[2] Bis vor kurzem wenigstens war das zu befürchten; erst in allerletzter Zeit scheint sich der Rehstand hier und da wieder erfreulich gehoben zu haben.
Aber ist sie es nicht auch noch in der Gegenwart? Es sind sich wenig Menschen, auch die nicht, die gern einmal einen Hasenbraten oder eine Rehkeule verzehren, darüber klar, welche ungeheuren Werte unser Wildbestand darstellt. Man hat berechnet, daß unmittelbar vor dem Kriege die jährliche Ausbeute an Wildbret im Deutschen Reiche 20 Millionen Kilogramm betrug, damals im Werte von wenigstens 25 Millionen Mark, daß die Decken, Schwarten, Bälge einen Marktpreis von gegen 1½ Millionen besaßen, daß der Erlös an Geweihen und Gehörnen etwa 1 Million betrug. Das Reich nahm beinahe 6 Millionen Mark aus den Jagdscheinen ein, die Gemeinden schlugen 40 Millionen aus den Jagdpachten heraus. Dazu kommen die Millionen, die Jagdaufseher, Treiber, Hundezüchter, Waffen-, Munitions-, Jagdbekleidungsfabrikanten u. a. verdienen. (Vgl. H. Löns, Kraut und Lot, S. 105 ff.)
Aber diese volkswirtschaftliche Bedeutung der Jagd ist nicht die Hauptsache. Der Jagdschutz, wenn er streng durchgeführt wird, erhält uns das Wild als ein wertvolles Stück der heimatlichen Natur zur Freude nicht nur des Jägers, sondern jedes Naturfreundes, und da sich die Wildhege mit Erfolg immer nur in einem Gelände ausüben läßt, das noch bis zu gewissem Grade das Gepräge der Urwüchsigkeit zeigt – ursprüngliche Wälder, Brüche, Moore, Heiden – so haben wir es zu nicht geringem Teil der Jagd zu verdanken, wenn noch nicht überall die Ackerbausteppe und der durchforstete Nutzwald in unserm Vaterland herrschen, sondern auch noch ab und zu ein Stück Land ein mehr oder weniger ursprüngliches Gepräge zeigt. Jagd und Jagdpflege sind der unbewußte Anfang des Naturschutzes und der Naturdenkmalpflege gewesen, und daher ist es die Pflicht des Heimatschutzes, die edle weidgerechte Jagd, deren Hauptaufgabe in der Hege und Pflege eines angemessenen Wildstandes besteht, hochzuhalten und alle jagdlichen Bestrebungen nach der gekennzeichneten Richtung hin zu unterstützen. »Jagdschutz« also auch in dem Sinne: »Schutz der Jagd!«
Ungleich zahlreicher noch als die Säugetiere sind die Vögel, die sich besonderer Volkstümlichkeit erfreuen und deshalb in vielen Märchen und Fabeln auftreten. Gleich jenen haben auch die Vögel ihren König, den Adler, nicht wie der Löwe ein Tier fremder Zonen, sondern ein Bewohner unsrer Heimat. Aber wie wenige meiner Leser werden den stolzen Vogel aus der freien Natur kennen! Bei uns in Deutschland stehen sämtliche Adler auf der Aussterbeliste. Der Steinadler horstet wohl noch in ein oder dem andern Paar in den bayrischen Alpen, während er in den Wäldern Ostpreußens seit Beginn unsers Jahrhunderts ausgerottet zu sein scheint. Und doch war dieser wahrhafte König der Lüfte noch vor hundert Jahren in manchem deutschen Mittelgebirge Brutvogel, ebenso weitverbreitet im Niederland, in Pommern, Westpreußen, der Mark so gut wie im Böhmer Wald oder im Riesengebirge.
Etwas besser steht es noch heute um See- und Fischadler; doch sind deren Horste an der Ostseeküste und auf der norddeutschen Seenplatte gleichfalls gezählt. Den Nachstellungen des Menschen ist der König der Vögel zum Opfer gefallen. Auch in den Alpen ist der Anfang vom Ende da, gezählt sind die Tage seiner Herrschaft. In Sachsen horstet schon längst kein Adler mehr. Aber der Wanderzug führt stets noch einige Seeadler, auch Fischadler durch unser Land. Sie kommen von der Wasserkante oder weit aus den russischen Wäldern. Ein gefährlicher Flug ist's. Es vergeht kein Jahr, wo nicht ein oder der andere der stolzen Vögel von einem Schießer heruntergeknallt wird, der sich dann als kühner »Adlerjäger« brüstet.
