M. T.

Besonders nach ihrem Tode, denn dann wird – dies begreift wohl ein jeder – Eddy-Anbetung in den Sonntagsschulen und auf den Kanzeln der Glaubensgemeinschaft gelehrt werden. Schon jetzt ist jeder Gegenstand, auf den sie ihr Warenzeichen setzt, heilig und wird von ihren Jüngern eifrig und voll leidenschaftlicher Dankbarkeit gekauft und zu Hause wie ein Fetisch verehrt. Ich sage ›gekauft‹ – denn der Bostoner Christian Science-Trust gibt nichts weg; was er hat, ist zum Verkauf bestimmt. Die Bedingungen sind Barzahlung: und zwar nicht nur Bar-, sondern Vorausbezahlung. Sein Gott ist in erster Linie: Frau Eddy; ein zweiter: der Dollar. Und zwar kein Phantasiedollar, sondern ein richtiger mit Geldwert.

Auf den Dollar wird in jeder möglichen Form Jagd gemacht; die Bostoner Mutterkirche der Christlichen Wissenschaft und ihr Handelskontor gehen mit allerlei geistlicher Ware bei ihren Gläubigen hausieren; die Preise sind ausnahmslos gepfeffert, und die Zahlungsbedingungen sind immer dieselben: ›gegen bar, pränumerando‹. Nicht einmal der Engel der Apokalypse würde sein ›Büchlein‹ dort auf Kredit kriegen. Viele, viele köstliche Dinge hat die Christliche Wissenschaft zu verkaufen – gegen bar natürlich: Bibel-Unterweisung, Gesangbuch der Christlichen Wissenschaft, Baugeschichte der Mutterkirche, ganze Haufen von Predigten, Kommunionshymne ›Seht Ihr meinen Heiland?‹ von Frau Eddy, das Stück zu einem halben Dollar, ›Abdruck des Textes mit Frau Eddys besonderer Erlaubnis‹. Ferner haben wir Frau Eddys und des Engels kleinen Bibelanhang in acht verschiedenen Einbänden zu acht verschiedenen Preisen, darunter ein süßes Ding in Leder mit runden Ecken, Goldschnitt und so weiter, pränumerando sechs Dollars, und wenn man ’ne Million auf einmal bezieht, kriegt man vier Prozent Rabatt, aber nur ›pränumerando‹. Ferner haben wir Frau Eddys ›Vermischte Schriften‹ zu vornehm hohen Preisen, in allen möglichen Einbänden, aber alle zu Erpresserpreisen, und ebenfalls mit vier Prozent Rabatt, wenn man eine ganze Auflage auf einmal bezieht. Dann kommt ›Christus und Weihnacht‹ von der fruchtbaren Frau Eddy – ein Gedicht; ich gäbe was drum, es mal sehen zu können! – Preis drei Dollars pränumerando. Dann folgen noch fünf andere Schriften von Frau Eddy, natürlich zu Straßenräuberpreisen, in allen möglichen Ausstattungen, mit Lederecken, Goldschnitt, Doppelschrauben, Dampfsteuerung und allen anderen Bequemlichkeiten der Neuzeit. Und bei demselben Handelskontor erscheint auch das Christian Science-Journal, ein – aber ich will lieber nicht sagen, was es ist; es ist besser, man ist höflich, als daß man deutlich ist.

Die literarische Oleomargarine der Christlichen Wissenschaft ist ein Monopol der der Mutterkirche gehörenden Hauptfabrik in Boston; ›nur echt, wenn mit der Handelsmarke des Trust versehen‹. Zu beziehen ist die Ware nur von Boston – selbstverständlich pränumerando.

Der Trust hat aber auch noch andere Einnahmequellen. Frau Eddy ist Vorsitzende – und vielleicht Eigentümerin? – des vom Trust geleiteten Metaphysical College in Boston. Dort vervollkommnet sich in einem zweiwöchigen Kursus der Student, der sich drei Jahre lang auf eigene Hand in der Heilkunst der Christlichen Wissenschaft geübt hat: für die vierzehn Tage bezahlt er bloß einhundert Dollars. Und ich habe unter meinen statistischen Notizen einen Fall, wo für einen Kursus von drei Wochen dreihundert Dollars bezahlt wurden.

Der Trust liebt den Dollar – aber er darf kein Phantasiedollar sein.

Um den Absatz von Frau Eddys Bibelanhang recht lebhaft zu erhalten, darf niemand – mag er auf dem Metaphysical College gewesen sein oder nicht – die Heilkunst der Christlichen Wissenschaft ausüben, wenn er nicht ein Exemplar dieses heiligen Machwerks besitzt. Das bedeutet für den Trust ein großes und beständig wachsendes Einkommen. Keine Christian Science-Familie wird sich für aufrichtig, fromm und schmerzgefeit halten, wenn sie nicht ein oder zwei Exemplare vom ›Anhang‹ im Hause hat. Das sichert dem Trust schon für die allernächste Zukunft ein jährliches Einkommen nicht von Tausenden, sondern von Millionen.

