Das höchste Entzücken haben mir aber die Leuchtkäfer bereitet, die »Johanniswürmchen«, wie wir sie nannten. Ich war schon mindestens zehn Jahre alt, als ich das Wunder der fliegenden Funken in einer warmen, gewitterschwülen Sommernacht zum erstenmal anstaunen durfte. Es steht mir der Augenblick unvergeßlich im Gedächtnis, wo solch geheimnisvolle, dem Kinde bisher völlig fremde Wunderwelt mich umgab: leuchtende Funken, die man in die Hand nehmen konnte, ohne sich zu verbrennen, ein »Feuerzauber«, der mich völlig in seinen Bann zog. Noch heute sind mir die Leuchtkäfer, die so still durch das nächtlich-dunkle Gesträuch ziehen oder wie leuchtende Lämpchen am Boden ruhen, ein geheimnisvolles Wunder, das mich immer wieder beglückt.

Mit den Jahren erwachte natürlich der Sammeltrieb in mir; wir Jungen spornten uns gegenseitig an und wetteiferten miteinander. Die in der Äthernarkose getöteten und dann sauber aufgespießten und in dem Kasten systematisch angeordneten Käfer haben mir große Freude bereitet. Ich darf wohl sagen, vieles habe ich dabei gelernt, in der Hauptsache aber doch nur dadurch, daß ich mir selber die Sammlung anlegte. Einige seltenere Prachtstücke, die ich später erwarb oder die mir geschenkt wurden, sagten mir wenig, wie mir denn allezeit die lebenden Insekten beredtere Lehrmeister gewesen sind, als ihre toten, in Reih und Glied aufgestellten Leiber. Und so bin ich denn heute von Käfersammlungen in der Hand von Kindern kein besonderer Freund; in den meisten Fällen kommt nicht viel dabei heraus. Der Feuereifer, mit dem die Sache begonnen wird, flaut oft schon im ersten Jahre ab, und bald steht die kleine Sammlung unbeachtet in einem Winkel.

Wo man aber doch einem Jungen, der sich für die Kleintierwelt unsrer Heimat besonders interessiert, gestattet, sich eine derartige Sammlung anzulegen, da sollte das Eltern- und Erzieherauge darüber wachen. Sonst geht es ohne Tierquälerei und Versündigung an der Natur nicht ab; denn es liegt auf der Hand, daß es auch der jugendliche Sammler sehr bald hauptsächlich auf Seltenheiten abgesehen hat, die ihm, wenn er seine eignen Bedürfnisse befriedigt hat, als Austauschobjekte gegen andre Seltenheiten wertvoll sind. Keinesfalls darf das Sammeln zum Selbstzweck werden; die Beobachtung des lebenden Insekts in freier Natur muß immer die Hauptsache bleiben.

Ein Junge, der sich auf den Totengräber, den Ameisenlöwen, den Goldschmied stürzt und nur daran denkt, die Tiere in die Ätherflasche zu stecken, um sie daheim der Sammlung einzuverleiben, der bringt sich um das beste Teil. Beobachte die Totengräber in ihrer bunten Livree, die Aaskäfer im dunkeln Trauergewand bei ihrer Arbeit, wie sie herbeirennen oder herbeifliegen, wenn sie den Leichnam eines Vogels oder eines kleinen Säugetiers aus der Ferne gewittert haben, wie sie die Erde unter dem toten Körper wegscharren und ihn gleichsam begraben, damit die Larven, die später den Eiern der geschäftigen Käfer entschlüpfen, sogleich Nahrung finden. Beobachte die Laufkäfer, wie sie einen Wurm, eine Kerbtierlarve überfallen, den Ameisenlöwen, wie er mit gehobenem Kopf und geöffneter Kieferzange in seinem Sandtrichter sitzt und auf einen Fang lauert, die Schnell- oder Springkäfer – »Schmiede« sagten wir Kinder – wie sie, lebendige Stehaufchen, so lustig emporschnellen, um aus der Rückenlage wieder auf alle Sechse zu kommen, die grünen Sandkäfer, wie sie auf dem öden Ufergelände stoßweise vor dir auffliegen, oder die scharlachroten Lilienhähnchen, die durch Aneinanderreiben der Hinterleibsringe gegen die Flügeldecken eine so seltsam piepende Musik erzeugen, – und du hast mehr erlebt, als dir die Sammlung zu geben vermag.

