Der nächtliche Sternenhimmel redet eine erhabene Sprache – ach, wie klein ist der Sterbliche doch, der andächtig zu den tausend und abertausend funkelnden Sonnen emporschaut! Das Meer braust heran, Woge auf Woge, ewig, gewaltig, unermeßlich, furchtbar im Sturm – eine Nußschale der riesige Dampfer, das Menschenleben ein Nichts. Der massige Fels erzählt uns seine Geschichte aus nebelhaft grauer Vorzeit, wie ihn die bebende Erde gebar, wie Jahrmillionen ihn formten, auch das Unvergänglichste wandelnd – wer versteht seine Sprache, die uns allen so fremd ist! Der Krystall funkelt und gleißt, in spiegelblanken Flächen bricht sich das Licht – aber er spricht von starren, toten Gesetzen.
Nur das Leben redet zum Leben in lebendiger Sprache, in unsrer Sprache, in der Muttersprache, die allen eignet, die niemand erlernt, keiner zu erlernen braucht, die man nicht begreift mit dem Verstande, sondern die uns von Anfang an innewohnt, tief im fühlenden Herzen. Der Wald spricht mit uns, die einsame Wettertanne auf erhabener Felsenwacht, die Blume am Bachesrand, das flüsternde Schilf, die Heckenrose am Wege – aber: »Fleisch von unserm Fleisch und Bein von unserm Bein«, das gilt doch noch in weit höherem Grade von den Tieren, von unsern »Brüdern«, wie sie Goethe in jenem bekannten Wort an den »erhabenen Geist« nennt:
»Du führst die Reiche der Lebendigen
Vor mir vorbei und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.«
Die Sprache des Tieres, der Ausdruck seines Fühlens, seines Wollens ist unsrer Sprache verwandt; dem Tiere schreiben wir, wie uns selbst, eine Seele zu, die erkennt, die fürchtet und hofft, die liebt und haßt. Und wenn uns der Verstand auch immer wieder zuruft, daß das Geschöpf nicht anders handeln kann, als es handelt, daß es einem inneren Triebe folgt, einer Naturnotwendigkeit, und daß der Tierfreund in tausend Fällen die eignen Empfindungen und Gefühle erst in die Brust des Tieres hineinträgt und so das Tier bis zu gewissem Grade vermenschlicht – warum, so frage ich, sollen wir das, was wir sehen, nicht in unsre Sprache übersetzen? warum sollen wir absichtlich den Eindruck zerstören, den eine sinnige Naturbetrachtung auf jedes unverdorbene Gemüt ausübt? Der strengen Wissenschaft mag ihr Recht bleiben, aber auch dem schlichten Naturfreund, der es im Verkehr mit seinen Lieblingen alltäglich erfährt, daß wenigstens das höhere Tier keineswegs eine bloße Maschine ist, ebensowenig wie der Mensch ein willenloses Rädchen im Uhrwerk des Weltgetriebes.
Zwischen unserm eignen Leben und dem Leben der höheren Tiere bestehen innere Beziehungen, die schon das Kind, ja dieses vielleicht noch mehr als der Erwachsene empfindet, und diese Fäden, die wir hinüberspinnen zu jedem beseelten Wesen, sie sind, wenn mich mein Naturempfinden nicht täuscht, die eigentliche, die tiefste Ursache für die hohe Bedeutung des Tieres im Landschaftsbild – ganz gleich, ob das Lebewesen durch seine Bewegung das Auge auf sich lenkt, ob es durch seine Färbung uns ergötzt, durch seine Stimme unsre Aufmerksamkeit fesselt, ob es einzeln auftritt und so den Eindruck der Einsamkeit verstärkt, oder ob ganze Scharen das Bild beleben.
