Jim konnte es nicht glauben, und ich auch nicht. So mußten wir denn den Ballon ’runterlassen, uns auf den Sand setzen und ’ne Anzahl Flöhe auf uns ’rauf hüpfen lassen; denn so eine wunderbare Geschichte wollten wir mit eigenen Augen sehen. Tom hatte recht. An mich und Jim gingen sie zu Tausenden ’ran, aber kein einziger ließ sich auf Tom nieder. Eine Erklärung gab’s dafür nicht, aber die Tatsache war da – darum ließ sich nicht ’rumkommen. Er sagte, es sei schon immer so gewesen und er wolle sich ganz ruhig unter ’ner Million von Flöhen niederlassen; sie würden ihn weder anrühren noch sonstwie belästigen.
Wir stiegen in die kalte Luftschicht empor, um die Flöhe durch den Frost zu vertreiben; da blieben wir ’ne kleine Weile und begaben uns dann wieder in die behagliche Temperatur. Wir bummelten ganz gemütlich mit ’ner Geschwindigkeit von zwanzig oder fünfundzwanzig Meilen in der Stunde durch die Luft. So hatten wir’s die letzten paar Stunden schon gemacht; denn je länger wir in dieser feierlichen friedvollen Wüste waren, desto mehr schwand alle Hast und Unruhe aus unseren Herzen, und desto glücklicher und zufriedener ward uns zu Mute; die Wüste gefiel uns immer besser und schließlich liebten wir sie geradezu. So hatten wir denn, wie gesagt, die Geschwindigkeit beträchtlich gemindert und faulenzten so recht mit Behagen, indem wir bald mal durch die Fernrohre guckten, bald uns auf den Bänken ausstreckten und lasen, bald ein bißchen druselten.
Das klingt eigentlich komisch – denn wie eilig hatten wir’s noch ganz kurz vorher gehabt, an Land zu kommen und auszusteigen! Aber daran dachten wir gar nicht mehr. Wir waren mit dem Luftschiff jetzt völlig vertraut und hatten keine Angst mehr und wünschten uns gar nichts Besseres, als nur so weiter zu fahren. Wir fühlten uns wahrhaftig ganz wie zu Hause; mir kam’s beinahe vor, als sei ich in dem Luftballon geboren und aufgewachsen; und Jim und Tom sagten, ihnen sei’s auch so. Und ich hatte ja immer eklige Menschen um mich ’rum gehabt, die mich ausschalten und pufften, und fortwährend dies und das zu tadeln hatten und bald dies bald jenes anders gemacht haben wollten und überhaupt fortwährend was für mich zu tun hatten und gerade immer etwas, wozu ich keine Lust hatte. Und wenn ich mich dann natürlich drückte und irgendwas anderes machte, gab’s Keile, daß mir gar manchmal das ganze Leben zur Last war. Aber hier oben in den himmlischen Lüften, da war’s so still und sonnenwarm und lieblich; dabei zu essen, so viel man mochte, und schlafen können, so oft man Lust hatte, und merkwürdige Dinge zu sehen, und kein Nörgeln und Schimpfen, keine braven Leute und immerzu Sonntag! Herrgott – ich hatt’s wahrhaftig nicht eilig, unser Luftschiff zu verlassen und mich wieder mit der Zivilisation ’rumzuschlagen. Zu den ekligsten Eigenschaften der Zivilisation gehört es, daß jeder, der ’nen unangenehmen Brief gekriegt hat, damit zu einem kommt und einem die ganze Geschichte haarklein erzählt, daß einem hundeelend zu Mute wird; und die Zeitung teilt alles Widerwärtige mit, was auf der ganzen Welt passiert, so daß man fast immer trübsinnige und katzenjämmerliche Gefühle hat – und das ist für ’nen einzelnen Menschen wirklich ’ne schwere Last. Ich hasse diese Zeitungen! ich hasse Briefe! und wenn’s nach mir ginge, dürfte niemand einen, den er gar nicht kennt, am andern Ende der Welt mit seinen Schauergeschichten anöden. Na, hoch oben in ’nem Luftballon gibt’s so was nicht und deshalb ist so’n Luftballon das reizendste Ding auf der ganzen Welt.
Wir aßen zu Abend und dann kam die Nacht; und diese Nacht war eine von den schönsten, die ich je erlebt habe. Der Mond schien so hell, daß wir denken konnten es sei Tag; nur war das Licht viel viel sanfter. Einmal sahen wir ’nen Löwen, der ganz einsam dastand, wie wenn er auf der weiten Welt mutterseelenallein wäre, und auf dem Sand lag sein Schatten wie ein schwarzer Tintenklex. Das ist gerade die richtige Sorte Mondschein!
Die meiste Zeit über lagen wir auf dem Rücken und plauderten; zum Schlafen hatten wir gar keine Lust. Tom sagte, wir seien jetzt mitten drin in Tausendundeiner Nacht. Gerade hier müsse die Gegend sein, wo mal eine von den verschmitztesten Geschichten sich zugetragen habe. Wir guckten über den Rand unseres Luftballons und sahen uns die Gegend an, während er erzählte; denn nichts ist so interessant anzusehen, als ’ne Gegend, die in ’nem Buch vorkommt. Die Geschichte handelte von ’nem Kameltreiber, der sein Kamel verloren hatte; er läuft in der Wüste ’rum und trifft ’nen Mann und sagt:
»›Bist du nicht heute einem verlaufenen Kamel begegnet?‹
»Und der Mann sagt:
»›War es auf dem linken Auge blind?‹
»›Ja.‹
»›Hatte es einen von den oberen Vorderzähnen verloren?‹