»Ja, weil er den Charakter des Mannes kannte. Es war gerade die Sorte von ’nem Mann, wonach er gesucht hatte – ein Mann, der nie an eines andern Wort oder Ehrlichkeit glaubt, weil er selber gar nicht weiß, was ein wahres ehrliches Wort ist. Ich glaube, es gibt viele Leute, die’s genau so machen, wie dieser Derwisch. Sie gaunern nach rechts und nach links, aber richten es immer so ein, daß es so aussieht, als ob gerade der andere der Gauner sei. Sie bleiben stets innerhalb des Buchstabens der Gesetze, und darum kann man sie nie erwischen. Sie legen nicht die Salbe auf – o nein! Das wäre ja Sünde! Aber sie wissen den anderen so an der Nase zu führen, daß er sich selber damit beschmiert – und dann hat er sich eben selber blind gemacht. Ich glaube, der Derwisch und der Kameltreiber waren ein edles Brüderpaar: ein schlauer, gerissener, verschmitzter Schurke und ein plumper, roher, unwissender – aber Schurken alle beide, der eine wie der andere!«
»Massa Tom, glauben Sie, daß es auf diese Welt noch so ein Salben geben tun?«
»Ja, Onkel Abner sagt, es gibt welche. In New York, sagt er, haben sie sie und sie schmieren sie dem Landvolk auf die Augen und zeigen ihnen alle Eisenbahnen von der Welt und sie fallen drauf ’rein und schaffen sie ’ran; und dann reiben sie sich auch das andere Auge mit der Salbe ein und der kluge Mann sagt ihnen Adieu und geht mit ihren Eisenbahnen ab. Na, hier sind wir beim Schatzberg! Tiefer mit dem Ballon!«
Wir landeten, aber es war nicht so interessant, wie ich erwartet hatte, weil wir nämlich die Stelle nicht finden konnten, wo sie ’reingegangen waren, um die Schätze zu holen. Immerhin war es noch sehr interessant, auch nur den Berg zu sehen, wo eine so wunderbare Geschichte sich zugetragen hatte. Jim sagte, er hätte nicht für drei Dollars bei dem Berg vorbeifahren mögen, ohne sich ihn näher anzusehen, und ich war ganz derselben Meinung.
Aber das Allerwundervollste war für mich und Jim, wie Tom in so’n großes fremdes Land kam wie dies und einfach geradeswegs auf so ’nen kleinen Steinhaufen lossegeln und ihn in ’ner Minute aus ’ner Million von anderen geradeso aussehenden Bergen ’rauskennen konnte, und ohne irgend welche fremde Hilfe, bloß durch sein eigenes Wissen und seine eigene Schläue. Wir besprachen das lange Zeit, konnten aber nicht ’rausbringen, wie er’s anfing. Er hatte den besten Kopf, den ich je gesehen, und ihm fehlte weiter nichts als das richtige Alter, um sich ’nen Namen zu machen wie Kapitän Kidd, der große Seeräuber, oder George Washington. Ich will wetten, die wären alle beide in ’ner häßlichen Verlegenheit gewesen – trotz all ihrer Klugheit – wenn sie den Berg hätten ausfindig machen sollen. Aber für Tom Sawyer war das ganz und gar nichts; der ging quer über die Sahara drauf los und tippte ihn mit dem Finger an – so leicht, wie man ’nen Nigger aus ’nem Haufen Engelein ’rauskennen würde.
Ganz in der Nähe fanden wir einen Salzwasserteich, von dessen Rändern wir einen Vorrat Salz einsammelten; damit rieben wir die Löwen- und die Tigerhaut ein, so daß sie sich halten konnten, bis Jim Zeit kriegte, sie richtig zu gerben.
Elftes Kapitel.
Einen Tag oder zwei strolchten wir nach unserem Behagen in den Lüften herum, und dann, gerade als der Vollmond den Erdboden auf der anderen Seite der Wüste berührte, sahen wir eine Reihe von kleinen schwarzen Gestalten quer an der großen silberglänzenden Scheibe vorüberziehen. Man sah sie so deutlich, wie wenn sie mit Tinte auf den Mond aufgezeichnet gewesen wären. Es war wieder ’ne Karawane. Wir stellten unseren Apparat auf mäßige Geschwindigkeit und fuhren hinter ihr her, bloß um ein bißchen Gesellschaft zu haben, obwohl wir dadurch eigentlich von unserem Wege abkamen. Diese Karawane war ein ganz mächtig großes Ding und ein großartiger Anblick war’s am andern Morgen, als die Sonne flammend über die Wüste schien und die langen Schatten der Kamele langbeinig-knickebeinig in Prozession über den goldenen Sand hinmarschierten. Wir kamen der Karawane niemals ganz nahe, weil wir mit solchen Sachen jetzt besser Bescheid wußten und nicht mehr friedfertigen Leuten die Kamele bange machen und ihre Karawane in Unordnung bringen wollten. Es war der bunteste lustigste Zug, den man sich nur denken kann, alles in reichen Gewändern und fein herausgeputzt. Einige von den Häuptlingen ritten auf Dromedaren; es waren die ersten, die wir je in unserem Leben sahen, und mächtig große Viecher, die wie auf Stelzen gehen und den Mann, der auf ihnen sitzt, beträchtlich schütteln und ihm das Essen, das er im Leibe hat, ganz gehörig durcheinander rütteln; aber sie reiten ein ganz famoses Tempo und ein Kamel kann es an Schnelligkeit auch nicht annähernd mit ihnen aufnehmen.