Bei Bekämpfung des Raubzeugs kennen einzelne Jäger keine Rücksicht, und es läuft ebenso häßliche wie unnötige Roheit und Tierquälerei da mit unter. Oder ist es keine Roheit, die Fähe in der Heckezeit abzuschießen, daß die Welpen im Bau elend verhungern müssen, oder das Habichtsweibchen am Horst wegzuknallen und so die Jungvögel einem elenden Tode preiszugeben? Ist's nicht Tierquälerei, den Fuchs vierundzwanzig Stunden im Eisen sich abquälen und Eulen oder Bussarde tagelang mit zerschmetterten Fängen in dem Marterinstrument hängen zu lassen? Wo der Jäger sich des »Raubgesindels«, wie er's nennt, nicht anders glaubt erwehren zu können, als daß er Fallen legt und Eisen stellt, da hat er die Pflicht und Schuldigkeit, am frühen Morgen nachzusehen, ob sich ein Tier gefangen hat. Wer es unterläßt, macht sich ebenso der Aasjägerei schuldig wie einer, der auf fünfzig Schritt Rehe oder Rotwild mit Schrot anspritzt oder ein angeschweißtes Stück Wild nicht nachsucht. Aber den Räubern gegenüber befinden sich die Jäger noch oft, wie Löns schreibt, in einem mittelalterlichen Irrwahn; »der Fuchs ist ihnen ein Dämon, der nachts umgeht und suchet, was er verschlinge«.
Von anderem Raubwild weiß das Märchen nur wenig. Den Luchs, der in Deutschland bereits völlig ausgestorben ist, kennt es kaum, und wo die Katze auftritt, da handelt es sich in den meisten Fällen um unsre Hausmiez, nicht um die Wildkatze. Diese ist bis auf wenig Reste aus den deutschen Forsten verschwunden; nur die zusammenhängenden Waldungen, die Dickungen und Felsenklüfte an der Mosel und im Südharz bieten Hinz, dem Kater, dem kraftstrotzenden, gelenkigen Räuber, noch gute Verstecke. In bewohnteren Gegenden kann man die Wildkatze nicht dulden; sie hat der Kultur weichen müssen. Aber noch recht häufig kommt sie in den Karpaten vor, wurden doch im Jahre 1908 noch 5045 Wildkatzen im damaligen Ungarn zur Strecke gebracht.
Und nun unser gemütlicher Igel. Wer kennt es nicht, das köstliche Märchen von »Swinegel un siner Fru«, wie sie beim Wettlauf den flüchtigen Lampe betrügen, und die lustige Lehre, die Gebrüder Grimm hinzufügen, »datt et gerahden is, wenn eener freet, datt he sick 'ne Fru ut sienem Stande nimmt, un de just so uutsäht es he sülwst. Wer also en Swinegel is, de mutt tosehn, datt siene Fro ook en Swinegel is«. Oder wer kennt sie nicht, die Fabel vom Igel und dem Hund, der sich an dem stachligen Gesellen die Nase blutig sticht, oder die Geschichte vom Igel, der auswandert, weil er von allen Tieren seiner Stacheln wegen mißachtet und beschimpft wird, und zufällig ins Land der Stachelschweine kommt, wo alle Einwohner ganz entzückt ausrufen:
»… welch schöne Augenweide!
Sieh nur den Fremdling mit dem Haar von Seide!«
Woran H. H. Ewers die Moral knüpft:
»Ja, also ist's! und schelten auch die einen
Voll Hohn dich eine Borstenkreatur,
Ein struppig Stacheltier – so mußt du wandern:
Als Seidenviehchen loben dich die andern.«
Ein köstliches Bild, wenn man 'mal im raschelnden Herbstlaub einer Igelmama mit ihren vier oder fünf »lütjen Kinners« begegnet, kleinen, spaßhaften Stachelkugeln, die man gern 'mal in die Hand nimmt. Und dieser Mäuse- und Insektenvertilger wird – man sollte es kaum glauben – gleichfalls von manchem Jäger verfolgt, da sein schnupperndes Näschen natürlich auch 'mal ein bodenständiges Nest findet und der Igel dann nicht lange danach fragt, ob es ein paar Regenwürmer sind oder Jungvögel, die er entdeckt hat. Ich kenne wenig Tiere, die als Mäusefänger so nützlich, zugleich aber in ihrer ganzen Erscheinung und in ihrem Gebaren so lustig und interessant sind wie der Igel, und ich möchte alle Leser bitten, Swinegel und seiner Familie das allergrößte Wohlwollen entgegenzubringen.
Lampe, der Hase, kommt gleichfalls oftmals in Märchen und Fabeln vor; er ist immer das arme, geplagte, verfolgte Tier: alles, alles will ihn fressen, zumal der Mensch. Um sein Aussterben brauchen wir aber kaum Sorge zu tragen. Der strenge Jagdschutz nimmt sich seiner an; denn der Hasenbestand ist meistens der Wertmesser des ganzen Reviers, wenigstens im Niederland. Freilich, wer in den letzten Jahren lediglich den Ladentischen unsrer Wildbrethandlungen seine Aufmerksamkeit geschenkt hat, die fast immer »hasenrein« waren, der muß zu der Ansicht gekommen sein, daß man entweder Lampe neuerdings aus der Liste der jagdbaren Tiere gestrichen und ihm ewige Schonzeit zugebilligt habe, oder daß es mit dem Hasenfuß auf unsern Fluren für immer vorbei sei. Aber die Sache hat andere Gründe, die ich hier nicht erörtern will.
Allerdings mit der Jagd steht es heute schlimm genug. Überall Wilddiebe, die ihr dunkles Gewerbe treiben! In manchem Revier sind schon alle Rothirsche abgeschossen, in fast jedem ihre Zahl stark gezehntet worden. Und wie die fürstlichen Jagdherren gewiß manchmal in nicht gerechtfertigter Weise zum Schaden des Landwirts, auch der Forstwirtschaft, das Hochwild über die Maßen hegten und pflegten, so verfällt man jetzt ins Gegenteil. Man knallt alles nieder oder wenigstens weit mehr als nötig ist. Es erinnert dieser Vorgang ans Jahr 1848. Auch damals hat man den Rotwildstand, z. B. in unserm Sachsen, so arg abgeschossen, daß ernstlich die Frage erörtert wurde, ob damit nicht das Ende des Rotwilds für alle Zeiten gekommen sei. Und heute stehen Naturfreund und weidgerechter Jäger vor derselben bangen Frage. Nur ist keine Aussicht vorhanden, daß irgendein Jagdherr in Zukunft in der Lage sein wird, sein Wild so zu schützen, zu hegen und zu pflegen, wie es bisher der Fall war.
Es tut einem das Herz weh, wenn man bedenkt, daß der Hirsch, von dem die Tierfabel so manches zu berichten weiß, daß sogar das zierliche Reh, das in vielen Märchen eine besonders liebliche Rolle spielt, vielleicht in recht naher Zeit aus unsern heimatlichen Wäldern, wenn auch nicht völlig verschwinden, so doch hier immer seltener werden soll[2]. Die Freude an der Natur, an der Jagd, an dem Wild liegt unserm Volke im Blut, ein Erbgut aus Urväterzeit. Und wenn es gewiß auch eine falsche Vorstellung ist, daß die alten Germanen nur von der Jagd lebten – im Gegenteil, sie waren seßhafte Ackerbauern und hatten es schon zu Beginn unsrer Zeitrechnung in der Art, wie sie ihre Ländereien bestellten, weiter gebracht, selbst als die Römer – so war doch die Jagd von großer Bedeutung für sie.