Einzelne Vögel begnügen sich mit der einfachen Reptilienmethode, indem sie ohne weitere Fürsorge ihre Eier auf den Boden legen. So vertrauen die meisten Strandläufer, viele Schnepfenvögel, Seeschwalben, manche Möwen die Eier dem bloßen Kies an oder der kurzen Grasnarbe, ohne daran zu denken, ein wirkliches Nest zu bauen. Auch die Nachtschwalbe kennt ein solches nicht; auf plattem Boden brütet sie ihre beiden Eier aus, oder auf dichtem Heidekrautgestrüpp, auf dem Moos eines niedrigen Baumstocks u. dgl.

Bei sehr vielen Höhlenbrütern kann man gleichfalls nicht von wirklichem Nestbau reden; sie begnügen sich damit, die Eier ohne besondere Unterlage einem Mauerloch, einer Felsenspalte oder einer Baumhöhle anzuvertrauen. Die natürliche Hohlform hält Eier und Wärme zusammen; ein wenig Erde oder Holzmull findet sich fast in jedem solchen Raume, wodurch den Eiern wenigstens ein leidlich weiches Lager wird, und der Schutz für den brütenden Vogel wie für die Brut ist doch ungleich höher hier in der dunklen Höhle als draußen im Freien. Spechte, der Wendehals, manche Eulen, die Hohltauben, der Wiedehopf u. v. a. brüten in dieser Art, die indessen nur einen kleinen Fortschritt bedeutet im Vergleich mit der einfachen Nistweise der Nachtschwalbe. Natürliche Bodenvertiefungen, die dem Körper des Vogels mehr oder weniger angepaßt waren, Verstecke im Pflanzengestrüpp und ausgefaulte Löcher im Baumstumpf mögen die Verbindungsglieder gewesen sein.

Etwas mehr Sorgfalt zeigen unsre Rebhühner, Trappen, manche Seeschwalben, Möwen, Rallen u. v. a. Sie scharren eine seichte Vertiefung in den Boden, knicken Stengel und Halme um oder bilden durch häufiges Drehen des Körpers eine geeignete Stelle, die sie nun mit ein paar trocknen Gräsern oberflächlich ein wenig auspolstern. Wozu sollten auch die Jungen, z. B. die des Rebhuhns, eines künstlichen warmen Nestes bedürfen? Sobald die Eihülle gesprengt und der Flaum getrocknet ist, laufen sie ja doch davon, um vielleicht nie wieder an den Ort zurückzukehren, wo sie das Licht der Welt erblickt haben. Vögel, deren Junge längere Zeit im Neste verbleiben, sogenannte »Nesthocker«, verwenden stets mehr Fleiß auf die Niststelle; doch verdient diese bei vielen, die auf dem Boden oder in Höhlen brüten, noch kaum den Namen eines eigentlichen Nestes. Die Feldlerchen z. B. suchen sich eine kleine Vertiefung zwischen Erdschollen oder im Grase, erweitern und runden sie nach Bedarf und tragen nun Stoppeln, Halme, zarte Wurzeln zusammen. Mit ihrem Körper formen sie alles zu einem tiefen Napf, den sie schließlich noch mit einzelnen Pferdehaaren u. dgl. auspolstern. Unsre niedlichen Blaumeisen begnügen sich, falls die Höhle, die sie gewählt haben, sehr eng ist, mit einem recht einfachen Bau: feine Brocken faulenden Holzes, darüber ein paar Federn und Haare, das ist alles. In weiten Hohlräumen aber sorgen sie für eine dichte Unterlage und für ein weiches Haar- und Federpolster. Ähnlich verhalten sich auch die andern Meisen mit Ausnahme der Schwanzmeisen.

