklären, aber Jim und ich bekamen trotzdem keinen rechten Begriff davon, und schließlich ließen wir es sein und sprachen davon, was ein Erronauter sei.

Ein Erronauter, sagte Tom, wäre ein Mensch, der in Luftballons ’rumführe, und es wäre ganz was Anderes und viel was Feineres, wenn er sich ›Tom Sawyer, den Erronauter‹ nennen könnte, als wenn er bloß ›Tom Sawyer, der Reisende‹ wäre. Man würde überall auf der ganzen Welt von uns sprechen, wenn wir nur das Ding zum rechten Ende brächten, und darum hustete er von jetzt an was drauf, ›Tom Sawyer, der Reisende‹ zu heißen.

Als die Mitte des Nachmittags herankam, machten wir alles zum Landen fertig, und uns war recht leicht ums Herz und wir fühlten einen mächtigen Stolz in uns. Wir guckten fortwährend durch unsere Ferngläser, wie Kolumbus, als er Amerika entdecken wollte. Aber wir sahen nichts als lauter Ozean und Ozean. Der Nachmittag verstrich, die Sonne ging unter und immer noch war nirgendwo Land zu sehen. Die Sache kam uns sonderbar vor, aber wir dachten, sie würde schon in Ordnung kommen. Wir blieben also dabei, ostwärts zu steuern, nur stiegen wir etwas höher hinauf, damit wir nicht im Dunkel gegen einen Berg oder sonstige Hindernisse anstoßen möchten.

Von acht Uhr abends bis Mitternacht hatte ich die Wache, dann löste Jim mich ab; aber Tom blieb auf, weil Schiffskapitäne, wie er sagte, das immer täten, wenn sie dicht beim Lande wären.

Als es nun Tag wurde, da stieß auf einmal Jim ein lautes Geschrei aus und wir sprangen auf und guckten über den Rand der Gondel und richtig! da war das Land – rund um uns herum nichts als Land, soweit das Auge reichte, und vollkommen flach und ganz gelb! Wir wußten nicht, wie lange wir schon über dem Land gewesen waren, denn da waren weder Bäume, noch Berge, noch Felsen, noch Städte, und Tom und Jim hatten gedacht, es sei das Meer, das spiegelglatt unter ihnen daläge; übrigens hätte es von der Höhe aus, in der wir uns befanden, spiegelglatt ausgesehen, selbst wenn die Wellen haushoch gegangen wären.

Wir waren jetzt alle riesig aufgeregt und nahmen schnell die Ferngläser vor die Augen und suchten überall nach London, aber da war nicht das geringste weder von London noch überhaupt von einer menschlichen Niederlassung zu sehen – nicht ’mal ein See oder ein Fluß war zu erblicken. Tom war ganz kleinlaut geworden. Er sagte, so einen Begriff hätte er sich von England nicht gemacht; er hätte immer gemeint, England sähe genau so aus wie Amerika. Er schlug schließlich vor, wir wollten lieber unser Frühstück essen und dann den Ballon herunterlassen und uns erkundigen, wie wir auf dem kürzesten Wege nach London kämen. Mit dem Frühstück waren wir sehr schnell fertig – unsere Ungeduld war zu groß. Als wir nachher uns in niedrigere Regionen herabließen, begann das Wetter milde zu werden, und sehr bald zogen wir unsere Pelze aus. Aber es wurde immer noch milder, und im Nu war’s beinahe zu milde. Wir waren nämlich jetzt dicht über dem Erdboden und da herrschte geradezu eine Backofenhitze.

Ungefähr dreißig Fuß über dem Lande machten wir Halt; ich sage ›Land‹, indem ich annehme, daß man so etwas Land nennen darf; denn da gab es nichts als reinen Sand! Tom und ich kletterten die Leiter herunter und fingen an zu laufen, um unsere Beine wieder ein bißchen geschmeidig zu machen; den Beinen tat denn auch die Bewegung wunderbar gut – aber den Füßen weniger, denn der Sand verbrannte uns die Sohlen, als wären wir auf glühende Kohlen getreten. Nicht lange, so sahen wir jemanden herankommen, und sofort liefen wir ihm entgegen; aber wir hörten Jim schreien und drehten uns nach ihm um und sahen, daß er wie ein Besessener herumsprang und Zeichen machte und schrie. Was er sagte, konnten wir nicht verstehen, aber wir kriegten es doch mit der Angst und liefen so schnell wir konnten nach dem Luftschiff zurück. Als wir nahe genug gekommen waren, unterschieden wir seine Worte, und mir wurde ganz übel zumute, als ich sie hörte:

»Rennt!« schrie er. »Rennt, wenn euch euer Leben lieb is. Das is ’n Löwe! Ich seh ihm durch die Fernglas! Rennt Jungens! Rennt, was das Zeug halten will! Er is gewiß aus die Menascherie gelaufen un da is niemand, der ihn wieder kriegen kann!«

Tom flog wie ein Pfeil dahin, aber mir schlotterten die Beine, als wenn ich gar keine Knochen mehr drin gehabt hätte. Ich konnte mich bloß so hinschleppen, wie’s einem im Traum manchmal passiert, wenn ein Gespenst hinter einem her ist.