Im Teichgebiet der sächsischen Lausitz
Eigentlich war's zu einem ornithologischen Ausflug nach unserm sächsischen »Tausendseen-Land« noch ein wenig früh im Jahre. Doch was half's! Ich kann nicht verlangen, daß das Osterfest mit seinen Ferien bloß meinetwegen um einige Wochen verschoben wird. Und im vorigen Jahre konnte ich mich – genau wie 1911 – wenigstens einigermaßen mit dem Ostertermin aussöhnen. Der 16. April ist doch ein ziemlich später Zeitpunkt für das Fest, und da ich mich erst am »dritten Feiertag« (18. April) auf den Weg machte, durfte ich hoffen, wenn auch bei weitem noch nicht die volle Entfaltung des Vogellebens in jenem Gebiet, so doch immer schon den vielversprechenden Anfang dazu anzutreffen.
Es war also Aussicht vorhanden, daß ich von Dresden her ganz gleichzeitig mit dem oder jenem Bekannten, der aus Kleinasien, Ägypten, von den Ägäischen Inseln usw. in diesen Tagen heimzukehren pflegt, in Baselitz, Milstrich, Königswartha oder Commerau eintreffen würde. Mit Freund Langbein, dem Storch, klappte es auf die Minute, als ob wir uns verabredet hätten. Freilich mancher gefiederte Nachzügler fehlte noch; aber das schadete schließlich nicht viel. Der Vogelfreund sieht doch auch die, die nicht da sind, und interessiert sich auch dafür, welcher Vogel einer Gegend noch fehlt, sei es, daß er regelmäßig recht spät kommt, oder daß er sich gegen seine Gewohnheit verzögert hat. Den rotrückigen Würger, den Mauersegler, die Nachtschwalbe, den Gartenlaubsänger, den Pirol, die Wachtel und namentlich die Rohrsänger konnte ich natürlich noch nicht erwarten.
Trotz dieser und anderer Lücken war es mir möglich, 71 Vogelarten in meine »unblutige Schußliste« einzutragen.
Der etwas einförmige Weg von Kamenz über Jesau nach Deutsch-Baselitz bot nichts Besonderes. In großer Menge saßen die Stare auf Wiesen und Feldern. Der Gesang der Lerchen erfüllte die Luft; Buchfinken schmetterten; Kohlmeisen ließen in jedem Obstgarten ihre hellen Glöckchenstimmen erklingen; Goldammern gaben mir ab und zu das Geleit, während ihre plumperen Vettern, die Grauammern, von den Straßenbäumen herab mit unermüdlicher Ausdauer ihr wenig musikalisches »zick zick zick schnirrrrps« zirpten. Haus- und Feldsperlinge natürlich in ausreichender Menge; ein Elsternhorst auf einer hohen Erle; aus der Ferne der durchdringende Ruf des Grünspechts; einige Nebelkrähen, schwerfälligen Flugs meinen Weg kreuzend, und – eine besondere Überraschung, daß er schon da ist – ein Gartenammer oder, wie er gewöhnlich heißt, ein »Ortolan«. Er saß an der Straße auf einem Baum, ließ sich aber nicht hören.
Deutsch-Baselitz liegt an dem größten stehenden Gewässer Sachsens, umfaßt doch der »Großteich« etwa 400 sächs. Scheffel, das sind mehr als 110 Hektar. In der Nähe noch einige kleinere Teiche, die alle der sehr ergiebigen Karpfen- und Schleienzucht dienen. Der Pächter des Guts war so freundlich, mir ein Boot zur Verfügung zu stellen und einen Fährmann zugleich. Noch ehe man die weite Wasserfläche sieht, hört man bereits die hellen Lockrufe der Bläßhühner, das tiefe »grök grök« der Haubentaucher, das Grunzen und scharfe Lärmen der Rothälse, die garstigen Schreie auffliegender Stockerpel und die wohlklingenden Stimmen kleiner Krikenten. Einzelne Kiebitze gaukelten unruhig umher, taumelnden Flugs, und weiße Lachmöwen tummelten sich hoch in den Lüften.
Wir durchschreiten das abgestorbene Röhricht, um das Boot zu erreichen. Da fesselt ein grünfüßiges Teichhühnchen meine Aufmerksamkeit. In prachtvoller Balzstellung trippelt es am Ufer vor seinem Weibchen gar zierlich hin und her. Überraschend groß erscheint der Vogel in dieser verliebten Haltung. Den Schwanz hat er emporgerichtet, daß sich dessen schneeweiße Unterseite wirkungsvoll von dem übrigen dunkeln Gefieder abhebt. Die rote Stirnplatte und der hochgelbe Schnabel leuchten wie grellfarbige Blumen aus dem welken Schilf, und dieselben Farben wiederholen die koketten Strumpfbänder, die der Vogel an den Fersengelenken trägt. Jetzt läßt sich das Paar ins Wasser gleiten; auch hier wird das Männchen nicht müde, seiner Angebeteten den Hof zu machen. In zierlichen Bogen umschwimmt es sie, bald den weißen Federstrauß des Schwanzes, bald die feurige Pelargonie an der Stirnplatte ihr zukehrend – aber plötzlich sind die beiden verschwunden. Sie haben es wohl gemerkt, daß ich ihrem Liebesspiel gelauscht, und sind nun untergetaucht, sich mit ihren langen Zehen im Schilf unter dem Wasser festhaltend.
Wir betreten das Boot und fahren ein Stück hinaus auf die Fläche. Hunderte von Wasservögeln sind hier vereinigt. In kleineren und größeren Trupps, auch nur in einzelnen Paaren schwimmen Bläßhühner und Enten aller Art, Taucher und Möwen. Oft verschwinden ganze Gruppen wie auf Kommando unter die Wasserfläche, während andere wieder auftauchen.
Es erfordert einige Mühe, in das Durcheinander der schwimmenden, tauchenden, niedrig über dem Wasserspiegel und hoch in den Lüften fliegenden Arten Ordnung zu bringen.