Enttäuschung malte sich auf seinem Gesicht und ging sofort in einen Ausdruck von tiefster Verzagtheit über. Er drehte sich um, als wollte er gehen, dann zögerte er, wandte sich wieder zu mir und sagte in einem Ton, der mir zu Herzen ging:

»Ich habe kein Obdach und keinen Freund auf der Welt. Ach, wenn Sie mich doch einstellen könnten!«

Dies war natürlich ganz ausgeschlossen, wie ich ihm so freundlich wie möglich auseinandersetzte. Dann hieß ich ihn sich an den warmen Ofen setzen und fügte hinzu:

»Sofort sollst du etwas zu essen bekommen. Du bist doch wohl hungrig?«

Er antwortete nicht, aber das war auch nicht nötig; der dankbare Blick seiner großen sanften Augen sprach beredter als alle Worte es vermocht hätten. Er setzte sich an den Ofen, und ich schrieb weiter. Ab und zu warf ich einen verstohlenen Blick auf ihn. Ich bemerkte, daß seine Kleider und Schuhe, wenngleich schmutzig und zerlumpt, doch von gutem Schnitt und Stoff waren. Das gab zu denken. Zudem war seine Stimme leise und wohllautend, sein Auge tief und schwermütig, und sein ganzes Benehmen deutete auf gute Herkunft. Augenscheinlich war das arme Bürschchen in arger Bedrängnis. Kurz und gut, er flößte mir Teilnahme ein.

Indessen vertiefte ich mich nach und nach immer mehr in meine Arbeit und vergaß gänzlich, daß der Junge im Zimmer war. Ich weiß nicht, wie lange dies währte, aber schließlich sah ich zufällig einmal auf. Der Knabe hatte mir den Rücken zugedreht, aber er hielt den Kopf so, daß ich seine Wange sehen konnte – und über diese Wange rann ein Strom von stillen Tränen.

»Ach du lieber Gott!« sagte ich bei mir selbst. »Ich vergaß, daß der arme Bursch sterbenshungrig ist.« Und um meine Rücksichtslosigkeit wieder gut zu machen, rief ich ihm zu: »Komm her, mein Junge, du sollst mit mir speisen. Ich bin heute allein.«

Wieder sah er mich mit seinen dankbaren Augen an, und ein Freudenstrahl erhellte sein Gesicht. Bei Tisch blieb er stehen, die Hand auf die Stuhllehne gelegt, bis ich Platz genommen hatte; erst dann setzte er sich. Ich nahm Messer und Gabel zur Hand und – nun, ich behielt sie in der Hand und rührte mich nicht; denn der Knabe hatte sein Haupt geneigt und sprach leise ein Dankgebet. Tausend geheiligte Erinnerungen an Elternhaus und Kinderzeit drangen auf mich ein, und ich seufzte bei dem Gedanken, wie fremd mir Religion geworden war, und wie doch der Glaube ein Balsam für die wunde Seele, wie er Trost, Hort und Stütze ist.

Im Verlauf unserer Mahlzeit bemerkte ich, daß der junge Wicklow – Robert Wicklow hieß er mit vollem Namen – mit seiner Serviette umzugehen wußte, und mit einem Wort, ich merkte, daß er unerachtet seines Aussehens von guter Herkunft war. Dazu hatte er eine einfache Freimütigkeit, die mich für ihn einnahm. Wir sprachen hauptsächlich über ihn selbst, und ohne Schwierigkeit holte ich seine Geschichte aus ihm heraus. Als er erwähnte, daß er in Louisiana geboren und aufgewachsen sei, wurde ich warm, denn ich hatte selbst einige Zeit dort gelebt. Ich kannte den ganzen Küstenstrich am Mississippi; ich liebte die Gegend und hatte sie erst vor kurzem verlassen, sodaß mein Interesse dafür noch nicht verblaßt war. Ich freute mich schon, wenn ich nur die Namen jener Orte aus seinem Munde hörte, und ich brachte deshalb absichtlich das Gespräch auf jene Gegend. Baton Rouge, Plaquemine, Donaldsonville, Sixtymile-Point, Bonnet-Carré, Börsen-Landeplatz, Carollton, der Dampfboot-Landeplatz, der Dampfschiff-Landeplatz, New Orleans, Tchoupitchoulas Street, die Esplanade, die Rue des Bons Enfants, das St. Charles-Hotel, Tivoli Circle, Shell Road, der Pontechartrain-See – wie klang das alles vertraut! Und eine ganz besondere Wonne war es für mich, wieder einmal von ›R. E. Lee‹, ›Natchey‹, ›Eklipse‹, ›General Guitman‹ ›Duncan F. Kenner‹ und anderen altbekannten Dampfbooten zu hören. Es war mir fast als sei ich wieder dort, so lebhaft riefen diese Namen mir die Schiffe und Oertlichkeiten selbst ins Gedächtnis zurück. Kurz zusammengefaßt, war folgendes Klein-Wicklows Geschichte:

