Die Kreuzotter – es kann nicht oft genug wiederholt werden – ist die einzige Giftschlange in unsrer Heimat. Sie kann auch dem Menschen gefährlich werden; doch gehören Unglücksfälle zu den seltenen Ausnahmen, und gestorben ist infolge eines Kreuzotterbisses, so viel ich weiß, in dem letzten halben Jahrhundert in Sachsen überhaupt niemand. Eine gewisse Vorsicht, besonders an Waldrändern, sonnigen Hügeln ist anzuraten, wenn man sich auf den Boden niederläßt; auch vor dem Barfußgehen an solchen Stellen ist zu warnen. Aber man soll auch nicht übertrieben ängstlich sein und durch solche Angst sich den Genuß an der Natur beeinträchtigen lassen. Am wenigsten aber soll man vor jeder Schlange Reißaus nehmen. Die Kreuzotter flieht, sobald sie den Menschen bemerkt; nur wenn sie überrascht wird und keinen andern Ausweg weiß, sucht sie sich zu verteidigen. Man präge sich doch die Artmerkmale der Kreuzotter ein. Ihre Länge beträgt etwa 50 bis 60 cm; jedenfalls ist eine Schlange, die gegen 1 m mißt, nie eine Kreuzotter. Die Färbung kann recht verschieden sein; grau, braun oder olivenfarben ist der Grundton. Die eigentümliche dunkle Zackenlinie, die längs des ganzen Rückens hinläuft, hebt sich mehr oder minder gut ab; sie besteht aus aneinanderstoßenden Rhomben. Die Unterseite ist niemals hell oder auffallend gezeichnet. Der eigentliche Schwanz, der sich ziemlich deutlich vom Körper absetzt, ist sehr kurz, nur etwa 1/8 oder 1/10 der Gesamtlänge. Die Bewegungen der Otter sind langsam, lassen auch die geschmeidigen Wendungen vermissen, die wir an den Nattern bewundern. Jede einzelne Schuppe trägt längs der Mitte eine kielartige Erhöhung im Gegensatz zu den ganz glatten Schuppen der Haselnatter. Mit der bedeutend größeren Ringelnatter kann man die Kreuzotter nicht verwechseln. Deren Oberseite ist blaugrün oder grünlichgrau gefärbt, die fast schwarzen Schilder der Bauchseite sind weiß eingefaßt. Das untrüglichste Merkmal dieser Natter bilden aber die beiden gelben oder weißlichgelben Halbmondflecken hinter dem Kopfe.
Wenn behauptet wird, auch die Kröten seien giftig und sie schleuderten ihrem Feinde, dem wirklichen oder dem vermeintlichen, aus ihren Hautdrüsen einen giftigen Saft entgegen, so ist dies eine falsche Vorstellung. In der Angst spritzt die Kröte Urin aus, der übel riecht, im übrigen aber ganz wirkungslos bleibt. Man muß den Lurch schon kräftig anfassen, ehe er aus seinen Drüsen die so gefürchtete ätzende Flüssigkeit fahren läßt. Aber auch diese ist dem Menschen gegenüber ganz harmlos, höchstens daß sie an zarten Stellen die Haut etwas rötet, und nur derjenige, der sich sehr viel mit Kröten beschäftigt, wird über unangenehme Wirkungen dieses Saftes, aus dem der Chemiker allerdings stark wirkende Giftstoffe herstellen kann, zu klagen haben. Ähnlich verhält es sich mit dem Feuersalamander, der ja auch als giftig beim Volke verschrien ist. Überhaupt glaubt der gemeine Mann, je bunter und auffallender die Farben solch eines Kaltblüters leuchten und glänzen, um so giftiger sei das Tier, und er hält deshalb z. B. das grünschillernde Männchen der Zauneidechse für viel gefährlicher als das einfacher gefärbte Weibchen. Daß solch Merkmal bei der Kreuzotter gar nicht stimmt, macht keinem das Herz schwer. »Die Kreuzotter ist eine Schlange, und die Schlangen sind ohne Ausnahme giftiges Otterngezücht!« so heißt es ganz allgemein.
