»Das ist’s ja eben. Er ist zu überirdisch. Kein gewöhnliches Menschenkind kann ihn vertragen. Es regt einen so fürchterlich auf, das Herz im Leibe dreht sich einem dabei um; es zerrt einem alle Gefühle zu Fetzen, man fühlt sich elend und verflucht und denkt, man sei bloß noch zum Sterben gut. Man ist dermaßen in einem ewigen Zustand von Zerknirschung, daß einem kein Essen mehr schmeckt und man am ganzen Leben keine Lust mehr hat. Und dann das Heulen – verstehen Sie, jeden Morgen schämen sie sich vor einander und können sich nicht ins Gesicht sehen.«
»Hm, das ist ja ein sonderbarer Fall und eine merkwürdige Beschwerde. Sie verlangen also wirklich, daß das Singen aufhört?«
»Ja, Herr Major, so denken sie. Sie möchten nicht um zu viel bitten; sie wären ja mächtig froh, wenn die Beterei aufhörte, oder wenn er wenigstens damit ein Haus weiter ginge. Aber die Hauptsache ist die Singerei. Wenn sie bloß das Singen los werden, so denken sie, das Beten können sie aushalten, wenn es gleich ein hartes Stück ist, in solcher Weise heruntergeputzt zu werden.«
Ich sagte dem Sergeanten, ich würde die Sache in Erwägung ziehen. In derselben Nacht schlich ich mich zu den Musikern ins Quartier und horchte. Der Sergeant hatte nicht übertrieben. Ich hörte die laute betende Stimme in der Dunkelheit; ich hörte die Flüche der ermüdeten Mannschaften; ich hörte den Stiefelregen durch die Luft sausen und die Geschosse rund um die große Trommel herum mit Gepolter niederfallen. Die Sache rührte mich, aber sie belustigte mich zugleich. Dann folgte eine eindrucksvolle Stille. Nach einer Weile begann das Singen. O Gott, diese Begeisterung, die darin lag, dieser bezaubernde Ausdruck! Niemals, so lange ich auf der Welt war, hörte ich etwas so Süßes, so Anmutiges, so Zartes, so Heiliges, so Rührendes. Ich ging sehr bald fort, denn ich begann eine Bewegung zu verspüren, wie sie sich für den Befehlshaber einer Festung nicht schickt.
Am nächsten Tag gab ich Befehle aus, die dem Beten und Singen ein Ende machten. Dann folgten drei Tage so voll vom Spektakel, wobei ausgelassene Rekruten ihr Werbegeld vertranken, daß ich gar nicht an meinen Trommlerjungen dachte. Aber eines Morgens kommt Sergeant Rayburn und sagt:
»Der neue Junge benimmt sich mächtig sonderbar, Herr Major.«
»Wieso?«
»Hm, er schreibt die ganze Zeit über.«
»Schreibt? Was schreibt er denn? Briefe?«
»Weiß ich nicht, Herr Major. Aber sobald er keinen Dienst hat, streicht er immer mutterseelenallein stöbernd und schnüffelnd im Fort herum – hol mich der …, wenn ich glaube, ’s gibt noch ’ne Ecke oder ’n Loch, wo er noch nicht hineingekrochen ist. Und alle paar Augenblicke bringt er Papier und Bleistift heraus und kritzelt was nieder.«