Die kaltblütigen Wirbeltiere stehen unserm Volke nicht so nahe; das Verhältnis zu ihnen ist weniger innig. Ganz besonders gilt das von den Fischen. In dem deutschen Märchen spielen sie eine nur sehr bescheidene Rolle, und auch in den Fabeln tritt nur hie und da mal der gefräßige Hecht oder der stumpfsinnige Karpfen auf. Die Fische haben wenig zu sagen, sie sind stumm; daraus erklärt sich wohl solche Vernachlässigung.

Aber unter den Lurchen gibt es ausgezeichnete Sänger, die mit ihrem Lied die ganze Frühlingsnacht erfüllen: die Frösche sind es. Unsern Seen- und Teichlandschaften verleiht ihr Chorgesang einen ganz eigentümlichen Reiz. Freilich handelt es sich dabei nur um die eine Art, den grünen Wasserfrosch, während man von dem andern, dem braunen Grasfrosch, der auf der feuchten Wiese oft in großer Anzahl vor unsern Schritten aufspringt, nur selten einen knurrenden Laut vernimmt; rana muta, d. i. der Stumme, nannte ihn deshalb der Zoolog. Um so lebhafter der andere, der Wasserfrosch. Er ist es, von dem das Märchen so viel zu erzählen weiß, von seinem Schloß tief unten im feuchten Element, wo der Froschkönig sein Reich aufgeschlagen hat und seine Herrschaft über die ganze pausbäckige Gesellschaft ausübt. Meist handelt es sich um Verwandlungsmärchen, um einen Fürstensohn, der in einen Frosch verzaubert ward und dann durch die Guttat eines Menschenkindes erlöst wird. Oder ich erinnere an Georg Rollenhagens »Froschmäuseler« aus dem Jahre 1595, ein langatmiges Reimwerk, dem Homers »Froschmäusekrieg« zur Grundlage diente. Die ganze wunderliche Hofhaltung der Frösche und Mäuse wird uns hier geschildert und die blutige Schlacht zwischen den Bewohnern des Wassers und den kleinen graufelligen Nagern des Feldes. Und dann, wieviel alte und neue Fabeln handeln doch von dem kaltblütigen Sänger, der bald mit der Nachtigall, bald mit dem Kuckuck den Wettgesang anstimmt!

Auch die Kröte mit der goldenen Krone ist eine Märchengestalt, die auf Erlösung harrt. Ich glaube, ihr schönes goldenes Auge, das treuherzig blickt, voll Wehmut und Sehnsucht, hat es dem Menschen angetan. Wer es fertig bringt, eine Kröte in roher Weise zu töten, muß bar jedes Gemüts sein.

Von den Schlangen ist im Märchen manchmal die Rede. Sie sind die Behüterinnen verborgener Schätze oder werden nur nebenbei erwähnt, um die gruselige Stimmung, die einsame, dunkle Orte dem Menschen einflößen, noch zu erhöhen. Selten wird eine bestimmte heimische Schlangenart genannt, auch die giftige Kreuzotter nicht. Dagegen tritt unter dem Namen »Hausunke« die Ringelnatter auf; ihre gelblichen oder weißen Halbmondflecken am Hinterkopf und Hals werden als Krone gedeutet.

Es würde zu weit führen, auch den wirbellosen Tieren unsre Aufmerksamkeit zu widmen. Auch von ihnen gibt es recht viele, die wahrhaft volkstümlich geworden sind und besonders in der deutschen Fabel häufig auftreten. Ich erinnere nur an Ameise, Biene, Feldgrille, Heupferd, Leuchtkäfer oder an die Schnecke.


Schutz der Tierwelt! Es wird so viel darüber geklagt, daß die großen Tiere der Tropen und der Polarzonen durch die unsinnige Jagdleidenschaft der weißen Rasse ihrem Untergang mit Riesenschritten entgegeneilen, daß die Elefanten, Giraffen und Flußpferde, ebenso die großen Walsäugetiere oder die Büffel, die einst in ungeheuren Scharen die weiten Ebenen Nordamerikas belebten, recht bald der Vergangenheit angehören werden. Und nicht etwa nur die wirtschaftliche Einbuße und der Verlust, den die Wissenschaft dadurch erleidet, rechtfertigen diese Klage und Anklage, sondern der Frevel an der Natur ist es, der das Herz eines jeden mit Bitterkeit und Trauer erfüllt. Aber näher doch als jene Tiere ferner Zonen sollte uns die heimatliche Tierwelt stehen. An ihrer Erhaltung ist nicht etwa nur dem einzelnen Naturfreund gelegen, sondern unserm ganzen Volk im allerweitesten Sinne. Wir dürfen nicht engherzig nach Nutzen und Schaden fragen, sondern die höheren Tiere sind mit ganz wenig Ausnahmen – ich denke z. B. an die Kreuzotter oder an kleine Säugetiere, die namentlich auf den Feldern als verheerende Landplage auftreten können – um ihrer selbst willen des allgemeinen Schutzes wert. Wenn wir aber aus der großen Masse einige besonders hervorheben wollen, deren Untergang am meisten beklagenswert wäre, ein unersetzlicher Verlust nicht nur für die deutsche Landschaft, sondern für unser ganzes Volk, so sind es die volkstümlichen Tiere der deutschen Märchen und Fabeln.


Allerlei Fischräuber, bepelzt und befiedert