Man wird zugeben, daß der Maulwurf in seiner ganzen Erscheinung ein besonders interessantes Tier unserer Heimat ist, dazu eins der nützlichsten Geschöpfe, zugleich aber auch ein volkstümliches Tier, von dem manche Fabel zu berichten weiß. Ich erinnere nur an den »Weißen Maulwurf« von Otto Julius Bierbaum, dem die Ehre ward, daß man ihn im Maulwurfs-Pantheon beisetzte, oder an den Maulwurf G. A. Bürgers, dem alle Tugend nichts half; der Gärtner schlug ihn tot, weil er die schön geebneten Blumenbeete durch seinen Aufwurf verunziert hatte.
Kurzsichtig, töricht und vor allem undankbar ist der Mensch. Wieviel Feinde haben doch gerade die nützlichsten Tiere! Igel, Spitzmaus, Maulwurf, ein Kleeblatt, an dem jeder seine Freude haben sollte! Ich möchte all meinen Lesern die Samtfellchen Maulwurf und Spitzmaus, ganz besonders aber auch meinen Liebling, den stachelborstigen Igel, recht fest an das tierfreundliche Herz drücken. Möge nie die Zeit kommen, wo eins von diesen Dreien durch Unverstand und Roheit aus unsrer Heimat verdrängt sein sollte!
Vogelnester
Von jeher hat die Bautätigkeit der Tiere die Aufmerksamkeit des Menschen in hohem Grade auf sich gelenkt. Besonders zwei Tiergruppen sind es, die Insekten und die Vögel, denen wir in dieser Beziehung die höchste Bewunderung zollen müssen. Während aber bei jenen nur eine verhältnismäßig geringe Zahl sich durch allerdings staunenswerte Baukunst auszeichnet, verstehen es die meisten Vögel mehr oder weniger kunstvolle Nester zu errichten. Grundverschieden sind diese nach Bauart, Form und Material; ja sogar der einzelne Vogel derselben Art baut bisweilen ganz abweichend – bald frei in luftige Höhe, bald auf den Boden, bald ins Dunkel einer Höhle – immer aber versteht er es, sein Nest in vollendeter Weise der Umgebung wie seinen Bedürfnissen anzupassen, so daß jeder Architekt von dem kleinen Vogel lernen könnte.
In der freien Natur gibt es wohl keinen Platz, der diesem oder jenem Vogel nicht willkommen wäre, keine Örtlichkeit, die nicht Zeuge des lieblichsten Familienlebens werden könnte. Unsre kleinen Sänger vertrauen ihre niedlichen Nester dem Zweigwerk von Baum und Strauch an; sie schlüpfen durch ein Astloch des Obstbaums oder stellen ihr Nest ins Gestrüpp und dürre Laub auf den Boden. Raubvögel bauen meist auf Felsen und hohen Bäumen; sie sind stark genug, freistehende Horste verteidigen zu können. Auch andere große Vögel verhalten sich ähnlich: Reiher, Störche, selbst Raben, Krähen und Elstern. Die Rebhühner, Trappen, Lerchen und andere Feldbewohner brüten am Boden; die Spechte, diese echtesten Baumvögel, meißeln sich eine Höhle in den Baumstamm, die später auch von andern Höhlenbrütern benutzt wird. Die Sumpfvögel bauen auf den Boden am Rande des Wassers, die Wasservögel ins Röhricht von Fluß und See; die Lappentaucher errichten nicht selten ein freischwimmendes Nest. Strandvögel vertrauen Eier und Brut dem flachen Kies oder der steilen Klippe an, wo die Woge brandet. Die lichtscheuen Eulen brüten an dunklen Orten, in Fels- und Mauerspalten, in Baumhöhlen; der winzige Zaunkönig wählt für sein kugliges Nestchen irgendeinen der tausend Schlupfwinkel seines Reviers, ein Wurzelgeflecht, das Mauerloch einer Brücke, Lücken in einer Waldhütte, einer Holzklafter usw.
