Am sonnigen Frühlingsmorgen zwei Steinadler über der Ebene, aus der gegen Mittag die bayrischen Alpen aufsteigen. In schönen Spiralen schraubt sich das Paar höher und höher, ohne Flügelschlag einander umkreisend; bald schwebt dieser, bald jener über seinem Genossen. Den Hochzeitsreigen üben die mächtigen Vögel; er trägt sie in unermeßliche Höhen, daß sie dem Auge nur noch wie dunkle Punkte erscheinen. Schnell wie der Blitz dann herab; jetzt ruhiges Schweben, und jetzt so mächtiges Schlagen der stählernen Schwingen.

Vom Fels zum Meer! Auf niedriger Düne stehend, begrüß' ich die Ostsee. Nichts, nichts zu sehen als die unbegrenzte tiefgrüne See, deren weiße Wellenkämme in endloser Folge heranrollen, und der weite Himmel darüber – kein Dampfer, kein Segel. Schnurgerade streckt sich die Düne, mit Sandhafer nur dürftig bewachsen; hinter ihr Buchenwald und ein paar Strandkiefern. Eine einzelne Seeschwalbe, ein Krähenpaar, eine weiße Bachstelze am Strand – aber sie sind nicht imstande, das Gefühl der Einsamkeit und der endlosen Größe von Sand und Wasser zu mildern. Plötzlich ein Schrei, und gleich braust es heran, dicht über mir der gewaltige Seeadler. Er umkreist mich so niedrig, daß ich jede einzelne Schwinge, die goldgelben Augen, das spitze, weißliche Gefieder an Hals und Nacken, die orangefarbenen Fänge mit ihren schwarzen Krallen ganz deutlich erkenne. Weiß leuchtet der Stoß. Da, noch ein zweiter Adler, das etwas kleinere Männchen; mit hellem Schrei stürzt es herbei.

Ich bin in das Gebiet der Gewaltigen eingedrungen; eine hohe Kiefer trägt ihren Horst. Wo ich auch stehe, die Adler umkreisen mich, immer aufgeregt schreiend. Schwerfälliger ist ihr Flug als der des Steinadlers, aber mächtig der Eindruck, mächtig und kraftvoll wie das Astwerk der noch blattlosen Buchen, wie die rotbraunen Stämme der uralten Föhren, gewaltig wie die Wogen der brausenden See: ein Bild urwüchsiger Kraft.

Auf der Seenplatte, die Norddeutschland von Ostpreußen bis Holstein durchzieht, haust noch ein anderer Adler. Nicht zu den Größten gehört er unter den Großen, aber er ist der Edelsten einer des edlen Geschlechtes. Ein herrlicher Anblick, wenn der Fischadler über seinen Jagdgründen schwebt! Kaum hebt sich am Morgen der wallende Nebel über dem dunkeln Waldsee, so erscheint, langsam die Fittiche schwingend, der stolze Fischer über seinem Jagdgrund! Er senkt sich in schöner Schraubenlinie herab und umkreist dann den See. Jetzt hemmt er den Flug; wie ein Falke hängt er im Luftraum. Einen Fisch hat sein Adlerauge entdeckt. Plötzlich, mit vorgestreckten Fängen stürzt er ins Wasser; aber noch ehe die Wellenkreise das nahe Ufer erreicht haben, erscheint der kühne Taucher schon wieder, den Flossenträger in den wehrhaften Klauen. Die Wassertropfen schüttelt er vom Gefieder; dann fliegt er heim nach seinem Horst. Still ruht wieder der Waldsee.

Soll ich noch weiter Bilder entwerfen von dem gaukelnden Spiel der Turmfalken über den Steilwänden und zwischen den Felsenzinnen der Talschlucht, von dem reißenden Flug des beutegierigen Sperbers, der vom Gehölz her mitten in die Schar der Feldsperlinge stürzt, daß sie die rettende Hecke kaum noch erreichen, von dem sanften, ruhigen Schweben hoch über der Flur und noch höher über den Wipfeln des Waldes, wie es die Milane üben, der rote und der schwarzbraune, oder von dem lautlosen Dahingleiten der Rohrweihe, ganz niedrig über dem Schilf und dem im Sonnenstrahl glitzernden Wasser – wer nur einmal Zeuge solch eindrucksvoller Naturbilder ward, der denkt sein Lebtag daran.

