Den mittleren Teil des Tages über hielt die Karawane Lagerruhe; in den Nachmittagsstunden zog sie weiter. Es dauerte nicht lange, so fing die Sonne an, ganz merkwürdig auszusehen – erst wie Messing, dann wie Kupfer und schließlich wie eine blutrote Kugel; die Luft wurde heiß und beklemmend und im Nu war der ganze westliche Himmel verdunkelt und dunstig, daß es ganz fürchterlich anzusehen war – so wie wenn man ihn durch ’nen roten Glasscherben ansieht. Wir sahen ’runter und bemerkten, daß in der Karawane ein großer Wirrwarr herrschte, ein Hin- und Herlaufen, wie wenn die Leute eine entsetzliche Angst hätten. Und auf einmal warfen Menschen und Tiere sich platt auf den Boden nieder und lagen da vollständig still.

Gleich darauf sahen wir etwas herankommen. das sah aus wie eine riesig hohe Wand, und reichte von der Wüste in den Himmel empor, daß die Sonne dahinter verschwand, und es kam heran wie ein heiliges Donnerwetter. Dann wehte eine ganz schwache Brise uns an, dann wurde der Wind stärker und auf einmal flogen Sandkörner uns in’s Gesicht, die brannten uns wie Feuerfunken, und Tom schrie auf:

»’s ist ein Sandsturm – dreht ihm den Rücken zu!«

Das taten wir; und ’ne Minute später blies es uns an wie ein Orkan und der Sand flog wie mit Schaufeln geworfen gegen uns an, und die Luft war so dick, daß wir überhaupt nichts mehr sehen konnten. Binnen fünf Minuten war unser Luftschiff bis an den Rand voll, und wir saßen auf unseren Bänken, bis ans Knie in Sand begraben, und bloß unsere Köpfe guckten oben ’raus und wir konnten kaum noch Luft kriegen.

Dann wurde der Sturm schwächer und der Sand dünner und wir sahen, daß die ungeheure Wand quer über die Wüste weitersegelte – und es war fürchterlich anzusehen, das kann man mir wohl glauben! Wir wühlten uns aus dem Sand ’raus und sahen nach der Erde hinunter – und an der Stelle, wo vorher die Karawane gewesen war, da war jetzt gar nichts mehr als bloß der Sandozean, und alles war still und ruhig. All die Menschen und Kamele waren erstickt und tot und begraben – begraben unter einer Sandschicht, die nach unserer Schätzung zehn Fuß tief sein mußte, und Tom meinte, es könnte Jahre dauern, ehe der Wind sie wieder bloßlegte, und all die Zeit über würden ihre Freunde nicht wissen, was aus der Karawane geworden wäre. Und Tom sagte:

»Jetzt wissen wir auch, was den Leuten passiert war, denen wir die Säbel und Pistolen abnahmen.«

Ja, so verhielt sich’s ganz genau – das war uns jetzt so klar wie der helle Tag. Sie wurden in einem Sandsturm begraben, und die wilden Tiere konnten nicht an sie ’rankommen, und der Wind deckte sie nicht eher wieder auf, als bis sie zu lederartigen Mumien vertrocknet und nicht mehr zu essen waren. Mir war’s damals so vorgekommen, als sei uns das Schicksal jener armen Menschen so tief zu Herzen gegangen und habe uns so traurig gemacht, wie sich’s nur denken läßt – aber das war ein Irrtum von uns: der Untergang dieser zweiten Karawane ging uns tiefer zu Herzen, viel tiefer! Nun, das kam davon, daß die andern eben völlige Fremde für uns gewesen waren; so hatten wir denn gar nicht das Gefühl gehabt, als seien wir überhaupt mit ihnen bekannt gewesen – ausgenommen vielleicht ein bißchen mit dem Mann, der das Mädchen in seinen Armen zu schützen gesucht hatte. Aber mit dieser letzten Karawane war es ganz was anderes! Wir hatten eine ganze Nacht und beinahe einen vollen Tag um sie herumgeschwebt, und da hatten wir ein wirklich freundschaftliches Gefühl für sie gefaßt; sie waren für uns Bekannte geworden. Ich habe die Beobachtung gemacht, daß es kein besseres Mittel gibt, herauszufinden, ob Leute einem lieb oder zuwider sind, als daß man mit ihnen zusammen eine Reise macht. Genau so ging es uns mit diesen. Sie gefielen uns eigentlich gleich von Anfang an, und im Verlauf der Reise gewannen wir sie wirklich lieb. Je länger die Reise dauerte, und je mehr wir mit ihren Manieren vertraut wurden, desto besser gefielen sie uns und desto größer wurde unsere Freude, daß wir sie getroffen hatten. Einige von ihnen kannten wir bald so genau, daß wir sie bei ihren Namen nannten, wenn wir von ihnen sprachen, und wir gingen schließlich so vertraulich mit ihnen um, daß wir sogar das ›Herr‹ oder ›Fräulein‹ fortließen und einfach ihre Namen nannten, wenn wir von ihnen sprachen; und das klang ganz und gar nicht unhöflich, sondern im Gegenteil ganz natürlich. Selbstverständlich waren es nicht ihre richtigen Namen, sondern die Namen, die wir ihnen beigelegt hatten. Da war Herr Alexander Robinson und Fräulein Adaline Robinson, Oberst Jacob Mc Dougal und Fräulein Harriet Mc Dougal und Richter Jeremiah Butler und der junge Buschrod Butler, und diese Herrschaften waren meistens große Häuptlinge mit prachtvollen großen Turbanen und Handscharen, und angezogen wie der Groß-Mogul, nebst ihren Familienmitgliedern. Aber sobald wir sie recht kannten, und sie so gern hatten, da gab’s für uns kein ›Herr‹, ›Richter‹ oder dergleichen mehr, sondern bloß Alex und Addy und Jake und Nattie, Jerry, Buck usw.

Als sie ihr Lager aufschlugen, da hielten auch wir unmittelbar über ihnen still, tausend oder zwölfhundert Fuß hoch in der Luft. Als sie ihre Mahlzeit verzehrten, da speisten wir auch, und es war wirklich ein behagliches Gefühl, uns dabei in ihrer Gesellschaft zu wissen. Während der Nacht feierten sie eine Hochzeit, und Buck und Addy wurden miteinander verheiratet; da putzten wir uns zur Feier dieses festlichen Anlasses mit des Professors schönsten Kleidern heraus, und als bei ihnen das Tanzen losging, da schwangen wir oben in unserer Höhe auch ein bißchen das Tanzbein.

Aber am allernächsten werden die Menschen doch durch Kummer und Leid zusammengebracht, und so ging es auch uns, als sie am nächsten Morgen in der ersten Dämmerung einen begruben. Wir wußten nicht, wer der Abgeschiedene war, und er war ja nicht mit uns verwandt, aber das machte gar keinen Unterschied; er gehörte zur Karawane – das genügte, und es wurden keine aufrichtigeren Tränen über seinem Grabe vergossen, als die unsrigen, die aus einer Höhe von elfhundert Fuß herabfielen.