Ab und zu sauste ein Würdenträger in einer Kutsche vorbei; buntaufgeputzte Männer liefen laut rufend vor dem Wagen her und schlugen jeden, der nicht schnell auswich, mit einem langen Stecken. Nach einer Weile kam sogar der Sultan zu Pferde an der Spitze einer Prozession geritten und uns blieb beinahe der Atem stocken, als wir seine glänzenden Kleider sahen. Jeder warf sich platt auf die Erde nieder und blieb auf dem Bauch liegen, bis er vorüber war. Ich vergaß es, mich hinzuwerfen, aber da war einer, der mir daran zu denken half. Es war einer von denen, die mit ’nem langen Stecken vorausliefen.

Kirchen waren auch da, aber die Leute da sind noch zu dumm, um den Sonntag zu heiligen; sie heiligen den Freitag und schänden den Sabbath. Wenn man hineingeht, muß man die Schuhe abziehen. Ganze Haufen von Männern und Knaben waren in der Kirche, hockten in Gruppen auf dem Fußboden und machten einen endlosen Spektakel – Tom sagte, sie lernten was aus dem Koran auswendig, den sie für ’ne Bibel halten. Ich hatte in meinem Leben nicht so ’ne große Kirche gesehen; sie war ganz fürchterlich hoch, so daß einem schwindlig wurde, wenn man hinaufschaute; unsere Stadtkirche zu Hause ist gar nichts dagegen; man könnte sie in diese hineinstellen und die Leute würden denken, sie sei ’ne Putzwarenschachtel.

Was ich am meisten zu sehen wünschte, das war ein Derwisch, denn für Derwische interessierte ich mich wegen ihres Kollegen, der dem Kameltreiber den bösen Streich gespielt hatte. Wir fanden denn auch einen ganzen Haufen von ihnen in ’ner Kirche, und sie nannten sich Tanz-Derwische. Und tanzen taten sie, das muß ich sagen. So was hatte ich in meinem Leben nicht gesehen! Sie hatten zuckerhutförmige Mützen auf und leinene Unterröcke an, und sie wirbelten und wirbelten und wirbelten herum wie Kreisel und die Röcke standen ganz schräg von ihnen ab; es war riesig nett anzusehen, und ich wurde vom Hingucken wie betrunken. Sie waren alle Moslim, wie Tom mir erzählte, und als ich ihn fragte, was ein Moslim sei, da sagte er, das wäre einer, der nicht Presbyterianer wäre. Dann gibt’s also in Missouri sehr viele Moslim, obwohl ich davon bisher nichts wußte.

Wir sahen uns nicht die Hälfte von den Sehenswürdigkeiten von Kairo an, weil Tom so wild darauf versessen war, Oertlichkeiten aufzusuchen, die in der Weltgeschichte berühmt geworden sind. Wir hatten eine abscheuliche Mühe, den Speicher aufzufinden, worin Joseph vor der Hungersnot das Korn aufgespeichert hatte, und als wir ihn endlich fanden, war eigentlich gar nichts daran zu sehen, denn es war bloß ein altes, verfallenes Gerümpel. Aber Tom war sehr befriedigt und machte mehr Redensarten darüber, als ich Worte sagen würde, wenn ich mir ’nen Nagel in den Fuß getreten hätte. Wie er die Scheuer überhaupt herausfand, das ging über meinen Horizont; denn wir waren bei mehr als vierzig ganz gleichen schon vorbeigekommen und ich wäre mit jeder von diesen Scheunen zufrieden gewesen, aber er mußte natürlich durchaus die echte haben – anders tat er’s nicht. Ich habe nie einen Menschen gesehen, der in dieser Beziehung so heikel war wie Tom Sawyer. Sowie er die richtige sah, erkannte er sie sofort, so leicht wie ich mein anderes Hemd erkennen würde (wenn ich eins hätte), aber wie er das machte, das vermochte er mir so wenig zu erklären, wie er fliegen konnte. So sagte er selber.

Als wir zurück kamen, landete Jim, und wir stiegen ein. Bei dieser Gelegenheit lernten wir einen jungen Mann kennen mit ’nem roten betroddelten Fez und einer schönen seidenen Jacke und Sackhosen, mit ’nem Tuch um den Bauch und mit Pistolen in diesem Tuch. Er konnte englisch sprechen und bat uns, wir möchten ihn als Führer annehmen; er wollte uns nach Mekka und Medina und Zentralafrika und überallhin bringen und verlangte nur einen halben Dollar täglich nebst freier Verköstigung. Wir nahmen ihn an und fuhren mit voller Schnelligkeit los, und als wir mit unserem Mittagessen fertig waren, da schwebten wir gerade über der Stelle, wo die Israeliten durch das Rote Meer gezogen waren und wo Pharao sie eingeholt hatte und von den Gewässern ereilt wurde. Da machten wir denn natürlich Halt und guckten uns die Stelle ganz in aller Ruhe an, und Jim hatte seine Freude dran, sie zu sehen.

Hierauf fuhren wir weiter, so schnell wir konnten, und segelten um den Berg Sinai herum und sahen die Stellen, wo Moses die steinernen Tafeln zerbrach, und wo die Kinder Israels in der Ebene lagerten und das goldene Kalb anbeteten, und es war alles ungeheuer interessant und der Führer kannte jedes Plätzchen so genau, wie ich bei uns zu Hause im Ort Bescheid weiß.

Aber jetzt hatten wir einen Unfall, und der hemmte alle unsere Pläne. Toms alte ordinäre Maiskolbenpfeife war so alt und aufgeschwollen und krumm geworden, daß sie trotz allen Schnüren und Bindfäden, die er herumwickelte, nicht mehr zusammenhalten wollte, sondern in Stücke zerfiel. Tom wußte nun gar nicht, was er jetzt anfangen sollte. Des Professors Pfeife konnte ihm nichts nützen, denn die war bloß von Meerschaum; und jeder, der sich mal an Maiskolbenpfeifen gewöhnt hat, der weiß, daß sie himmelhoch über allen anderen Pfeifen der Welt stehen, und so einer läßt sich nicht dazu kriegen, ’ne andere Pfeife zu rauchen. Meine wollte Tom nicht nehmen, so sehr ich ihn auch zu überreden versuchte. So saß er denn da in der Patsche.

Er überlegte den Fall und sagte, wir müßten ’ne Rundfahrt machen und versuchen, ob wir nicht in Aegypten oder Arabien oder daherum eine auftreiben könnten, aber der Führer sagte, das hätte keinen Zweck, denn solche Pfeifen hätte man da nicht. Tom saß eine Weile recht verdrießlich da, plötzlich aber hellte sich sein Gesicht auf und er sagte, er hätte ’ne Idee und wüßte jetzt, wie die Sache gemacht werden müßte. Nämlich:

»Ich habe noch ’ne andere Maiskolbenpfeife, sogar ’ne ganz ausgezeichnete und beinahe neue. Sie liegt auf dem Wandbrettchen gerade über dem Küchenherd bei uns zu Hause. Jim – du und der Führer, ihr fahrt hin und holt sie, und ich und Huck kampieren hier auf dem Berge Sinai, bis ihr wieder hier seid.«

»Aber, Massa Tom, wir könnte nix finden die Städtchen. Ich könnten wohl die Pfeife finden, weil ich die Küche kennen tun, aber o du liebe Heiland: wir können niemals nix unser Stadt oder Sent Luis oder die andere Orte finden! Wir tun ja nix die Wegen kennen, Massa Tom!«