Aber es gibt auch Ausnahmen, die wir Menschen uns nicht so einfach zusammenreimen können. So brüten Rohr- und Kornweihe, diese fluggewandten Räuber, auf dem Boden; der Fischer Kormoran errichtet seinen ungefügen Bau auf hohen Bäumen, nicht selten auch manche Wildentenart; so brütet die Schellente bei uns mit Vorliebe in Asthöhlen, oft recht hoch über dem Boden, und die Stockente hat sich schon Elsternhorste als Kinderstube gewählt. Der weiße Storch sucht den Schutz des Menschen auf, desgleichen die Haus- und die Rauchschwalbe, während deren Base, die Uferschwalbe, obwohl sie im übrigen ähnliche Lebensweise führt, in steile Lehm- und Erdwände Röhren gräbt, einen Meter tief und darüber. Wer würde es dem farbenprächtigen Eisvogel ansehen, daß er gleichfalls ins unterirdische Dunkel eines selbstgegrabenen Stollens schlüpft, um seine Jungen zu ätzen, wer der Hohltaube, daß sie ihr Zwillingspärchen in einem Astloch aufzieht oder in einer verlassenen Spechtshöhle, während doch Ringel- und Turteltaube freistehende Nester bauen! Warum errichtet der Gartenlaubvogel die Wiege seiner Jungen in der Astgabel niedriger Bäume, alle andern Laubvögel aber am Boden oder unmittelbar darüber, in der Vertiefung eines alten Baumstocks u. dgl.? Warum dort ein offenes Nest, hier aber ein kugelförmiges mit engem Eingang, geformt wie ein Backofen? Ja, wer es wüßte!
Strenger noch als an einer bestimmten Örtlichkeit hält jeder Vogel an der Wahl gewisser Niststoffe fest. Kein Goldammer verzichtet auf Pferdehaare oder Schweinsborsten; keine Entenart brütet die Eier aus, ohne mit zartem Flaum das Innere des Nestes auszupolstern. Krähen und Elstern tragen Erde und kleine Rasenstücke in ihren Horst; Amsel und Ziemer verbinden die eigentlichen Niststoffe mit Lehm und mit feuchter Erde, wodurch das unförmliche Nest oft außerordentlich schwer wird, während ihre Verwandte, die Singdrossel, fein zerkleinerten Holzmull, den sie mit Speichel vermischt, gleichmäßig und glatt über die Innenwand ihres saubern Baues streicht. Feuchte Erdklümpchen benutzt die Hausschwalbe, zartes Moos der Zaunkönig; dürres Laub bildet die Grundlage für das Nest der Nachtigall; Flechten und Insektengespinst verwenden Buchfink und Goldhähnchen – kurz, jeder Vogel hat eine ausgesprochene Vorliebe für ganz bestimmte Stoffe, und nur im Notfall einmal wird er sie durch ähnliche Dinge ersetzen.
Wie sich die besondere Nistweise, an der die einzelne Art mehr oder weniger festhält, bis zu der gegenwärtigen Musterform entwickelt hat, ist eine offene Frage. Wir wissen nicht einmal, sind die bodenständigen Nester oder die in den Zweigen der Bäume erbauten als die ursprünglicheren anzusehen; nimmt der Vogel, der in Höhlen brütet, eine tiefere Stufe ein als der sogenannte Freibrüter, oder lassen uns nicht gerade viele Höhlenbewohner, die ihr oft recht hübsch gebautes Nestchen in ein Astloch, eine Mauerspalte stellen, vermuten, daß sie ehemals Freibrüter waren, aber um die Sicherheit für Eier und Junge zu erhöhen, zu dieser vollkommeneren Methode fortgeschritten sind? Wenn wir im folgenden einige besonders eigenartige Vogelbrutstätten betrachten wollen, und zwar in der Anordnung, daß wir von den scheinbar einfachsten Verhältnissen ausgehen und uns zu immer kunstvollerer Bauweise wenden, so möchten wir doch keineswegs damit behaupten, daß dieser Gang nun auch wirklich der natürlichen Entwicklung der bei den Vögeln geübten Baukunst entspreche.