Zu den hübschesten Nestern unsrer Heimat gehört das des gelbschwarzen Pfingstvogels, des Pirols. Freischwebend hängt es, einem Klingelbeutel vergleichbar, zwischen den Enden einer Astgabel; aus Bast, Halmen, Wollfäden, Oberhäutchen der Birkenrinde, feinen Hobelspänen u. dgl. ist es gar zierlich gewoben. Man begreift nicht, wie es dem Schnabel im Verein mit den Zehen möglich ist, aus dünnen Fasern solch feines, braungelbliches Gewebe herzustellen.
Von den Zimmerleuten unsrer Wälder, den Spechten, war schon die Rede; auch der Wendehals und manche Meisenarten verstehen sich auf dies Handwerk, insofern sie vorhandene Höhlen nach ihrem Bedürfnis vergrößern. Ähnlich ist die Tätigkeit der Minierarbeiter; nur haben es diese nicht mit Holz, sondern mit Lehm, Sand oder Erde zu tun, wie die Uferschwalbe, der Eisvogel und der ebenso farbenprächtige Bienenfresser, der freilich unsrer Heimat fehlt, den ich aber an manchen Gewässern Südungarns beobachten konnte.
Mit Lehm und mit Erde arbeiten ferner die Maurer, zu denen unsre Schwälbchen gehören. Unterhaltend ist es, den emsigen Tierchen zuzuschauen. Zuerst werden feuchte Klümpchen – meist ist es Straßenkot – eins neben das andre in flachem Bogen an die Baustelle geklebt; dann ruht die Arbeit bis zum nächsten Morgen. Ist jetzt das Mauerwerk völlig trocken, so wird eine zweite Lage von Erdklümpchen so angesetzt, daß sie die erste Schicht überragt; am dritten Morgen wird in gleicher Weise fortgefahren. Schon geht die Arbeit leichter von statten, denn die Vögelchen brauchen sich nicht mehr an der Hauswand anzuklammern, sondern können auf dem bereits gemauerten fingerbreiten Rand Fuß fassen. Schicht folgt auf Schicht, wobei auch einige Halme, Borsten, Haare mit eingeklebt werden. Nach zwei Wochen etwa ist das kugelrunde Nestchen der Hausschwalbe oder das halbkugelförmige der Rauchschwalbe fertig; es bedarf nur noch der Auspolsterung mit Federn und Haaren.
Auch die Spechtmeise versteht sich auf Mörtel und Kitt; ist das Eingangsloch zur Baumhöhle, in der sie ihr kunstloses Nest erbaut, zu weit, so vermauert sie es ringsum mit eingespeichelten Lehmklümpchen, daß dem Eichhörnchen und andern Räubern der Zugang gewehrt wird.
Im allgemeinen beteiligen sich Männchen und Weibchen am Nestbau; sehr oft beschränkt sich aber die Tätigkeit des Männchens auf das Aufsuchen und Herbeitragen der Niststoffe, während das Weibchen gewöhnlich die eigentliche Künstlerin ist. Wer beispielsweise den Pirol oder den Buchfink, bei denen sich die Geschlechter leicht unterscheiden lassen, belauscht, wie Männchen und Weibchen gemeinsam das Nest bauen, wird diese Verteilung der Arbeit bestätigen können.
Das Nest ist für den Vogel weit weniger ein Wohnhaus, als man gewöhnlich annimmt; zunächst dient es nur den Zwecken der Fortpflanzung, und bloß gelegentlich benutzt es das Elternpaar, bei ungünstiger Witterung darin Schutz zu finden. Auch die Nacht verbringt der Vogel, abgesehen vom brütenden oder die Jungen wärmenden Weibchen, meist nur in der Nähe der Niststelle. Manche bauen sich auch besondere Schlafnester, so der Zaunkönig; andere wieder sog. Spielnester, indem sie, wie die Grasmücken, hier und da mit dem Nestbau beginnen, ihn aber bald wieder einstellen, um an anderer Stelle von neuem zu probieren. Namentlich die Männchen können es im Frühjahr oft gar nicht erwarten, daß ihr Weibchen nun endlich mit dem Nestbau Ernst mache, und sie tragen deshalb allerlei Baustoffe ins Gezweig, um die Gattin aufzufordern: nun ist es Zeit.
Nicht genug staunen kann man über die peinliche Reinlichkeit der meisten Nester – »ein schlechter Vogel, der sein Nest beschmutzt«. Den Kot der Jungen tragen die Höhlenbrüter im Schnabel fort, und bei den Freibrütern – ich denke an Schwalben, Störche u. a. – lernen es die Kleinen sehr bald, ihre Kehrseite so zu wenden, daß der Kot über den Nestrand befördert wird.
Das ganze Leben und Treiben unsrer kleinen Sänger spielt sich während ihres kurzen Aufenthalts in der nördlichen Heimat am Nest und in dessen nächster Umgebung ab, bis der große Tag kommt, wo das Vöglein seine Schwingen erhebt, um dem fernen Süden zuzueilen. Nur einen einzigen Vogel beherbergt unser Vaterland, der sich weder um Nestbau noch um Aufzucht der Brut kümmert, das ist der Kuckuck; von ihm gilt das lustige Sprüchlein:
Der g'scheitste Vogel muß der Gugezer sei',
Die andern bau'n d' Nester, und er setzt sich nei'!