Dies erregte in mir ein höchst unangenehmes Gefühl. Ich hätte mich gerne darüber lustig gemacht, aber es war damals nicht die Zeit dazu, sich über das Geringste lustig zu machen, was irgendwie etwas Verdächtiges an sich hatte. Rund um uns herum, überall im Norden, gingen Dinge vor, die uns veranlassen mußten, immer auf dem Sprunge zu sein und immer guten Ausguck zu halten. Ich erinnerte mich an den Umstand – der viel zu denken gab – daß der Junge aus dem Süden stammte und sogar aus dem äußersten Süden, Louisiana, und dieser Gedanke war unter den obwaltenden Verhältnissen nicht gerade ermutigend. Immerhin kostete es mich innerlich einen Stoß, Rayburn die Befehle zu geben, die ich ihm erteilen mußte. Mir war zumute, wie einem Vater, der sich auf etwas einläßt, wodurch er sein eigenes Kind in Schimpf und Schande bringen kann. Ich befahl Rayburn, zu schweigen, seine Zeit abzuwarten und mir irgendwas von den Schreibereien zu verschaffen, wenn er’s tun könnte, ohne daß der Junge es merkte. Und vor allen Dingen sollte er nichts tun, wodurch der Knabe gewahr werden könnte, daß er beobachtet würde. Ich befahl ferner, dem Jungen seine gewohnten Freiheiten zu belassen, ihm aber in einiger Entfernung zu folgen, sobald er in die Stadt ginge.
Während der nächsten beiden Tage erstattete Rayburn mir mehrmals Bericht. Kein Erfolg. Der Junge schrieb zwar noch immer, aber er steckte jedesmal, wenn Rayburn in seiner Nähe erschien, mit einer unbefangenen Miene sein Papier in die Tasche. Zweimal war er in der Stadt in einen alten verlassenen Stall hineingegangen, war eine Minute oder zwei darin geblieben und dann wieder herausgekommen. Man konnte solche Dinge nicht auf die leichte Achsel nehmen – sie sahen sehr verdächtig aus. Nun muß ich selber eingestehen, daß ich anfing, mich unbehaglich zu fühlen. Ich begab mich in meine Privatwohnung und ließ den nächsthöheren Offizier holen – einen klugen Offizier von gesundem Urteil, Sohn des Generals James Watson Webb. Er war überrascht und beunruhigt. Wir besprachen die Angelegenheit des langen und breiten und kamen zu dem Schluß, es sei wohl angebracht, eine geheime Nachforschung anzustellen. Ich übernahm dies selber. So ließ ich mich denn um zwei Uhr morgens wecken und war einen Augenblick später im Schlafsaal der Musiker. Auf dem Bauch zwischen den schnarchenden Soldaten den Boden entlang kriechend, gelangte ich schließlich, ohne jemanden aufzuwecken, zur Pritsche meines schlummernden kleinen Vagabunden, erfaßte seine Kleider und seinen Tornister und kroch vorsichtig wieder zurück. In meiner Wohnung fand ich Webb, der in großer Erwartung des Ergebnisses harrte. Wir gingen sofort an die Untersuchung. Die Kleider enttäuschten uns; wir fanden in den Taschen unbeschriebenes Papier und einen Bleistift, sonst nichts außer einem Taschenmesser und allerhand nichtigem Tand, womit Knaben sich herumzuschleppen pflegen. Wir gingen hoffnungsvoll an den Tornister heran. Wieder bloß ein Fehlschlag. Eine kleine Bibel lag darin, und auf dem Vorsatzblatt stand geschrieben: ›Fremder, sei freundlich zu meinem Knaben, um seiner Mutter willen.‹
Ich sah Webb an – er schlug die Augen nieder; er sah mich an – ich schlug die meinigen nieder. Keiner von uns sprach ein Wort. Ich legte das Buch ehrfürchtig wieder auf seinen Platz. Plötzlich stand Webb auf und ging weg, ohne ein Wort zu sagen. Nach einer Weile nahm ich mich zusammen, um meine nicht gerade angenehme Aufgabe zu vollenden, und brachte den Plunder wieder an seinen Ort. Ich kroch dabei wieder wie vorher auf dem Bauch; das schien mir auch für eine solche Tätigkeit die einzig angemessene Haltung zu sein.
Ich war aufrichtig froh, als alles vorüber und fertig war.
Um die Mittagsstunde des nächsten Tages kam Rayburn wie gewöhnlich, um Meldung zu machen. Ich fuhr ihn an und sagte:
»Hören Sie jetzt auf mit diesem Unsinn! Wir machen einen Popanz aus einem armen kleinen Burschen, der so harmlos ist, wie ein Gesangbuch!«
Der Sergeant machte ein erstauntes Gesicht und sagte:
»Hm, Sie wissen doch, es war Ihr eigener Befehl, Herr Major, und ich habe etwas von seiner Schreiberei erwischt!«
»Und was soll’s damit? Wie bekamen Sie’s?«
»Ich guckte durch das Schlüsselloch und sah ihn schreiben. Als ich dachte, er wäre wohl ungefähr damit fertig, hustete ich ein bißchen, und da sah ich, wie er’s zusammenknäuelte und ins Feuer warf; dann guckte er sich nach allen Seiten um, ob jemand käme, und dann setzte er sich so bequem und harmlos wie nur irgend einer zurecht. Und dann kam ich herein und sagte ihm freundlich Guten Tag und schickte ihn mit einem Auftrag weg. Er sah durchaus nicht verlegen drein, sondern ging ohne weiteres. Im Kamin war eben ein Kohlenfeuer angemacht; das Geschreibsel lag hinter einem Kohlenblock verborgen; aber ich holte es heraus, und hier ist es; es ist, wie Sie sehen, kaum eben angesengt.«