Wohl ist das Auge der schärfste Sinn, aber die Pforte, die noch tiefer in unser Innerstes führt, noch unmittelbarer zu Herz und Gemüt, ist das Ohr. Und kein Zweifel, die Bedeutung der Vögel für das Landschaftsbild beruht noch weit mehr auf ihrer hervorragenden Stimmbegabung, als auf ihrer bloßen Erscheinung. Dabei wollen wir nicht nur an den jauchzenden Ruf der Singdrossel, an die Flötenstrophe ihrer Base, der Amsel, an Rotkehlchens sehnsuchtsvolles Lied, an die kecke Fanfare des Zaunkönigs oder an den unvergleichlichen Gesang der Nachtigall denken, sondern auch an andere anspruchslosere Lautäußerungen, zumal bisweilen ein einzelner Schrei oder ein ohrenbetäubendes Stimmengewirr, aber auch ein feiner Lockruf von der stärksten Wirkung ist und dem Landschaftsbild eine ganz bestimmte Färbung verleihen kann.

Vielleicht ist es nur Einbildung, nur eine schönklingende Redeweise, wenn man behauptet, eine Beziehung herstellen zu können zwischen den vielfältigen Stimmen der Natur und den verschiedenen Örtlichkeiten, die durch solche Lautäußerungen belebt werden, ein leeres Geschwätz, wenn man meint, der Lobgesang der Lerchen stimme zu der Frühlingssaat, da unaussprechlich innige Seufzen und Schluchzen der Philomele zu dem nächtlich dunkeln Gebüsch am Rande des Weihers; nur zu der Meereswoge, vom heulenden Sturm gegen die Klippen gepeitscht, passe der heisere Schrei der Möwe, und zu dem nächtlichen Hochwald der unheimliche Eulenruf; der liebliche Gesang des Rotkehlchens gehöre in den lichten, maiengrünen Laubwald und das Schackern der Elster auf die beschneite Flur. Möglich, daß Vogelstimme und Örtlichkeit wirklich nichts miteinander zu tun haben, obgleich ich darauf hinweisen könnte, wie z. B. der Lehrmeister der Wasseramsel ohne Zweifel das auf steinigem Grunde dahinplätschernde Gebirgsbächlein gewesen ist, mit dessen leisem Rieseln der Gesang des am Wasser aufgewachsenen Vogels verglichen werden kann, wie das bunte Allerlei der quecksilbernen Rohrsänger in seiner ganzen Färbung etwas vom Froschkonzert und vom Gurgeln des Wassers am unterwaschenen Uferrand hat; aber angenommen auch, es seien nur liebe Erinnerungsbilder – das jungbelaubte Eichen- oder Buchenwäldchen im Talgrund, das beim Pirolruf vor unsrer Seele auftaucht, der schneebedeckte Fichtenbestand, den die Strophe des Kreuzschnabels uns vorzaubert – soviel steht jedenfalls fest, daß unsre Einbildung, diese oder jene örtlichen und zeitlichen Verhältnisse harmonierten mit ganz bestimmten Vogelstimmen, durchaus lebendig ist und täglich neue Nahrung empfängt. Wo wir aber Harmonie empfinden, empfinden wir Schönheit. Nicht darauf kommt's an, ob solcher Einklang wirklich besteht, ob der Verstand ihn ablehnt oder begründet, sondern allein auf unsre Empfindung.

Nur ein paar Beispiele, die den tiefen Eindruck der Vogelstimmen auf unser Gemüt weit besser erläutern als viele Worte.

Den Ruf der Wachtel kennt jeder, und jedermann liebt ihn. Und doch anmutig und lieblich kann man ihn kaum nennen. Dazu ist er zu kurz und namentlich zu hart abgebrochen, in der Nähe sogar ziemlich gellend und scharf. Nur aus drei Silben besteht der Ruf, ein Daktylus, der stets wiederholt wird. Wie erklärt sich also der nachhaltige Eindruck des Wachtelschlags und unsere Vorliebe für ihn? Die Stimmung, die Färbung der ganzen Umgebung, das ist die Lösung des Rätsels.

Dem rastlosen Treiben der Stadt haben wir den Rücken gekehrt, der drückenden Schwüle in den staubigen Straßen sind wir entflohen. Die heiße Sommersonne ist untergegangen, ein erfrischender Abendhauch weht aus dem Saatgefilde. Vor uns das Dorf, in blaue Dämmerung gehüllt: ein Bild des Friedens. Der Lerche bunte Lieder sind verstummt; nur das gleichmäßige Zirpen der Grillen zittert einschläfernd durch die weite Flur. Das blühende Weizenfeld hat sich dem Schlaf überlassen; wie im Traum nickt die geschlossene Blüte des Mohns, und nur ein paar Abendfalter taumeln über der ruhenden Flur. Da steigt der Mond am östlichen Himmel auf, und nun tönt es vom Rande des Feldes »pickwerwick, pickwerwick,« zehn- oder zwölfmal, dann eine Pause. Eine zweite Wachtel gibt Antwort; in der Ferne schlägt eine dritte, und je mehr sich die Mitternacht nähert, um so hitziger schallt es. Erst in den frühesten Morgenstunden verstummt allmählich der muntere Schlag. Wenn aber dann der junge Tag den nordöstlichen Himmel zu röten beginnt, tönt es wieder gar eifrig durchs ganze Gelände, das freundliche »Pickwerwick«, und die ersten Lerchen in der Höhe stimmen mit ein in den Gesang des Feldes tief unter ihnen.

Schade, ewig schade, daß die vielen Wachteln, deren Schlag mich in meinen Jugendtagen zur Sommerszeit allabendlich erfreute, bis auf einzelne Ausnahmen in meiner Heimat verschwunden sind. Unersetzliche Stimmungswerte sind mit ihnen verloren gegangen; die friedlichen Feierabende des Dorfs haben eine schwere Einbuße erlitten, und das Leben des Landmanns ist ärmer geworden.

Von stärkster Wirkung ist auch der Eulenruf. An sich unschön, ja häßlich, heulend und schreckhaft; aber wir glauben gleichfalls eine Harmonie mit Zeit und Ort zu fühlen, und so dürfen wir auch hier von einer ästhetischen Bedeutung solch seltsamer Lautäußerungen sprechen.

Der nächtliche Wald oder das einsame zerfallene Gemäuer weckt die Einbildungskraft, so daß auch der nüchternste Mensch sich nur schwer eines gewissen Grauens erwehren kann. Aus jedem größeren Wald, selbst aus manchem Park erschallt um die Zeit von Frühlings Tag- und Nachtgleiche der Ruf des Waldkauzes; oft wiederholt klingt er wie heulendes Hohngelächter. Was ist dieser Ruf aber gegen das schauerlich widerhallende »Buhu« des mächtigen »Aufs«, das der König der Nacht zur Paarungszeit fast ununterbrochen hören läßt. Wer in uhureicher Gegend, z. B. in den Waldgebirgen Bosniens nur einmal eine mondhelle Nacht erlebt hat, wird es begreifen, daß der Uhuruf im Aberglauben, in Märchen und Sagen eine große Rolle spielt. Unheimlich klifft und klafft es, heult und wiehert, lacht und jauchzt es durch den dunklen Gebirgswald.

In unsrer engeren Heimat finden sich die weitaus größten Vogelgesellschaften an den Teichen und Seen der Lausitz. Sie verleihen dem Landschaftsbild zu allen Jahreszeiten einen ganz besonderen Reiz, an dem sich Auge und Ohr des Naturfreundes immer von neuem ergötzen.