Wollen wir unsre kaltblütigen Wirbeltiere der Heimat erhalten, so kommt es an erster Stelle darauf an, solchen und ähnlichen Aberglauben, der sich aus dem dunkelsten Mittelalter bis in unsre Tage herübergerettet hat, endlich einmal auszurotten. Hierbei sollte uns neben der Schule auch das Haus unterstützen. Außerdem aber erwachsen den Aquarien- und Terrarienvereinen manche dankbaren Aufgaben. Wie man Vogelschutzgebiete eingerichtet hat, so lassen sich auch Maßnahmen treffen, die den Schutz der Kriechtiere und Lurche an bestimmten, vielleicht nur eng begrenzten Örtlichkeiten bezwecken. Selbst ein kleiner Verein, dem bloß geringe Mittel zur Verfügung stehen, könnte einen steinigen, unfruchtbaren Berghang oder auch nur eine Schutthalde erwerben, wo Eidechsen und Schlangen ihre Wohnung aufgeschlagen haben, ebenso einen Tümpel, einen Wassergraben, einen kleinen Teich, der von Unken und Fröschen, von Tritonen und Molchen belebt wird. Hier könnten die Mitglieder des Vereins ihre schützende Hand über diese Tiere halten. In vielen Fällen würde es auch genügen, einen Pachtvertrag auf längere Zeit abzuschließen oder den Besitzer gegen eine geringe Abfindungssumme zu verpflichten, alle Veränderungen innerhalb des Schutzgebiets zu unterlassen, welche die Daseinsbedingungen der schutzbedürftigen Kleintierwelt schmälern könnten.
Namentlich wenn es sich um besondere Seltenheiten handelt, sollte man sich der bedrohten Tiere annehmen. Zu solchen Seltenheiten, ja schon zu den eigentlichen Naturdenkmälern gehören die Sumpfschildkröte, die Würfel- und Äskulapnatter, die Smaragd- und die Mauereidechse, die Bergunke, die Geburtshelferkröte u. a. Sind es doch nur ganz wenig Örtlichkeiten in Deutschland, die als Fundstätten des einen oder des andern der genannten Kaltblüter in Betracht kommen. So ist die Sumpfschildkröte außer in Westpreußen und den benachbarten Gebieten nur noch im Regierungsbezirk Lüneburg, an der Unterweser, in Schleswig-Holstein, in der Altmark, im Braunschweigischen und in Schlesien an ganz wenig Orten bekannt. Die Äskulapnatter kommt vereinzelt im Taunus und bei Passau vor, die Würfelnatter hat man in der Meißner Gegend und an der Nahe angetroffen, die herrliche Smaragdeidechse am Oberrhein und bei Passau, während es sich bei verschiedenen preußischen Fundstellen wahrscheinlich nicht um ein ursprüngliches Vorkommen handelt. Und so lassen sich bei einer ganzen Reihe von Kriechtieren und Lurchen die wenigen Angaben über ihre Wohnstätten in Deutschland an den Fingern einer Hand aufzählen. Mag es auch wahrscheinlich, ja sogar sicher sein, daß diese Angaben Lücken aufweisen, so viel steht jedenfalls fest, daß die genannten Tiere über kurz oder lang ganz aus unsrer Heimat verschwinden werden, wenn sich nicht Naturschutz-, Aquarien- und Terrarienvereine, sowie Einzelliebhaber der hart Bedrängten tatkräftig annehmen. Auch durch behördliche Verordnungen läßt sich wohl manches erreichen.
Die Erhaltung der heimatlichen Tierwelt muß das gemeinsame Ziel aller Naturfreunde sein. Die verschiedensten Wege führen dahin. Möge selbst den gefürchteten Schlangen und den verachteten Kröten gegenüber solche Aufforderung eine freundliche Aufnahme finden! Es handelt sich um eine ideale Aufgabe, um
Schutz den Schutzlosen!
Sechsbeinig, achtbeinig und ohne Beine
Auch unter der niederen Tierwelt haben wir gute Bekannte und liebe Freunde. Freilich weniger die Erwachsenen, als die Kinder. Jene wenden sich meist mit Abscheu oder lächerlichem Widerwillen von dem »Insektengesindel, dem Spinnengezücht und all dem Gewürm« ab – unnützes Ungeziefer, zu nichts anderem auf der Welt, als die Menschen zu ängstigen und zu quälen, vom bösen Feind erschaffen, der ja auch das Unkraut zwischen die Fruchthalme der Felder gesät hat – während die Kinder diesen Geschöpfen viel näher stehen. Ihr Verhältnis zu ihnen ist weit inniger, ursprünglicher, noch ungetrübt durch den Verstand, der immer nur Nutzen und Schaden berechnet, einzig in einem tiefen, wahren, natürlichen Gefühl wurzelnd. Solange das Kind von dem albernen Gerede der Erwachsenen noch verschont geblieben ist, sieht es in jedem Tier, auch dem geringsten, ein ihm bis zu gewissem Grade verwandtes Wesen, etwas Beseeltes, das gleich ihm empfindet. In Einfalt ahnt es den Sinn der Dichterworte: