»Wie konnte er dann irgendwas in eine Kanone stecken oder etwas herausnehmen, ohne dabei gefaßt zu werden?«

»Nun ja,« sagte ich, »dies gefällt mir ganz und gar nicht.«

»Mir erst recht nicht,« bemerkte Webb. »Es bedeutet ganz einfach, daß sogar unter den Schildwachen Verschwörer sind. Wenn diese nicht in der einen oder der anderen Weise mit im Einverständnis wären, so wäre die Sache nicht möglich gewesen.«

Ich ließ Rayburn kommen und befahl ihm, die Batterien zu durchsuchen und sich Mühe zu geben, etwas zu finden. Dann las ich den Brief weiter:

Die neuen Befehle lauten sehr bestimmt: die M.M.M.M. sollen morgen früh um 3 Uhr F.F.F.F.F. sein. Zweihundert werden in kleinen Trupps mit der Eisenbahn und auf anderen Wegen aus verschiedenen Richtungen ankommen und zur rechten Zeit am verabredeten Ort sein. Ich werde heute das Zeichen verteilen. Erfolg ist augenscheinlich sicher, obwohl irgend etwas ausgekommen sein muß, denn die Schildwachen sind verdoppelt worden und die höheren Offiziere machten letzte Nacht mehreremale die Runde. W.W. kommt heute von Süden her und wird heute geheime Befehle empfangen – auf dem andern Wege. Ihr müßt alle sechs genau um 2 Uhr morgens in 166 sein. Dort findet ihr B.B., der euch genaue Weisungen geben wird. Losungswort dasselbe wie letztesmal, nur umgekehrt – setzt erste Silbe hinten und letzte Silbe vorne an. Gedenket XXXX! Vergeßt das nicht! Seid guten Mutes; bevor wieder die Sonne aufgeht, werdet ihr Helden sein! Euer Ruhm wird ewig sein und ihr werdet der Weltgeschichte ein unvergängliches Blatt hinzugefügt haben. Amen.

»Donner und Mars!« rief Webb »Aber da kommen wir ja, wie mir scheint, in eine ganz brenzliche Geschichte hinein!«

Ich antwortete, es sei keine Frage, daß die Sache sehr ernst auszusehen anfinge.

»Ein verzweifeltes Unternehmen,« sagte ich, »ist im Gange, das ist ganz klar. Diese Nacht ist die dafür angesetzte Zeit – das ist ebenfalls klar. Die wahre Natur des Anschlags – ich meine die Art und Weise der Ausführung – ist durch diese Bündel von F und M verschleiert, aber das Endziel, scheint mir, ist die Ueberrumpelung des Forts. Jetzt gilt es scharf zu überlegen und schnell zu handeln. Ich glaube mit Fortsetzung der geheimen Ueberwachung Wicklows kann nichts mehr erreicht werden. Wir müssen wissen, und zwar so schnell wie möglich, wo ›166‹ gelegen ist, sodaß wir um zwei Uhr in der Frühe die Bande dort fangen können; die schnellste Methode, diese Kenntnis zu erlangen, besteht ohne Zweifel darin, daß wir den Burschen zum Geständnis zwingen. Aber vor allen Dingen muß ich, ehe wir irgend einen wichtigen Schritt vornehmen, den Sachverhalt dem Kriegsdepartement unterbreiten und um Vollmachten bitten.«

Es wurde ein chiffriertes Telegramm aufgesetzt; ich las und genehmigte es und sandte es sofort ab.

Damit schloß unsere Beratung in betreff des Spionenbriefes, und ich öffnete den anderen, welchen Stern dem lahmen Herrn aus der Hand gerissen hatte. Er enthielt nichts weiter, als zwei vollkommen unbeschriebene Blätter aus einem Notizbuch! Das war ein kalter Guß auf unsere hochgespannten heißen Erwartungen. Einen Augenblick lang kamen wir uns so leer vor wie das Papier, und zweimal so albern. Aber das dauerte nur einen Augenblick, denn natürlich dachten wir unmittelbar darauf an ›sympathetische Tinte‹. Wir hielten das Papier dicht übers Feuer und dachten, nun würden unter dem Einfluß der Hitze die Buchstaben gleich zum Vorschein kommen, aber es erschien nichts als ein paar schwache Striche, aus denen wir nicht klug werden konnten. Wir ließen darauf den Regimentsarzt rufen und beauftragten ihn, alle ihm bekannten chemischen Verfahren anzuwenden, bis er auf das richtige träfe. Sobald er die Schriftzeichen an die Oberfläche brächte, sollte er mir sofort den Inhalt des Briefes mitteilen. Der Fehlschlag war uns im höchsten Grade ärgerlich, und natürlich tobten wir über die Verzögerung; denn wir hatten steif und fest erwartet, durch den Brief einige von den wichtigsten Geheimnissen der Verschwörung zu erfahren.