Einen Fortschritt zeigen schon die sogenannten »Halbhöhlenbrüter«, welche für die Wiege ihrer Jungen irgendeinen Winkel wählen, wie Hausrotschwanz, grauer Fliegenschnäpper, weiße Bachstelze u. a.; auch das Rotkehlchen gehört hierher, das sich ein Versteck in einem ausgefaulten Baumstumpf, zwischen Wurzelgeflecht, eine weite Erdhöhle u. dgl. aussucht. Sein Nest stellt ein lockeres, kunstloses Gewebe dar, meist auf einer Grundlage dürren Laubes. Beim Hausrotschwänzchen kann man es genau beobachten, um wieviel vollkommener der Vogel baut, wenn er das Nest auf einen freien, nur von oben geschützten Balkenkopf oder hinter einen Dachsparren stellt, als wenn er sich ins Halbdunkel einer Höhle zurückzieht. Hier nur eine ungeordnete Anhäufung von Niststoffen, dort aber ein dichtes Gewebe mit sorgfältig gepolsterter Aushöhlung eines zierlichen Napfes.

Wirkliche Kunstbauten finden wir jedoch erst bei den sogenannten Freibrütern, und zwar besonders bei denjenigen, die sich losgemacht haben von der Scholle des Bodens und im Astwerk von Baum und Strauch oder am Schilfhalm ein lustiges Nest bauen. Doch dürfen wir auch manchen Höhlenbrütern, wie den Baumläufern, dem Star, Gartenrotschwanz, Trauerfliegenfänger, eine gewisse Fertigkeit nicht absprechen. Nach unsrer Meinung stellten diese Vögel, wie wir schon angedeutet haben, ehemals freistehende Nester her; die seit alters geübte Bauweise pflegen sie aber auch heute noch weiter, trotz der veränderten Verhältnisse, nur daß sie dabei weniger sorgfältig verfahren. Man vergleiche z. B. das Nest der Spechtmeise, die sich ein Astloch erwählt, mit dem Bau der freibrütenden Schwanzmeise, einem der kleinsten Vögelchen unsrer Heimat. Bei jener eine schlechte Unterlage aus lockern Stückchen von Buchen- und Eichenblättern oder ein Wulst dünner Schalen der Kiefernrinde; das Nest der Schwanzmeise dagegen ein Kunstbau, kugelförmig, mit einem Schlupfloch, zusammengefilzt aus Astmoosen, Baumflechten, Birkenschalen, Schuppen der Eichenrinde und Haaren, überkleidet mit Spinnen- und Raupengespinst, innen aber ausgefüttert mit Federn und Wolle. Überhaupt zeichnen sich die kleinsten der kleinen Baumeister durch höchste Kunstfertigkeit aus. Hoch in die herabhängenden Zweigenden einer Fichte oder Tanne hat das winzige Goldhähnchen sein beinahe kugelförmiges Nestchen aufgehängt. In die ziemlich glatte Außenwand sind die Spitzen der dünnen Triebe des Nadelbaums geschickt eingeflochten, daß der kleine Bau frei in der Luft schwebt; oben führt eine enge Öffnung ins Innere, das mit wärmenden Federchen dicht ausgekleidet ist. Oder das Nest des Zaunkönigs: außen nicht selten ein wüster Haufen von Stengeln, Wurzeln und Blättern, innen aber eine dicht gefilzte Lage von grünem Moos, auf welche schließlich das weiche Federpolster folgt.

