Die Sonne neigt sich zur Rüste, die Wipfel der einzelnen hohen Föhren, die auf das Jungholz herabschauen, in purpurnes Licht tauchend. Da wird es lebendig vor dem Fuchsbau. Ein verschmitztes Gesichtchen erscheint in einem der Eingänge; es blinzelt nach links und nach rechts und hinauf zu dem tiefblauen Himmel. Dann mit einemmal ist der kleine Kerl draußen. Auf den Hinterbeinen hockend, richtet er sein Köpfchen altklug empor, als wollte er schauen, was für Wetter es heut abend gibt und wie für morgen die Aussichten sind. Das feine Näschen schnuppert dabei nach allen Richtungen, und das dichte Wollkleidchen an der Brust zittert; so heftig und schnell atmet die Lunge die Luft ein und aus. Das Füchslein sichert, es »wittert«, ob sich etwa eine Gefahr in der Nähe versteckt hält; von der Frau Mutter hat's der Kleine gelernt und macht es nun auch so wie sie – oder liegt ihm diese Vorsicht von Haus aus im Blut? Nun schüttelt das Füchslein sein licht gelblichgraues Kinderkleid, das beim langen Schlaf in dem engen Raum etwas verdrückt ward, fährt mit dem einen, dann mit dem andern schwärzlichen Pfötchen über die Lauscher und über's Gesicht; aber plötzlich mit einem Hops ist es wieder am Röhreneingang und äugt scharf in die Tiefe, ob die Geschwister nicht nachkommen. Alle Muskeln gespannt, ohne jede Bewegung; nur der horizontal ausgestreckte Wollschwanz schwingt ganz leise nach rechts und nach links.

Ein täppischer Satz zur Seite – da ist schon der erwartete Bruder. Er blinzelt gegen die untergehende Sonne, deren letzter Strahl sein grau-grünliches Auge trifft. Nun kann es beginnen, das fröhliche, ausgelassene Spiel. Mit den Perlenzähnchen haben sie einander gepackt, jetzt im dichtwolligen Nacken, jetzt an den Pfoten, dann an der Lunte oder am Ohr. Sie zerren ganz tüchtig, balgen und kollern sich mutwillig am Boden umher, richten sich gegenseitig auf, mit den Vorderpfoten einander umarmend, überschlagen sich und kugeln den Hang ein Stückchen hinunter; doch mit raschen Sprüngen geht's wieder hinauf. In geduckter Haltung kauern sie jetzt einander gegenüber, jeder zu neuem Angriff bereit und einer vom andern erhoffend, daß er das hübsche Spiel wieder beginne. Da springt der eine Partner plötzlich empor: Brüderchen hasch' mich! Keuchend mit hängender Zunge geht es rings um den Bau, bis sie sich wieder gepackt haben.

Erst wenn die ausgelassenen Füchslein müde und ganz außer Atem sind, rasten sie ein wenig in hockender oder in liegender Stellung, »alle Viere« weit ausgestreckt. Aber während die Lunge noch keucht, daß Brust und Weichen sich heftig bewegen, sinnt das kluge Gesichtchen mit den listigen Augen und den aufrecht gestellten Lauschern schon wieder nach neuem, noch tollerem Spiel. Sie zerren am Krähenflügel, machen sich jeden Fetzen vom Hasenbalg streitig – was der eine packt, das will der andre gerade auch haben, »man weiß, wie Kinder sind« – dann suchen sie den schwirrenden Roßkäfer täppisch mit den dunkeln Pfoten zu erwischen oder schnappen nach dem Abendfalter, der ihnen um die Nase herumfliegt. Unterdessen sind auch die drei andern Geschwister auf der Bildfläche erschienen, und nun geht es noch lustiger zu. »Der Jäger kommt!« spielen sie gern. Das machen sie so: keins darf sich rühren, nicht mit den Ohren zucken, keinen Muskel bewegen. Plötzlich springt eins in die Höhe; einen Haken schlagend, rennt der kleine Kobold davon, so schnell er nur kann. Im Nu stieben die andern ebenso auseinander, und in wenig Augenblicken haben sie sich dann alle fünf auf ihrem Tummelplatz wieder vereinigt, um das hübsche Spiel von neuem zu beginnen.

Die Sonne ist untergegangen; grau senkt sich die Dämmerung über die Heide. Da erscheint der Kopf der alten Füchsin im Höhleneingang; mit Lauschern und Windfang prüft sie vorsichtig, ob alles ganz sicher sei, fährt knurrend wieder zurück, weil etwas im Kieferngeäst raschelt – ein Vogel, der sein Schlafplätzchen sucht – doch endlich steht sie im Freien. Sie streckt sich, schüttelt den Sand und den Staub aus ihrem rothaarigen Wams, leckt und liebkost die Kinder, die sich herandrängen, und beteiligt sich schließlich auch ein wenig an dem muntern Spiel, da die Kleinen gar so sehr betteln.

