Viel mehr als die lichtscheue Eule ist im deutschen Märchen der Rabe der Vogel der Weisheit. Er hat die Gabe, in die Zukunft zu schauen und wird so zum Verkünder kommender Ereignisse. Das hängt zweifellos damit zusammen, daß bei unsern Altvordern der Rabe der Vogel Wodans war, der Götterbote, der den Verkehr zwischen dem Herrscher des Himmels und den Bewohnern der Erde vermittelte. Seine Verwandten, die Krähen und Elstern, gelten als diebisches, zänkisches Gesindel, letztere als besonders schwatzhaft.
Ein anderer Götterbote war der Storch; doch spielt dieser in orientalischen Erzählungen und Märchen eine weit größere Rolle als in unserm deutschen Märchenschatz. Auch in der deutschen Fabel begegnet man dem klappernden Hausfreund nur selten. Dagegen hat unser Volk um Leben und Treiben des Storchs einen reichen Kranz abergläubischer Vorstellungen gewunden, deren Ursprung sich in graue Vorzeit verliert.
Unter den Wasservögeln ist wohl der Schwan das vornehmste Märchen- und Sagentier. Wir denken an das lustige Märchen »Schwan, kleb an!«, an die reizende Geschichte vom kleinen »häßlichen Entlein«, das aber einem Schwanenei entschlüpft war und bald zum bildschönen Schwan heranwuchs; wir denken an Lohengrins Schwan und an die Schwanenritter oder an die Schwanenjungfrauen, die auf der Donau den Nibelungen erschienen und sie vor der Fahrt warnten, die allen den Untergang bringe. In Sachsen brütet der Wildschwan leider nirgends; dazu sind unsre Teiche zu klein und unsre Elbe mit ihren gemauerten Ufern viel zu nahrungsarm und zu unruhig. Wer aber die ostpreußischen Seen kennt, der wird sich mit Freude der anmutigen Schwimmvögel erinnern, die so manchem dieser Gewässer einen besonderen Schmuck verleihen. Auch Seen in Brandenburg und Mecklenburg oder der Unterlauf der Warnow unterhalb Rostock beherbergen noch immer eine erfreuliche Anzahl der stolzen Geschöpfe. Freilich haben die bösen Verhältnisse der Nachkriegszeit auch in ihre Reihen starke Lücken gerissen, so daß es ernstlich an der Zeit ist, für den Schutz dieser Tiere zu sorgen. Besonders lieblich sind die Familienbilder, die sie zu Sommers Anfang dem Beschauer bieten, wenn die Schwanenmutter ihre Kleinen das erstemal durchs Schilf auf die freie Wasserfläche führt oder die grauen Dunenbällchen auf den Rücken nimmt und mit dieser leichten Bürde zurück zum Neste gleitet.
An zweiter Stelle wäre auch der Gänse zu gedenken. Unsre geliebte Hausgans, deren Braten alljährlich an meinem Namenstage so manchen Mittagstisch verschönt – im vorigen Jahre nach längerer Pause auch den meinen, da eine freundliche Fee den köstlichen Vogel in mein Haus flattern ließ – stammt von der Graugans her, die gleichfalls noch in Norddeutschland brütet und gelegentlich ihrer Herbstreisen auch an unsre sächsischen Gewässer kommt. Sie ist eleganter in der Figur, als unsre Haus- und Hofgenossin, auch leichter im Flug, gewandter im Schwimmen; denn das Gänsefett belästigt sie nicht so stark wie jene. Auch die Ente mit dem goldnen Krönchen erscheint im Märchen, und in der Fabel tritt sie zumeist mit dem Fuchs auf, der ihr den Kragen umdrehen möchte.
Unter den Singvögeln sind vielleicht die volkstümlichsten Nachtigall und Lerche. Ihr Gesang hat von jeher den Menschen begeistert. In hundert Volksliedern wird die Nachtigall erwähnt, ja bei den Minnesingern, die sich nicht genug tun können, die kleinen Waldvöglein zu preisen, ist die Sängerin der Nacht so ziemlich der einzige Vogel, der mit Namen genannt wird. Die Lerche aber ist die Sängerin des Tages, die zum Licht emporsteigt, die mit der Morgenröte sich erhebt, um den ganzen Himmelsraum mit ihrem Jubel zu erfüllen, zum Preise des Schöpfers. Neben ihnen spielen in Märchen und Fabeln die andern Kleinvögel, wie Zeisig, Rotkehlchen, Zaunkönig und Star, nur bescheidene Rollen; sie treten in der Regel nicht allein auf, sondern in Begleitung jener Sänger. Ich erinnere an die Fabeln vom Zeisig, vom Kuckuck oder auch vom Wiedehopf und der Nachtigall, von der Schwalbe und der Lerche.
Die Schwalbe ist der Vogel, der das innigste Bündnis mit dem Menschen geschlossen hat; denn während recht viele zutrauliche Vögel wohl die Nähe menschlicher Siedlungen aufsuchen und ihre Wohnung an unsern Häusern, auf und unter dem Dach, am Gesims, auf einem Balkenkopf oder in irgendeinem versteckten Winkel aufschlagen, sind es die niedlichen Rauchschwälbchen mit dem gabelartig verlängerten Schwanz und der rostroten Stirn, die fast ausnahmslos im Innern der Gebäude Herberge nehmen. Dem Tragbalken des Vorhauses, der Decke des Kuh- oder Pferdestalles, wohl auch dem Schirm einer elektrischen Lampe vertrauen sie ihr Nestchen an. Und solche Anhänglichkeit an uns Menschen verdient Gegenliebe, wie man sie allgemein in deutschen Landen den lieblichen Vögelchen entgegenbringt. Eine Schwalbe zu töten oder auch nur ihr Nest zu zerstören, ist ein schwerer Frevel, der von der rächenden Gottheit mit langem Siechtum bestraft wird. Wo die glückverheißenden Vögel den Hof verlassen haben und im kommenden Frühjahr nicht wieder Einkehr halten, da zieht Unfrieden im Haus ein oder es stirbt ein Bewohner. Wer möchte es wünschen, daß solch frommer Aberglaube doch endlich in die Rumpelkammer längst überlebter mittelalterlicher Vorstellungen, die nicht mehr in unsre aufgeklärte Zeit passen, geworfen werde!
Sinnig sind manche Sagen, die von der Schwalbe berichten. Bei der Vertreibung der ersten Menschen aus dem Paradies flog eine Schwalbe blitzschnell an dem Flammenschwerte des zürnenden Engels vorüber, um das arme, verstoßene Menschenpaar in seine neue unbekannte Heimat zu begleiten. Hier ward sie ihm zur treuesten Freundin im Glück und im Unglück. Eine andere Sage erzählt: Als Christus am Kreuze hing und, vom Durst gequält, um Wasser flehte, da hörte eine Schwalbe des Heilands Bitte: »Mich dürstet«. Schnell eilte sie an eine Quelle, küßte dann des Sterbenden Lippen und träufelte einige Tropfen Wasser auf sie. Hierauf umflog sie das Haupt des Heilands, mit ihren langen Schwingen ihm Kühlung zufächelnd. Dabei streifte sie die blutenden Wunden, so daß sich Stirn und Kehle rot färbten. Ähnliches weiß die Sage auch vom Kreuzschnabel zu erzählen. Bei dem Versuch, die Nägel aus dem Kreuzesstamm zu zerren, hat sich sein Schnabel verbogen, sein Gefieder gerötet.
Nur ein Wort noch vom Wiedehopf. Er steht nicht im besten Geruch und ist doch mit seiner Federholle und dem ansprechenden Farbenkleid ein wunderhübscher Vogel. Heute kenne ich den Wiedehopf als sächsischen Brutvogel nur aus der Lausitz, wo er allerdings außerordentlich selten ist. In meiner Jugendzeit aber brüteten alljährlich mehrere Paare in den alten Kirschbäumen, die die Viehweide des Rittergutes meiner Heimat umgaben. Ein ganz abscheulicher Gestank, wenn man die Nase in den Eingang solcher Kinderstube bringt; selbst die ausgeflogenen Jungen müssen sich noch tagelang gewissermaßen auslüften, ehe sie den Geruch verlieren, so fest sitzt er ihnen im Gefieder. In der Fabel ist der Wiedehopf seines gekrönten Hauptes wegen der eitle Vogel, dessen armseliger Ruf sich mit dem Gesang der unscheinbaren Nachtigall nicht messen kann.
Die Zahl der Vögel, die das Märchen, ganz besonders aber die deutsche Fabel auftreten läßt, ist so groß, daß man leichter die Arten aufzählen könnte, von denen das Volk nichts zu erzählen weiß. Kuckuck und Pfau, Hahn und Sperling, Wachtel und Taube, Kranich und Reiher, Gimpel und Zeisig müßte ich nennen, und ich würde noch keineswegs allen gerecht werden. Gerade der Vogel ist von jeher der Liebling des Menschen gewesen; seine anmutige Gestalt, sein hübsches Farbenkleid, vor allem aber seine Stimme haben von Anfang an die Aufmerksamkeit eines jeden auf ihn gelenkt.