Ach, wieviel würde uns fehlen, wenn wir durch unsern deutschen Frühlingswald gingen und kein Vöglein würde sein Lied anstimmen, kein Kuckucksruf, kein Trommeln der Spechte, wenn am Sommerabend kein Reh zur Äsung auf die Waldwiese oder das Kleefeld träte, wenn die bunten Falter nicht mehr über den Wiesenblumen gaukelten, am schilfbewachsenen Teich der Chor der Frösche für immer verstummt wäre, wenn die wandernden Vogelscharen nicht mehr am herbstlichen Himmel gen Süden zögen, oder wieviel trauriger noch und öder unser nordischer Winter, wenn die schneebedeckten Felder und das Geäst des entblätterten Baumes nicht belebt wären von unsern gefiederten Freunden, die der Herrschaft des rauhen Gewalthabers trotzen!
Keine Klasse des Tierreichs vermag das Landschaftsbild auch nur annähernd so reizvoll zu beleben, wie die muntere Schar der Vögel. Der Flug durch die Lüfte – nicht an die Scholle gebunden wie Vierfüßler oder Kriechtiere, sondern frei und froh, Überwinder der irdischen Schwere – dazu die auffallende Stimme, von dem zweisilbigen Lockruf der Bachstelze oder dem einfachen Liedchen der Haubenlerche an bis zu dem seelenvollen Gesang der Nachtigall und dem jauchzenden Überschlag des Plattmönchs: das sind die Gaben, mit denen Mutter Natur ihre und unsre Lieblinge wie kein anderes ihrer Geschöpfe ausgezeichnet hat. Und durch diese beiden Eigenschaften tragen die Vögel an erster Stelle zur Belebung des Landschaftsbildes bei.
Der freie Flug! Fühlt nicht jeder das Walten der Schönheit, wenn die Möwenschwärme den meerumbrandeten Küstenfelsen umkreisen, wenn die Schwalbe niedrig über dem glitzernden Dorfteich dahinschießt, ihre Brust flüchtig ins Naß tauchend, um dann blitzschnell emporzusteigen, höher als die schlanken Pappeln am Uferrand, wenn die Dohlen das alte Gemäuer des Stadtturms umschwärmen, die Kiebitze über der feuchten Wiese ihre Flugkünste zeigen, wenn der Kuckuck falkenartig von einem Talhang zum andern hinüberwechselt, die langschwänzige Elster wie ein Bolzen die Luft durchschneidet, oder der kleine Baumpieper von einem Ästchen aus schief emporsteigt und sich dann in schön geschwungenem Bogen wieder zu seinem Lieblingsplätzchen herabläßt!
Und erst der Raubvogel, der König der Lüfte! Ob es ein Adler ist, der stolz wie ein Flugzeug auf ausgebreiteten Schwingen ohne jede Bewegung durch den Luftozean gleitet, oder ein niedliches Fälkchen, das im Morgenglanz rüttelnd sein Spiel treibt, ein Wanderfalk, der in rasendem Flug seiner sicheren Beute nachstürzt, der mächtige »Auf«, der im Mondlicht lautlos durch sein Revier zieht, daß sein riesiger Schatten gespensterhaft über die Geröllhalden und die waldumgrenzte Gebirgswiese gleitet, oder nur ein Schleierkauz, der am dämmernden Abend weichen Flugs über dem Sturzacker schwebt: der Anblick jedes Raubvogels in der freien Natur löst in uns immer ein besonders starkes Gefühl aus. Vielleicht weniger – ich gebe es zu – weil das Malerische der Landschaft durch solch stolze Erscheinung gesteigert wird, als vielmehr aus dem Grunde, weil wir uns dabei bewußt werden, noch einen Ausschnitt, einen letzten Rest urwüchsiger Natur in unsrer leider so verarmten Heimat vor uns zu haben. Ein Flugzeug – ein Adler, hoch, hoch im weiten Himmelsraum: vielleicht ist der Anblick ganz ähnlich, aber die Wirkung auf den Beschauer, der zu beiden emporblickt, im tiefsten Grunde verschieden! Dort stolze Bewunderung, daß es dem Menschen gelungen ist, seinen Fuß von der Scholle zu lösen und sich ins Reich der Lüfte zu schwingen; hier edle Freude an reiner, starker Natur, ein Gottseidank, daß sie doch noch nicht völlig aus unserm Lande, aus unsrer Zeit gewichen ist. Welcher Eindruck der stärkere ist, das hängt ganz vom Beschauer selbst ab.