Die Zeiten haben sich eben geändert, wollte auch nur ein kleiner Bruchteil unsrer Schuljungen sich eine Schmetterlingssammlung anlegen, so wäre es bald vorbei mit den bunten Faltern, und nur noch Weißlinge würden in unsern Gärten flattern. Auch die Schulen sollten Maß halten im Sammeln von Seltenheiten; einige häufiger vorkommende Vertreter der einzelnen Gattungen und Familien genügen vollkommen. Eine Schulsammlung soll kein Museum sein.

Die Falter im Sammelkasten zeigen wohl ihr buntes Farbenkleid, aber ihr Leben und Treiben kannst du doch erst in freier Natur kennen lernen, ja selbst die Bedeutung der Farben und ihre verschiedene Verteilung auf Vorder- und Hinterflügel bei Tag- und Nachtfaltern wirst du erst begreifen, wenn du die leichtbeschwingten Geschöpfe in ihrer natürlichen Umgebung beobachtest, wie sie ihre bunte Herrlichkeit uns zeigen und dann plötzlich dank ihrer Schutzfärbung unserm Auge entschwinden.

Viel wertvoller als Schmetterlinge zu sammeln erscheint es mir, wenn unsre Jugend sich mit der Aufzucht von Raupen beschäftigt und dann die Falter, die den Puppen entschlüpfen, freiläßt. Die Knaben und Mädchen lernen dabei gar manches und haben dann draußen im Freien, wenn sie einen Schmetterling sehen, noch die besondere Freude, möglicherweise einem guten Bekannten, der ihrer Zucht entstammt, begegnet zu sein.

Viele Feinde unter den Menschen haben die Spinnen; selbst der weitverbreitete Glaube, daß Spinnen Glück bringen, hilft ihnen nur wenig. Auch diese interessanten Tiere zu beobachten, findet sich oft für Kinder Gelegenheit, die auch von dem Erzieher wahrgenommen werden sollte: die Kreuzspinne, wie sie ihr kunstvolles Netz baut, an dessen Fäden sie eiligst dahinrennt, ohne sich zu verstricken, wie sie aus ihrem Versteck hervorschießt, die Fliege packt, die ins Netz geraten ist, und sie umspinnt, oder der seltsame Weberknecht, der »Kanker«, wie er tagsüber in einem staubigen Winkel sitzt und gegen Abend seine acht lächerlich langen Beine in Bewegung setzt, um auf die Jagd nach winzigen Insekten und Spinnen zu gehen, oder die Wasserspinne, die sich gut im Aquarium beobachten läßt; an den Wasserpflanzen spinnt sie sich einen Wohnraum, einer Taucherglocke vergleichbar, von wo sie hervorschießt, sobald ein kleines Wasserinsekt in die Nähe kommt. Überhaupt das Aquarium – in Schule und Haus gibt's kaum ein besseres Anschauungs- und Erziehungsmittel! Tag für Tag ein unversiegbarer Born der Belehrung.

Daneben natürlich die Beobachtung in freier Natur, die niemals fehlen darf. Durch den Garten, der zu meinem Elternhaus gehörte, floß ein klares Bächlein. Nur wer selbst an solch einem Gewässer aufgewachsen ist, vermag zu beurteilen, was das für ein empfängliches Kinderherz bedeutet. Die hübsch gepunkteten Forellen wurden belauscht, wie sie unbeweglich im Wasser »stehen« und dann blitzschnell davonschießen; den Krebsen stellten wir nach, die in den Uferlöchern ihre Wohnung hatten, gleich neben der Wasserratte; die seltsamen »Hülsenwürmer«, die ihren weichen Hinterleib in einem Köcher bergen, den sie aus Pflanzenstengeln, Schneckenhäuschen, Steinchen gar zierlich zusammenfügen, erregten unser Interesse, wie die »Rattenschwanzlarven« der Schlammfliegen und die Larven und Puppen der Stechmücken, die zu Tausenden in einer Pfütze neben dem Bach ihrer weiteren Entwicklung entgegensahen. Rückenschwimmer und Wasserläufer, Larven der blauen Libellen und Eintagsfliegen, Schlammschnecken mit ihrem spindelförmigen Haus und Tellerschnecken – »Posthörnchen« nannten wir sie – es ist nicht möglich, all meine Jugendfreunde hier aufzuzählen.

Viel Freude hatte ich als Kind an Schneckenhäusern. Eine kleine, nette Sammlung, die ich mir damals anlegte. Die niedlichen Gebilde sind oftmals so hübsch gezeichnet, und so mannigfaltig ist die Färbung auch bei derselben Art, daß man immer wieder Neues entdeckt. Ich möchte die Schneckenhäuser der sammellustigen Jugend aufs wärmste empfehlen; denn ohne Sammeln, das weiß ich, geht's nun 'mal nicht ab. Beschränkt man sich auf leere Schneckenhäuser, so tut solch Sammeln niemand weh.

Auch Muscheln bereicherten meinen Besitz, besonders als mir eine befreundete Familie hunderte solch zierlicher Gebilde, wie sie am Strande herumliegen, von ihrem Seeaufenthalt mitgebracht hatte. Zu meiner besonderen Freude fehlten auch prachtvolle tropische Formen nicht; denn überall in den deutschen Seebädern werden auch solche verkauft. Mein Jungenherz schwelgte in dem ungeahnten Reichtum an Formen und Farben.

Nur ein klein wenig Verständnis, ein klein wenig Teilnahme seitens der Eltern solchen und ähnlichen Liebhabereien und Neigungen der Kinder gegenüber! Der Sinn für die Natur empfängt gerade durch den schon in jungen Jahren gepflegten Verkehr mit unsrer heimatlichen Kleintierwelt die stärkste Anregung und damit unsre Naturschutzbewegung – es ist dies meine vollste Überzeugung – die wirksamste Förderung.


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