Eine gute Figur macht die Alte um diese Jahreszeit nicht; sie ist dürr und hager am ganzen Leib, und der Pelz ist verdrückt, am Bauche sehr schütter und nicht mehr so frisch in den Farben. Das ist kein Wunder; fünf Kinder auf einmal! Sie wollen alle gesäugt und gewärmt sein, da kommt man schrecklich herunter. Wochenlang konnte die Füchsin nur auf Stunden den dunkeln Bau verlassen, um den nagenden Hunger zu stillen. Und wenn sie nichts anderes fand, als nur ein paar Mäuschen oder irgendeinen Kleinvogel, so mußte sie kaum halbgesättigt zu den ungeduldigen Kindern zurück; die verlangten nach Speise und fragten nicht, ob auch der Mutter eine Mahlzeit geworden. Seit acht oder vierzehn Tagen sind nun die Kleinen entwöhnt. Das war nicht so leicht; immer und immer wieder suchten sie nach dem Milchquell, wenn auch die Mutter ärgerlich knurrend sie gar unsanft zurückstieß. Die von Tag zu Tag fester zupackenden Zähnchen konnte die Fähe an dem zarten Gesäuge aber nicht länger ertragen, und so gab's manchen Klaps mit den Pfoten, und das Fell wurde den Kindern oftmals ganz tüchtig geschüttelt, bis sie schließlich begriffen, daß die Tauben und Hühner, die jungen Karnickel oder die Mäuschen, die die Mutter mit heimbrachte, den Hunger ebenso stillen.

Jetzt gießt der aufgehende Mond sein silbernes Licht über die schlafende Heide; da denkt die Alte: nun ist's Zeit für den Pirschgang! Sie wittert nochmals nach allen Seiten; dann schleicht sie davon, zwischen dem Pflanzengestrüpp leise dahinkriechend, daß der Bauch fast den Boden berührt. Ein paarmal fährt sie knurrend zurück, wenn eins der Kleinen ihr zu folgen versucht, aber bald ist sie unter den Ästen der jungen Kiefern verschwunden. Nun seid auf der Hut, ihr Bewohner des Feldes, ihr Mäuse, Hamster und Maulwürfe, die ihr gleichfalls so gern zur nächtlichen Stunde aus eurer Wohnung hervorkommt: der böse Feind ist hinter euch her! Oder ihr Fasanen- und Rebhuhnmütter, wie wird's euch ergehen! Der Fuchs schleicht leise heran, die Nase immer gegen den Wind, daß er die Beute von fern schon wittert – ein Sprung, ein fester Griff, und ihr seid in seiner Gewalt! Dem Junghäschen, das in einer Feldfurche schläft, dem unerfahrenen Karnickel, das draußen am Waldrand noch im Mondschein äst, der Ratte, die am Schweinekoben des Bauernhofs sich zu schaffen macht, ergeht es nicht besser, und wehe den Hühnern und Gänsen, wenn der Geflügelstall nicht ganz gut verwahrt ist!

Sobald die Füchsin eine Beute gemacht hat, kehrt sie zu ihrer Wohnung zurück; an ihre Kinder denkt sie immer zuerst; meist wird es Morgen, ehe sie den eignen Magen befriedigt. Aber wie vorsichtig ist die Fähe, wenn sie sich dem Bau nähert! Nie wird sie den geraden Weg nehmen; sie umkreist vielmehr, oft stehenbleibend und lauschend, in weitem Bogen ihr Heim. Wittert sie irgend etwas Verdächtiges, so kläfft sie, ähnlich wie ein Hund, doch mit verhaltener Stimme, daß sich die Füchslein in den schützenden Bau flüchten; erst wenn ihr alles ganz sicher erscheint, schleicht sie heran. Das ist dann eine Freude! Die hungrigen Kinder fallen über die leckere Beute her, balgen und beißen sich drum, und jedes sucht das beste Stück zu erwischen.

Ein Weilchen schaut die Mutter ihrer munteren Schar zu, hilft wohl auch beim Zerlegen des Bratens; aber dann tritt sie von neuem den nächtlichen Pirschgang an. Sind alle gesättigt, daß sie mit den Resten der Mahlzeit nur noch ihr ausgelassenes Spiel treiben, so holt die Füchsin vom Felde vielleicht noch ein lebendes Mäuschen, und nun geht es dem graufelligen Tierchen nicht anders, als wenn eine Katze es erwischt und ihren Jungen gebracht hätte.

So kommt der Morgen heran. Schon jubelt die Drossel, Rotkehlchens Lied, die weiche Stimme des Fitis durchzittert die Luft, und hell schmettert der Fink seine Fanfare – da zieht sich die ganze Gesellschaft, eins nach dem andern, still in die Höhle zurück; sie schlafen hier bis gegen Abend. Nur manchmal währt die Ruhe ein oder dem andern vorwitzigen Fuchskind zu lang. Es schaut dann zu dem Höhleneingang sehnsuchtsvoll hinaus, blinzelt mit den listigen Augen – die Sonne scheint ihm auch gar zu hell ins Gesicht – und schließlich versucht es ein Schläfchen, mitten im Toreingang zur unterirdischen Burg, wie sein zahmer Vetter, der Hofhund, der die Vorderpfoten zur Tür seiner Hütte herausgestreckt hat und nun gemütlich schlafend mit Schnauze und Kopf auf diesem natürlichen Kissen ruht. Bisweilen wagen sich die Jungfüchse auch schon mittags auf ihren Spielplatz, wenn die Maisonne hoch vom Himmel zwischen den schlanken Stämmen auf den Fuchsbau herabscheint; aber wirklich lustig wird's doch immer erst gegen Abend.

Sind die Füchslein ein paar Monate alt, so dürfen sie die Mutter auf ihren nächtlichen Streifzügen begleiten, zuerst bis zum Waldrand, später weiter hinaus ins Saatfeld, ins Röhricht am Weiher, oder gar bis zu den ersten Bauerngehöften des Dorfes.