Mit den nächtlichen Raubvögeln, den Eulen, hat sich die Märchen- und Fabeldichtung gleichfalls viel beschäftigt; Und das ist kein Wunder. Erst wenn die Dämmerung eintritt, beginnen die Eulen ihre Streifzüge. Dank ihrem seidenweichen Gefieder gleiten sie geräuschlos und deshalb geisterhaft an dem nächtlichen Wanderer vorüber, und unheimlich klagend heult ihre Stimme aus dem dunklen Walde. Gleich glühenden Kohlen funkeln die Riesenaugen im nächtlichen Schatten – wieviele Spukgeschichten mögen ihnen ihr Dasein verdanken! Das Märchen verwendet, um die Stimmung recht gruselig zu machen, die funkelnden Eulenaugen außerordentlich oft.
Ich glaube, es gibt wenig Menschen, die eine besondere Vorliebe für diese unheimlichen Gespenstertiere besitzen. Das tut mir leid, einmal der Eulen wegen und dann auch um meiner selbst willen, da ich mich mit meiner ausgesprochenen Passion für Käuze und Eulen aller Art ziemlich vereinsamt fühle. Ein rechtes Verständnis für die Anmut der Eulen habe ich nur bei den Italienern gefunden; diese betrachten ihre Steinkäuzchen als wirkliche Hausfreunde und richten dunkle Brutplätze unter den Dächern mit bequemen Eingängen für sie her. Allerdings ist ihre Vorliebe für Käuze nicht frei von Eigennutz; denn der Italiener bedient sich seiner Freunde zum Fang von Kleinvögeln. Auch die alten Griechen, denen Verständnis und Gefühl für Schönheit doch wahrhaftig nicht abgesprochen werden kann, erkannten die eigenartige Eulenschönheit. Die Eule war der Pallas Athene heilig, die selbst als »eulenäugig« bezeichnet wird; zugleich war sie das Wappentier der Hauptstadt, das Sinnbild der Weisheit, und sogar als Glücksbotin findet sie Erwähnung.
Wieviel könnten wir Deutschen doch von den alten Griechen in dieser Beziehung lernen! Bei uns heißt es: »Häßlich wie eine Nachteul'«, und Eulenaugen gelten nicht gerade als Schönheit. Dazu ist die Eule in deutschen Landen so recht der Unglücksvogel, dessen nächtlicher Ruf Krankheit und Tod kündet. Auch im deutschen Märchen ist der Kauz viel weniger der Vogel der Weisheit, als der böse Geist, der Dämon, der Hüter verborgener Schätze, dem Menschen feindlich gesinnt, vertraut mit der schwarzen Kunst, mit Zauberei; in der Fabel aber ist er ein Griesgram und rechter Philister.
Ebenso bedauerlich wie auffallend ist der Rückgang der Eulen in unsrer Heimat. Von dem Uhu will ich nicht reden – das letzte Paar brütete noch um die Wende unsers Jahrhunderts in den Felswänden des Hohnsteiner Reviers. Ich fürchte, der Schutz, den man heute in allen Staatsforsten dem seltenen Räuber gern gewähren möchte, kommt bereits zu spät, um den »König der Nacht« zu retten. Aber auch die mittelgroßen Eulen, wie Wald- und Schleierkauz, Wald- und Sumpfohreule, selbst die kleinen Käuzchen sind heutzutage viel seltener geworden als zu meiner Jugendzeit. Man mag eine Eule aus dem Gehöft verjagen, wenn man den Mäusejäger durchaus glaubt entbehren zu können; aber eine Eule töten, bleibt eine Roheit und Gemeinheit, wenn auch vor unsern ganz unzureichenden sächsischen Gesetzen der Frevler frei ausgeht. Alles, was bewehrte Fänge und einen Krummschnabel trägt, gehört in Sachsen zu den jagdbaren Vögeln, und auf diese findet das deutsche Reichsgesetz keine Anwendung. Der Freibrief, den dieses mit Recht dem Turmfalken, dem Schrei- und Seeadler, dem Bussard, der Gabelweihe und sämtlichen Eulen, mit Ausnahme des Uhus, ausstellt, hat also für Sachsen keine Gültigkeit. Hierin endlich einmal Wandel zu schaffen, ist eine dringende Forderung des Naturschutzes an die Gesetzgebung.