Auch die Finkenvögel bauen sehr hübsche Nester, an erster Stelle unser frohschmetternder Buchfink. Hier steht ein solches auf dem hohen Stumpf eines Fliederstrauchs, dessen Fortsetzung es nach Stellung und Form zu bilden scheint; aufs peinlichste ist es mit Lebermoosen überzogen, wie sie der Stamm trägt, und mit kleinen braunen Rindenstückchen beklebt, wie sie am Boden liegen. Dadurch, daß der Vogel die Niststoffe aus der Umgebung nimmt, paßt er das Nest dieser gewöhnlich aufs schönste an, wodurch die Sicherheit erhöht wird. Ob dabei bisweilen auch kluge Berechnung eine Rolle spielt, möchte ich nicht entscheiden. Ich habe Finkennester gefunden, in deren Wand Fetzen weißen Papiers sehr geschickt eingewebt waren – sie standen auf weißstämmigen Birken –, ein Nest des Zaunkönigs, das durch Verwendung grauen Mooses und grauer Algen die Farbe der granitenen Brücke täuschend nachahmte, unter die es gebaut war, und ein andres, dessen grüner Moosüberzug mit dem Grün seiner Umgebung vollkommen übereinstimmte. Vielleicht ist es so, daß der Vogel durch einen auffallenden Farbengegensatz des Nestes mit dessen Umgebung unangenehm berührt wird und ohne viel Nachdenken die Stoffe wählt, die in der Farbe zu der unmittelbaren Nachbarschaft des Nestes passen. Ich entsinne mich aber auch einiger Nester, wo von solcher Übereinstimmung nicht die Rede sein konnte; so hatte ein Schwanzmeisenpärchen ein ganz lichtes, aus heller Baumrinde und Laubmoosen gefilztes Nest in das dunkle Grün einer Jungfichte gestellt, daß es weithin erkennbar war.

Ein sehr zierliches Nest bauen auch die Rohrsänger. Von ein paar Schilfstengeln, die in die Wandungen eingewebt sind, wird der kegelförmige Bau getragen, die Spitze nach unten. Gespaltene Schilfblätter, schmales Gras und biegsame Halme bilden die kunstvoll geflochtene Wandung, in der jede Lücke mit Pflanzenwolle verstopft ist, namentlich von der Weide. An allen Bewegungen der Halme nimmt der luftige Bau teil, wenn der Wind durchs Schilf saust und die Spitzen hinabbiegt bis in die Wellen des Teichs; aber der Napf ist so tief, daß die Eier so leicht nicht herausfallen.

Freilich gibt es auch unter unsern kleinen Sängern einige, die recht liederlich bauen. Das gilt z. B. von unsern Grasmücken. Ich habe Nester der kleinen Zaungrasmücke gefunden, deren Boden so locker gewebt war, daß man kaum begreift, wie sie die Wärme zusammenhalten können. Noch weniger dicht sind die sehr flachen Nester der Ringeltaube gebaut; nicht selten sieht man die weißen Eier zwischen den Lücken hindurchleuchten. Ja, es kommt vor, daß sie unter dem brütenden Vogel durch den Boden fallen, so daß ich glaube, die Ringeltaube ist erst nachträglich zum Freibrüter geworden, während sie früher, wie Hohl- und Felsentaube noch heute, in Höhlungen brütete.

Gleich der Ringeltaube verwenden fast alle größeren Vögel stärkere oder dünnere Reiser für die äußere Wandung, wie dies das Nest des Eichelhähers zeigt, oder die kleinen Horste der Elstern und Krähen und die bisweilen gar gewaltigen Reisighaufen, welche Raubvögel, Reiher und Störche zusammenschleppen. Solch ein Adlerhorst, ich denke an den eines Fischadlers, der auf dem vertrockneten Wipfel einer uralten Eiche stand, ist einer mächtigen Stammburg zu vergleichen. Nicht das Paar, das jetzt droben haust, hat den riesigen, fast mannshohen Bau gegründet, sondern vielleicht seine Großeltern vor vielen Jahren. In jedem Frühling wird das Schloß der Väter von neuem bezogen und mit frischen Baustoffen belegt und ausgebessert; in seinen untern Schichten, gewissermaßen in den Kellerwohnungen, haben sich ein paar Meisen häuslich niedergelassen, wie ja auch in der Wandung alter Storchnester, die gleichfalls alljährlich von unsern Hausfreunden wieder bezogen werden, nicht selten Meister Spatz seine zahlreiche Nachkommenschaft großzieht. Verlassene Raubvogel- und Krähenhorste dienen übrigens manchen Vögeln zur willkommenen Wohnung; am häufigsten scheinen Waldohreule und Turmfalke von solch herrenlosem Eigentum Besitz zu nehmen.