»Aber du Frühlingswürmchen,
Das grünlichgolden neben mir spielt,
Du lebst und bist vielleicht
Ach, nicht unsterblich?«
eine Frage, die der Erwachsene nur mitleidig belächelt. Ohne Scheu nimmt das Kind den Käfer, die Raupe, die Spinne, die Schnecke, den Regenwurm in die Hand, freut sich an ihren Bewegungen, stellt allerlei Fragen an sie und läßt sich von seinen Freunden erzählen. Die geschmacklosen Redensarten, wie: »eklige Raupe« oder »pfui, die häßliche Spinne!« verdanken gewiß nicht einem Kindermund ihre Entstehung.
Unter den Käfern spielt natürlich der »Sohn des Mai's« bei unsrer Jugend eine hervorragende Rolle. Sobald die Birken ihre schwanken Hängeruten mit zartem Grün übersponnen haben, ziehen die Buben mit durchlöcherten Pappkästen oder Zigarrenkisten in den Wald, um die braunen Gesellen von den Bäumen zu schütteln und nach Hause zu bringen. Habe es auch nicht anders getrieben – selige Kinderzeit, wo man sich reich fühlte, wenn man ein paar Dutzend Maikäfer sein eigen nannte!
Wir spielten mit ihnen nach Herzenslust. Sie mußten seiltänzern, einen kleinen Wagen oder Schlitten ziehen; auch als Handelsartikel waren sie hochgeschätzt, besonders die mit rotem Brustschild, die »Franzosen«. Später freilich, wenn die Käfer matt und langweilig wurden, war es aus mit der Freundschaft, und wir warfen sie den Hühnern vor.
In manchen Jahren traten die Maikäfer so massig auf, daß sie auch uns Kindern zuwider wurden, und wenn wir die Verheerungen sahen, die sie anrichteten, wie sie die jungbelaubten Eichen ganz kahl fraßen und unsre Stare mit den Übeltätern nicht mehr fertig werden konnten, zogen auch wir gegen sie zu Felde, genau so wie im Sommer 1922 die Schuljugend den Kampf gegen die Nonne geführt hat.
Andre Käfer erfreuten sich unsrer dauernden Liebe und Teilnahme. Der goldig-grün glänzende Rosenkäfer, wie er mitten in der duftenden Zentifolie sitzt, von deren zarten Blättchen er speist, war unser Entzücken; wir hätten ihm ebensowenig ein Leid zufügen können wie den verschiedenen Marienkäferchen oder Sonnenkälbchen, die uns für heilige Tiere galten.
Auch der seltene Puppenräuber war unser Stolz, nicht weniger so mancher Bockkäfer – der kraftvolle Weberbock mit den lederartigen Flügeldecken, der große Eichenbock, der zierliche Zimmerbock mit seinen riesigen Fühlern – alle Kameraden beneideten uns um unsern Besitz, an dem wir uns doch nur ein paar Tage erfreuten. Ich schenkte den Gefangenen, wenigstens damals, als ich noch keine Käfersammlung besaß, die Freiheit bald wieder. Die Schädlinge zu töten, das kam mir nicht in den Sinn.
Längere Zeit, ja wochenlang hielten wir die Riesen der deutschen Käferwelt, die Hirschschröter, in Gefangenschaft; mit Zuckersaft, den sie sehr gern lecken, fristeten wir ihr Leben. In das Aquarium, das mit Teichmolchen besetzt war, brachten wir allerlei Schwimmkäfer, den Gelbrand, den pechschwarzen Wasserkäfer, den kleinen Taumelkäfer. Wir freuten uns an ihrem lebhaften Treiben, bis wir die raubgierige Gesellschaft, die uns die Molche und die kleinen Fischchen anfraß, verbannen mußten. Auch die Wasserläufer, die wie auf Schlittschuhen über das Gewässer hingleiten, erregten unsre besondere Aufmerksamkeit.