Die Kinder, die so glücklich sind, sich viel in freier Natur tummeln zu dürfen, werden mit den Eigentümlichkeiten der genannten und noch vieler anderer Kerbtiere sehr bald bekannt sein. Der seltsame Ölkäfer, »Maiwurm« hieß er bei uns, aus dessen Beingelenken ein gelber, öliger Saft tritt, die »spanische Fliege«, die sich zu Zeiten massenhaft auf Eschen und andern Bäumen einfindet, die Rüsselkäfer mit ihrem igelähnlichen Gesicht und dem stahlharten Chitinpanzer, die metallisch glänzenden Erdflöhe u. v. a.: sie alle sind selbst dem kleinen Kind gute Freunde. Aber doppelt glücklich die Kleinen, wenn sie sehen, daß auch die Erwachsenen ihren Lieblingen Teilnahme entgegenbringen! Wie leicht ist es doch, die jugendlichen Beobachter auf diese oder jene Eigentümlichkeit ihrer sechsbeinigen Spielkameraden hinzuweisen, ihnen allerlei Geschichten aus deren Leben zu erzählen und ihnen so immer mehr Liebe zur Natur und zugleich Achtung vor allen Werken der Schöpfung einzuflößen. Gerade an dieser Achtung und Ehrfurcht fehlt es nicht selten! Vielleicht auch ist es mehr Neugier und Spieltrieb, als Mutwille und Zerstörungssucht, wenn Kinder sich der wehrlosen Insektenwelt gegenüber allerlei Grausamkeiten zu schulden kommen lassen; durch ein gutes Wort, einen Hinweis auf das Wunderwerk der Natur, das sich auch im unscheinbarsten Lebewesen offenbart, kann viel Unheil verhütet werden, Unheil, das weniger die Schöpfung bedroht, als – die Kindesseele.

Auch Schmetterlinge habe ich in großer Anzahl gesammelt, nachdem ich die Kunst erlernt hatte, sie auf dem Spannbrett zu präparieren, daß sie dann im Sammelkasten mit ausgebreiteten Flügeln ihre ganze Farbenpracht zeigten. Damals als Kind sah ich mich auf dem Lande von einem Reichtum, einer Mannigfaltigkeit an Groß- und Kleinschmetterlingen umgeben, daß mir die Artenzahl unerschöpflich schien. Heute ist das anders geworden, namentlich in der Nähe der Großstädte. Eine Verarmung an Faltern ist eingetreten, die ich tief beklage; denn gerade die leichtbeschwingten, bunten »Sommervöglein« sind es, die eine Landschaft aufs reizvollste beleben, wenn sie in großen Scharen über der Wiese ihr anmutiges Spiel treiben, von einer Blume zur andern gaukeln, sich haschen, ausgelassen herumwirbeln, hoch in die Lüfte steigen und dann schnell wieder herabflattern, um sich auf dem Blütenstern niederzulassen, der ihnen Nahrung verspricht. Farbe, Bewegung, Leben – ewig schade, daß wir heute so selten Gelegenheit haben, uns solcher Anmut zu erfreuen!

Gewiß, auch vor einem halben Jahrhundert waren manche Großschmetterlinge in meiner Heimat ziemlich selten, und nicht jeden Tag flog mir ein Segelfalter ins Netz oder ein Schwalbenschwanz, und wenn es uns gelang, manche größere Schwärmer oder Eulen, Liguster- oder Wolfsmilchschwärmer oder gar ein rotes Ordensband mit Hilfe von Apfelschnitten, auf die viele Nachtfalter sehr lüstern sind, zu erbeuten, so waren wir glücklich.

Aber heute fehlen vielerorts auch solche Falter, die früher zu den gewöhnlichsten Erscheinungen gehörten. Den Schmetterlingsraupen mangelt es hier an den zur Entwicklung nötigen Nahrungspflanzen. Wir sagten es schon: man nützt jedes Winkelchen aus und duldet kein Unkraut; das Saatgetreide ist viel reiner geworden, und gewiß ist auch die künstliche Düngung dem Entwicklungsgang mancher Falter höchst nachteilig.

Mich verdrießt es, wenn ich Jungen mit Schmetterlingsnetzen durch die Wiesen rennen sehe: Raubzüge gegen die Natur, aus denen nichts Ersprießliches entspringt – in den meisten Fällen wenigstens. Nicht übertriebene Empfindsamkeit ist es, die mich dies absprechende Urteil fällen läßt; die Natur ist auch grausam, und dem Schmetterling wird's gleich sein, ob er im Rachen einer Eidechse endigt, im Schnabel einer nächtlichen Eule oder in der Äthernarkose des Sammlers. Es sind auch kaum pädagogische Gründe – wie verhärtet müßte mein Herz Pflanzen und Tieren gegenüber geworden sein, wenn Schmetterlings- und Käfersammeln, wenn Pflanzenpressen das Gemüt verrohen müßten – nein, Schutz der Natur ist es, wozu ich nicht eindringlich genug mahnen kann.