Swinegel un sine Sippschaft
Ob wohl ein oder der andere meiner Leser schon einmal junge Igel gesehen hat, so im Alter von fünf oder sechs Wochen? Das sind die niedlichsten Dinger der Welt, die man sich denken kann, und es lohnt schon der Mühe, im Spätsommer Gärten und Hecken, Parkanlagen, lichte Laubwälder und namentlich Feldgehölze ein bißchen zu durchstöbern, um – wenn man Glück hat – die reizendste Familienidylle zu belauschen: eine Igelmutter, die ihre vier oder fünf Kinder spazieren führt.
Wie das im Laub raschelt von all den trippelnden Füßchen, und wie schnell die kleinen, kurzen Beinchen laufen können, wenn die stachlige Mutter einen Regenwurm entdeckt hat und ihn aus dem Versteck hervorzieht, um die kleine Beute den lüsternen Kindern zu überlassen. An jedem Ende des Unglücklichen zerrt eine der niedlichen Stachelkugeln – zusammengerollt ist sie nicht größer als ein Billardball – während ein drittes Igelchen den straff gespannten, in die Länge gezerrten Wurm mit den weißen Zähnchen zerbeißt, um schließlich für seine Mühe nichts zu erhalten als ein Tröpfchen Saft, das sich der Kleine wohlgefällig von dem dunkeln Schnäuzchen ableckt.
Da ist ein Mäusebraten schon eine standfestere Grundlage der Mahlzeit, von der doch jedes der Kinder ein Stückchen bekommt. Man muß es selbst gesehen haben, wie schnell die Igelmutter hinter dem kleinen Nager her ist, wenn sie dessen leises Pfeifen oder das fast unhörbare Rascheln im Bodengestrüpp gemerkt hat. Einen Augenblick verharrt die Alte in gestreckter Haltung; die Kopfstacheln sträuben sich ein wenig, senken sich und sträuben sich wieder. Ein paar Schritte schleicht sie vorwärts, und jetzt ein kleiner Satz ins Gestrüpp. Mit sicherem Griff ist das Mäuschen gepackt; ein kurzer Aufschrei, und das Genick des kleinen Nagers ist zerbissen. Hurtig wird das Wildbret von der schnaufenden Mutter in mehrere Teile zerlegt, und bald sitzt jedes der Kinder knuspernd und leise schmatzend vor seinem Stückchen, während die Alte weiter trippelt, nach neuer Beute zu schauen. Ein Maulwurf wäre kein schlechter Fang; aber den erwischt man nur am dämmernden Abend. Eine Schermaus wäre gleichfalls willkommen; aber schließlich tun's auch ein paar Mist- oder Brachkäfer, Ackerschnecken, Schmetterlingspuppen, eine fette Werre, und wohlgenährte Regenwürmer fehlen fast nirgends.
Nichts Trolligeres gibt es, als zu sehen, wie es die kleinen naseweisen Igelchen der Mutter nachmachen – was ein Häkchen werden will, krümmt sich beizeiten. Überall kratzen und scharren sie mit ihren krallenbewehrten Pfötchen; in jedes Loch am Boden, in jeden Winkel zwischen dem Wurzelgeflecht und Pflanzengewirr stecken sie schnuppernd ihr Schnäuzchen, hängen der Mutter am Rock, wenn sie glauben, jetzt hat sie 'was Gutes gefunden, oder sie gehen auch schon ihre eignen Wege, den Steilhang hinauf, von dem eins der Kindchen wieder herabkugelt, trinken vom Wasser, das sich zwischen den Baumwurzeln angesammelt hat, und schauen verdutzt dem Roßkäfer nach, der vor ihrem Näschen vorbeisurrt. Wenn es noch heutzutage irgendwo, wie im Märchen, eine Prinzessin gibt, die niemals in ihrem Leben gelacht hat, ich würde sie zu solch kleiner Igelgesellschaft führen; da lernte sie aus Herzenslust lachen.
Einst beobachtete ich eine Igelfamilie an einem Wiesenhang, wo ein vom Baum gefallener Apfel die Aufmerksamkeit der stachligen Gesellschaft auf sich lenkte; von Obst aller Art sind ja die Igel große Freunde. Durch einen unvorsichtigen Stoß kam der Apfel ins Rollen; sofort sausten die Kleinen hinter ihm her, überstürzten sich aber und kugelten lustig den Hang hinab, wie wir's als Kinder auch so gern taten. Unten lag dann der Apfel im Graben am Wege und drei Igelchen neben ihm. Schnell rollten sich diese auf und hatten bereits tüchtige Löcher in die süße Frucht gefressen, als endlich auch die Mutter mit den beiden Geschwistern ankam, die von oben her dem lustigen Treiben zugeschaut hatten.
Man sagt, der Igel trage abgefallenes Obst in der Weise in sein Versteck, daß er es auf seine Stacheln spieße; wo viel Birnen oder Pflaumen im Obstgarten liegen, da wälze er sich am Boden, und mit der willkommenen Last trolle er heim. Natürlich ist das Ganze ein nett ersonnenes Märchen. Weder mit dem Schnäuzchen, noch mit den Füßen kann der Igel seinen Rücken erreichen; wie sollte er also das Obst fressen oder auch nur abstreifen können? Als Junge habe ich einmal mit den grünen Früchten der Kartoffel – wir nannten sie »Kartoffelschneller« – nach einem Igel geworfen. Eins der ungefährlichen Geschosse blieb an seinem Stachelkleid hängen. Das machte mir solchen Spaß, daß ich mir den Igel fing und ihm im Übermut seinen ganzen Rücken mit dem seltsamen Zierrat besteckte. Dann ließ ich ihn laufen. Am folgenden Tag sah ich ihn wieder, und da trug er noch immer eine Anzahl der grünen Beeren auf seinem borstigen Kleid. Nicht den geringsten Versuch machte er, sich von dem aufgedrungenen Schmuck zu befreien.
Das Volk fabelt ferner, der Igel trage, wenn er sich sein Winterlager zurechtmache, auf seinen Stacheln all die Stoffe zusammen, die ihn wärmen sollen, Stroh, Laub, Moos u. dgl. Das ist auch nicht wahr. In die natürliche oder selbstgegrabene Höhlung kratzt und schiebt er diese Dinge mit Füßen und Schnäuzchen hinein und verwahrt besonders den Eingang. Aber solch fester Winterschläfer, wie Bilch oder Haselmaus, ist der Igel durchaus nicht, habe ich ihn doch mehr als einmal mitten im Schnee angetroffen, wo er ganz lustig einhertrippelte.