Als der Krieg ausbrach, lebte er bei seiner altersschwachen Tante und seinem Vater in der Nähe von Baton Rouge auf einer großen reichen Pflanzung, die schon seit fünfzig Jahren im Besitz der Familie gewesen war. Der Vater war ein Anhänger der Union. Er wurde darum auf alle mögliche Weise verfolgt, blieb aber standhaft bei seinen Grundsätzen. Endlich brannten eines Nachts maskierte Männer sein Haus nieder, und die Familie mußte fliehen, um das nackte Leben zu retten. Sie wurden von Ort zu Ort gehetzt und lernten Armut, Hunger und Elend gründlich kennen. Die alte Tante wurde schließlich erlöst: Hunger und Unbilden der Witterung töteten sie, sie starb auf freiem Felde wie ein Bettelweib unter dem strömenden Regen und dem krachenden Donner. Nicht lange darauf wurde der Vater von einer bewaffneten Bande gefangen genommen, und während der Sohn bat und flehte, vor dessen Augen aufgeknüpft. (Hier schoß ein haßerfüllter Blick aus des Knaben Augen, und er sagte, wie wenn er mit sich selber spräche: »Wenn ich nicht eingestellt werden kann – macht nichts! Ich werde einen Weg finden – ja, ich werde einen Weg finden.«) Nachdem die Leute festgestellt hatten, daß der Vater tot war, sagten sie dem Sohn, wenn er nicht binnen vierundzwanzig Stunden aus der Gegend verschwunden wäre, so würde es ihm übel ergehen. Er schlich sich während der Nacht zum Flußufer hinunter und verbarg sich dicht bei der Anlegestelle einer Pflanzung. Nach einiger Zeit hielt der ›Duncan F. Kenner‹ dort an, und er schwamm an den Dampfer heran und verbarg sich in dem Boot, das im Kielwasser des Schiffes schwamm. Vor Tagesanbruch war das Dampfboot in New Orleans bei der Börsen-Landungsbrücke, und er schlüpfte aus dem Kahn heraus und schwamm an Land. Er marschierte die drei Meilen von dieser Stelle bis zum Hause eines Onkels, der in Good-Childrenstreet in New Orleans wohnte, und dann war er für eine Zeit lang aus der Not. Aber sein Onkel hielt es ebenfalls mit der Union und kam sehr bald zur Ueberzeugung, daß er besser täte, den Süden zu verlassen. Er machte sich also mit dem jungen Wicklow heimlich davon und sie fuhren mit einem Segelschiff nach New York, wo sie im ›Astor House‹ abstiegen. Jung-Wicklow führte nun eine Zeit lang ein ganz angenehmes Leben, schlenderte auf dem Broadway herum und studierte das für ihn neue Leben im Norden. Schließlich aber kam eine Wendung – und zwar nicht zum Besseren. Der Onkel war zuerst guter Dinge gewesen, mit der Zeit aber fing er an, unmutig und kleinlaut dreinzuschauen, ja, er wurde verdrießlich und reizbar, sprach von den vielen Geldausgaben und den wenigen Einnahmen – ›nicht genug mehr für einen, geschweige denn für zwei.‹ Dann, eines Morgens, war er nicht da – kam nicht zum Frühstück. Der Junge erkundigte sich im Hotelbureau und erfuhr, sein Onkel habe den Abend vorher seine Wohnung bezahlt und sei abgereist – nach Boston, meinte man, wußte es aber nicht bestimmt.