Kein Mitglied einer der Christlichen Wissenschaft angehörigen Kirche kann Mitglied bleiben, wenn es nicht jedes Jahr dem Bostoner Trust ›Kopfsteuer‹ zahlt. Damit hat der Trust – in allernächster Zukunft – wieder Jahreseinnahmen, die in die Millionen gehen.

Man kann ohne Uebertreibung annehmen, daß es im Jahre 1910 in Amerika zehn Millionen und in Großbritannien drei Millionen Anhänger der Christlichen Wissenschaft geben wird, und daß diese Zahlen im Jahre 1920 verdreifacht sein werden. 1910 wird die Christliche Wissenschaft in Amerika eine politische Macht sein, 1920 wird sie überwältigenden Einfluß haben, 1930 wird sie die Regierung der Republik übernehmen – um sie für immer zu behalten. Und ich glaube, man darf mit Fug und Recht annehmen, daß der Trust – der jetzt bereits recht schroff in seinem Auftreten ist – alsdann der rücksichtsloseste, unbedenklichste und tyrannischste politisch-religiöse Gewalthaber sein wird, der jemals seit den glorreichen Tagen der Inquisition ein Volk beherrscht hat. Und ein stärkerer Gewalthaber, als jemals auf Erden war: denn er wird über eine finanzielle Macht verfügen, wie keiner seiner Vorgänger sie sich auch nur hat träumen lassen; er wird über einen konzentrierten, unverantwortlichen Einfluß verfügen, wie keiner vor ihm; in Eisenbahnen, Telegraphen, subventionierten Zeitungen wird er bisher ungeahnte Beeinflussungs- und Kontrollmittel besitzen; und nach einer oder zwei Generationen wird er sich wahrscheinlich mit der katholischen Kirche in die Christenheit teilen.

Die Römische Kirche verfügt über eine vorzügliche Organisation und hat ihre Kräfte in sehr wirksamer Weise zentralisiert – aber nicht ihr Geld. Ihre zahlreichen Bischöfe sind reich, aber sie behalten diese Reichtümer im weitesten Maße in ihren eigenen Händen. Sie beziehen Gelder von 200 Millionen Menschen, aber der Hauptteil dieser Eingänge bleibt im Lande. Der Bostoner Papst – den wir mit der Zeit haben werden – wird seine Dollarkopfsteuer von 300 Millionen erheben, und der ›Bibelanhang‹ sowie die anderen Artikel des Verlagsgeschäftes werden das doppelte dieser Summe einbringen. Dazu kommen dann noch: das Metaphysical College, die alljährlichen Pilgerzüge zu Frau Eddys Grab – Eintrittsgeld: ein Christlicher Wissenschaftsdollar (pränumerando) – Verkauf von geweihten Glasperlen, Kerzen, Gedenklöffeln, Chromobildern der Stifterin mit goldenem Heiligenschein, nachgemachten Autographen der Frau Eddy, Geldopfern vor ihrem Altarschrein (Krücken von geheilten Krüppeln werden nicht angenommen, Nachbildungen von wunderbar kurierten gebrochenen Beinen und Hälsen nur, wenn sie aus dem heiligen Metall hergestellt sind und sich auf dem Prüfstein als echt erwiesen haben). Für die im Grabe gewirkten Wunder wird bares Geld genommen. Aus diesen Geldquellen – und aus tausend anderen, die erst noch zu erfinden sind – wird eine Jahreseinnahme von mindestens einer Milliarde Dollars fließen. Und der Trust allein wird die Verfügung darüber haben! Bischöfe werden nicht angestellt, wenn sie sich nicht verpflichten, neunzig Prozent vom Fang abzuliefern. Wenn es erst so weit ist, wird der Trust nicht nur den Verkauf des ›Anhangs‹, sondern auch den des Alten und Neuen Testaments monopolisieren; er wird dieselben Preise nehmen wie für den ›Anhang‹, er wird seine Gläubigen verpflichten, auch diese Bibelausgaben zu kaufen – und das wird auch wieder etliche hundert Millionen einbringen. Der Trust wird dann täglich ein Einkommen von fünf Millionen Dollars haben – und davon gehen keine Spesen ab; er hat keine Steuern zu zahlen, und er gibt nichts für wohltätige Zwecke. Der Leser wolle nicht so leicht hierüber weglesen; die Sache ist wohl einiger Aufmerksamkeit wert.