Ich sah mir das Papier an und las einen oder zwei Sätze. Hieran schickte ich den Sergeanten fort und ließ durch ihn Webb sagen, er möchte zu mir kommen.

Der Zettel lautete wörtlich:

Fort Trumbull, den 8.

Herr Oberst! Ich war im Irrtum betreffs des Kalibers der drei Geschütze, die ich am Schluß meiner Liste aufführte. Es sind Achtzehnpfünder; im übrigen ist jedoch die Armierung so, wie ich angab. Die Garnison ist noch so, wie ich zuletzt berichtet; indessen bleiben die beiden Kompanien leichte Infanterie, die nach dem Kriegsschauplatz abgehen sollten, augenblicklich noch hier – für wie lange noch, das kann ich jetzt nicht sagen, werde es aber bald herausbekommen. Wir sind der Meinung, daß es in Anbetracht der ganzen Sachlage besser sei, es noch zu verschieben bis …

Hier brach das Schreiben ab – gerade an dieser Stelle hatte Rayburn gehustet und den Schreiber unterbrochen. Alle meine Zuneigung zu dem Knaben, all meine Achtung vor ihm und mein Mitleid wegen seiner trostlosen Lage schwanden augenblicklich angesichts dieser Schurkerei, die eine kaltblütige Niederträchtigkeit enthüllte.

Doch darum handelte es sich jetzt nicht. Hier gab es Arbeit – Arbeit, die eine tiefgehende Aufmerksamkeit erforderte, und zwar augenblicklich. Webb und ich betrachteten die Sachlage von allen Seiten und Gesichtspunkten, und Webb sagte:

»Wie jammerschade, daß er unterbrochen wurde! Irgend etwas soll verschoben werden, bis … bis wann? Und was ist das für ein ›es‹? Möglicherweise hätte er’s noch erwähnt, das heuchlerische kleine Reptil.«

»Ja,« sagte ich, »wir haben eine Gelegenheit verpaßt. Und was bedeutet das ›Wir‹ in dem Brief? Bezieht sich das auf Verschwörer innerhalb oder außerhalb des Forts?«

In dem ›Wir‹ lagen recht unbequeme Möglichkeiten angedeutet. Indessen es lohnte sich nicht, uns darüber in Vermutungen zu ergehen, und so gingen wir zu Sachen über, die eine praktischere Bedeutung hatten. Vor allen Dingen beschlossen wir die Schildwachen zu verdoppeln und die allerstrengste Wachsamkeit zu beobachten. Sodann dachten wir daran, uns Wicklow kommen zu lassen und ihn zum Sprechen zu bringen; das schien uns indessen doch nicht das Klügste zu sein, solange nicht alle anderen Methoden uns im Stich ließen. Wir mußten uns noch einiges mehr von seinen Schreibereien beschaffen; hierauf richteten wir also unsere Pläne. Und da hatten wir einen Einfall. Wicklow ging niemals zum Postamt – vielleicht war der leerstehende Stall sein Postbureau. Wir ließen meinen Privatsekretär kommen, einen jungen Deutschen, Namens Stern, der eine Art von geborenem Detektiv war. Wir machten ihn mit den näheren Umständen bekannt und sagten ihm, er möchte ans Werk gehen. Binnen einer Stunde bekamen wir Bescheid, daß Wicklow wieder etwas schreibe. Kurz darauf kam die Meldung, er habe um Stadturlaub gebeten. Er wurde eine kurze Weile hingehalten, und in der Zwischenzeit lief Stern in die Stadt und versteckte sich im Stall. Nach einiger Zeit sah der Deutsche, wie Wicklow hereingeschlendert kam, sich nach allen Seiten umsah, dann etwas unter einem Schutthaufen im Winkel versteckte und sich gemächlich wieder entfernte. Stern fiel über den versteckten Gegenstand her – es war ein Brief. Er brachte ihn uns. Das Schreiben hatte weder eine Adresse noch eine Unterschrift. Zunächst waren darin die Sätze wiederholt, die wir bereits gelesen hatten, dann hieß es weiter:

Wir halten es für das beste, es aufzuschieben bis die beiden Kompanien fort sind. Ich meine damit, daß die vier drinnen so denken; mit den anderen habe ich mich nicht in Verbindung setzen können – befürchte Aufmerksamkeit zu erregen. Ich sage ›vier‹, weil wir zwei verloren haben; sie waren kaum eben angeworben und ins Fort gekommen, als sie eingeschifft wurden, um zur Front abzugehen. Es wird unbedingt notwendig sein, an ihrer Stelle zwei andere hier zu haben. Die beiden Abgegangenen waren die Brüder von Thirtymile-Point. Ich habe etwas von der größten Wichtigkeit mitzuteilen, darf es aber diesem Verkehrsweg nicht anvertrauen. Werde es auf dem anderen versuchen.