»Der kleine Schuft!« rief Webb. »Wer hätte auch annehmen können, daß er ein Spion wäre? Indessen, lassen wir das! Wir wollen einmal die einzelnen Umstände, so wie sie sind, aufrechnen und sehen, wie die Angelegenheit in diesem Augenblick steht. Erstens: Wir haben in unserer Mitte einen Rebellenspion, den wir kennen. Zweitens: Wir haben in unserer Mitte noch drei andere, die wir nicht kennen. Drittens: Diese Spione sind durch das einfache und leichte Mittel, sich als Soldaten in die Unionsarmee einreihen zu lassen, in das Fort hineingeschmuggelt worden – und offenbar sind zwei von ihnen dabei angeführt worden, indem sie nach dem Kriegsschauplatz abrücken mußten. Viertens: Es sind noch verbündete Spione ›draußen‹ vorhanden; Zahl derselben unbestimmt. Fünftens: Wicklow ist im Besitz sehr wichtigen Materials, das er sich nicht getraut auf dem ›gewöhnlichen Wege‹ mitzuteilen – will’s ›auf dem anderen versuchen‹. So steht also der Fall zur Zeit. Sollen wir Wicklow beim Kragen packen und ihn zum Geständnis zwingen oder sollen wir die Person abfangen, die die Briefe aus dem Stall abholt, und sollen wir diese zum Sprechen bringen? Oder sollen wir uns ruhig verhalten, um noch mehr zu erfahren?«

Wir entschieden uns für das letztere. Es schien uns nicht nötig, schon jetzt zu durchgreifenden Maßregeln überzugehen, denn aller Wahrscheinlichkeit nach würden die Verschwörer warten, bis die beiden Kompanien leichte Infanterie ihnen nicht mehr im Wege wären. Wir gaben Stern ziemlich weitgehende Vollmachten und sagten ihm, er müsse sich die größte Mühe geben, um Wicklows anderes Verkehrsmittel ausfindig zu machen. Wir gedachten ein kühnes Spiel zu spielen und wollten zu dem Zweck die Spione so lange wie möglich nicht merken lassen, daß wir Verdacht geschöpft hatten. Wir befahlen daher Stern, sofort wieder nach dem Stall zu gehen und dort, wenn er die Luft rein fände, Wicklows Brief wieder an dem Ort zu verstecken wo er ihn hergenommen, und ihn dort zu lassen, damit die Verschwörer ihn finden möchten.

Die Nacht brach an, ohne daß sich etwas Weiteres ereignet hätte. Es war kalt und finster; ein rauher Wind blies und brachte Hagelschauer. Trotzdem verließ ich in dieser Nacht mehrere Male mein warmes Bett und machte in eigener Person die Runde, um nachzusehen, ob alles in Ordnung, und ob jede Schildwache auf dem Posten wäre. Ich fand sie stets wach und aufmerksam. Augenscheinlich war ein Gewisper von geheimnisvollen Gefahren umgegangen, und die Verdoppelung der Wachtposten hatte diesen Gerüchten einen gewissen Rückhalt verliehen. Gegen Morgen begegnete ich bei einer solchen Runde Webb, der sich dem schneidend kalten Wind entgegen seinen Weg bahnte; ich hörte von ihm, daß er ebenfalls mehreremale die Runde gemacht, um nach dem Rechten zu sehen.

Der nächste Tag brachte die Ereignisse in ziemlich lebhaften Schwung. Wicklow schrieb abermals einen Brief. Stern lief nach dem Stall voraus und sah, wie er ihn dort niederlegte; er nahm ihn an sich, sobald Wicklow wieder draußen war, dann schlich er sich ebenfalls hinaus und folgte dem kleinen Spion in einiger Entfernung. Ihm selber war ein Detektiv in Alltagskleidern unmittelbar auf den Fersen, denn wir hielten es für ratsam, für den Notfall gleich die Hilfe des Gesetzes zur Hand zu haben. Wicklow ging nach dem Bahnhof und lungerte dort herum, bis der Zug von New York einlief; dann musterte er scharfen Blickes die Gesichter der Passagiere, die den Wagen entströmten. Auf einmal kam ein alter Herr mit grüner Brille und einem Stock herangehinkt, blieb in Wicklows Nachbarschaft stehen und begann sich umzusehen, als ob er jemanden erwartete. Blitzschnell trat Wicklow vor, drückte ihm einen Briefumschlag in die Hand, glitt hinweg und verschwand im Gedränge. Im nächsten Augenblick hatte Stern den Brief erhascht; er eilte an dem Geheimpolizisten vorüber und flüsterte diesem zu: »Folgen Sie dem alten Herrn; verlieren Sie ihn nicht aus den Augen!« Dann entfernte er sich eiligst mit der Menge und begab sich geraden Weges nach dem Fort.

Wir berieten bei geschlossenen Türen und wiesen den Wachtposten draußen an, daß wir durchaus keine Störung haben wollten.

Zunächst öffneten wir den im Stall abgefangenen Brief. Er lautete:

Heilige Allianz! Fand in der gewöhnlichen Kanone Befehle vom Meister, die in der vergangenen Nacht dort hinterlassen waren; die Weisungen, die ich bisher vom untergeordneten Kommando empfing, sind dadurch umgestoßen. Ließ in der Kanone das gewöhnliche Zeichen, daß die Befehle in die richtige Hand gekommen sind …

Hier unterbrach Webb mich mit der Frage:

»Ist denn der Bursche jetzt nicht unter beständiger Beobachtung?«

Ich bejahte dies; er wäre seit der Beschlagnahme des vorigen Briefes unablässig streng bewacht worden.