Im Hochgebirge, wo die Felsenzinken zum tiefblauen Himmel emporstarren, in der Flachlandschaft, die den See grün umgibt, im Hochwald unsrer Mittelgebirge, oder draußen am Meeresgestade, wo die brandende Welle an den Klippen zerschellt: überall bildet die Erscheinung eines Raubvogels die wirkungsvollste Bereicherung des Landschaftsbildes, eine wertvolle Zugabe, die den Beschauer alles andere ringsum vergessen läßt.

Aber die Raubvögel sind nicht die einzigen Meister im Flug. Oft ist's die Wirkung der Massen, die zur Geltung kommt. Wie prächtig ist doch der Anblick eines nach Tausenden zählenden Schwarmes ziehender Stare im Herbste! Wahre Wolkenzüge, die fortwährend ihre Form ändern, bald breiter, bald schmäler werden, jetzt sich teilen und jetzt sich von neuem zu einem Riesenballe vereinen, der durch die Luft rollt. Oder der schier endlose Zug der Krähen, die in lockeren Gruppen am geröteten Abendhimmel nach ihren nächtlichen Ruheplätzen im Walde über der Schneelandschaft lautlos dahinstreichen – wie malerisch, wie stimmungsvoll dieser Anblick! Anders wieder der Zug der Kraniche, den man an hellen Herbsttagen bisweilen beobachten kann. Sie ziehen immer so, daß sie einen spitzen Winkel mit zwei ungleich langen Schenkeln bilden, jeder einzelne Vogel mit Hals und Beinen eine schnurgerade Linie darstellend. Ein ganz eigentümliches Bild, diese zwei dunkeln, in einem Punkt sich vereinigenden Striche, wie sie am Herbsthimmel gen Süden stürmen, im Verein mit dem fallenden Laub, den abgeernteten Feldern, der letzten Rose im Garten von stärkstem Eindruck auf unser Gemüt. Werden wir sie wiedersehen, die Boten des Frühlings, noch einmal die lieblichen Bilder erleben, die in trüben Wintertagen die Sehnsucht nach dem erwachenden Lenz uns vor die Seele zaubert? – –

Wenn die grünen Spitzen der Saat aus der leichten Schneedecke hervorschauen, wenn das Schneeglöckchen sein Köpfchen erhebt und an den Ruten der Haseln die Kätzchen den Blütenstaub ausstreuen, dann begrüßt vor seinem Bretterhäuschen Freund Star den aufgehenden Sonnenball mit jauchzenden Rufen. Von den bereiften Ästen herab schwatzt der muntere Bursche seine bescheidenen Strophen hinein in den goldenen Morgen. Nicht genug kann er sich tun vor Freude und Lust: daheim, wieder daheim! Im schönsten Farbenschmuck, metallisch grün und tief purpurn läßt die Sonne sein dunkles, weißbetropftes Gefieder erscheinen: ein liebliches Stimmungsbild, das die selige Hoffnung auf den bald einziehenden Lenz weckt – »Frühling, Frühling wird es nun bald!«

Nur wenig Wochen, und die Lerche steigt am Ostermorgen zum Himmel empor, als wollte sie mit ihrem Siegesruf auch die fernsten Fernen des Weltalls erfüllen. Höher und höher flattert das kleine Vöglein über der lenzfrohen Saat, bis es schließlich unserm Auge entschwindet. Aber der Lobgesang, mit dem die Sängerin dort oben die ersten Sonnenstrahlen begrüßt, bleibt noch immer vernehmbar. Bald hallt der ganze Himmel wider von den Jubelchören der singenden Lerchen. Nichts predigt so laut und eindringlich das Auferstehungsfest der Natur, wie das »melodisch gewirbelte Lied« der Lerchen, die hoch über dem sprossenden Grün oder dem samenauswerfenden Landmann, »im blauen Raum verloren«, jauchzen und jubilieren – ein Lied ohne Ende, »bei dem die Saaten lachen«.