»Jawohl, Herr Major. Die Musiker wissen ihrer Seele keine Ruhe mehr vor des Bengels Beten. Kaum ist er Morgens wach – betet er; Mittags – betet er; und Nachts – na Nachts, da ist er gerade als wäre er besessen mit seinem Beten. Schlafen? Ach herrje, sie können ja nicht schlafen. Er hat’s Wort, wie man zu sagen pflegt, und wenn er mal seine Gebetmühle in Bewegung gesetzt hat, da gibt’s kein Unterbrechen. Zunächst nimmt er den Kapellmeister vor und betet für den; dann kommt der erste Hornist dran, für den betet er auch; dann kriegt der Mann mit der großen Trommel sein Teil und so weiter, die ganze Kapelle hindurch, bis jeder sein Gebet hat, und das alles mit einer Inbrunst, als dächte der Junge, er hätte nur noch eine kurze Weile auf Erden zu leben und könnte im Himmel nicht glücklich sein, wenn er nicht seine Regimentsmusik für sich hätte, und man sollte meinen, er suchte sich seine Kapelle aus, um ihm da oben in einem der Oertlichkeit angemessenen Stil unsere Nationalhymne vorzuspielen. Schön und gut – Stiefel nach ihm schmeißen nützt ganz und gar nichts; es ist dunkel im Saal, und außerdem ist er bei seinem Beten auch noch niederträchtig, er kniet nämlich hinter der großen Trommel, und da macht es ihm nichts aus, wenn Stiefel auf ihn hageln; er muckt nicht ’mal dabei und plappert weiter, als wäre es bloß Beifallsklatschen. Und sie brüllen: ›Oho, Mund halten!‹ ›Laß uns in Frieden!‹ ›Schmeißt ihn ’naus!‹ ›O, scher’ dich zum Teufel!‹ u. s. w., u. s. w. Aber was nützt das alles? Ihn rührt es nicht. Er merkt es gar nicht.«
Und nach einer Pause fuhr Rayburn fort: »Dabei ist er ein gutmütiger kleiner Narr; steht frühmorgens eher auf und trägt alle Stiefel auf einen Haufen und sortiert sie und setzt jedem Mann sein Paar auf den richtigen Platz. Und sie sind so oft nach ihm geschmissen, daß er jetzt jeden Stiefel kennt – kann sie mit geschlossenen Augen sortieren.«
Wieder eine Pause, die ich natürlich nicht unterbrach; dann fuhr er fort: »Aber nun kommt noch das Allerschlimmste der Geschichte: Wenn er mit Beten fertig ist – wenn er endlich und endlich überhaupt mal damit fertig ist, dann legt er los und fängt an zu singen! Na, Sie wissen ja, was für ’ne honigsüße Stimme er schon hat, wenn er spricht, Sie wissen, er könnte damit einen gußeisernen Hund von der Schwelle locken, um ihm die Hand zu lecken. Nun, auf mein Wort, Herr Major, gegen sein Singen ist das noch gar nichts! Flötentöne sind rauh im Vergleich mit des Burschen Gesang. Es geht ihm so sanft und so süß und so lieblich aus der Gurgel, daß man denkt, man ist im Himmel.«
»Aber was ist denn da Schlimmes dabei?«
»O, das ist’s ja gerade, Herr Major! Man hört ihn singen:
So wie ich bin – unglücklich arm und blind –
ja, das hört man ihn bloß einmal singen, und da schaut man auf und ’s Wasser kommt einem in die Augen. Einerlei was er singt – es geht einem, hast du nicht gesehen!, an die Nieren – geht einem tief hinein, da wo’s Leben ist – und ’s packt einen jedesmal. Hören Sie ihn bloß ’mal singen:
Kind von Sünd’ und Sorgen,
Voll von Angst und Not,
Warte nicht bis morgen,