Schlangen leben in allen Zonen der Erde; selbst in dem kalten Lappland kommt die Kreuzotter noch bei 67° n. Br. vor, und überall werden diese Reptilien vom Menschen gefürchtet, gehaßt und verfolgt; denn wo immer Schlangen sich finden, da gibt es unter ihnen neben harmlosen Geschöpfen auch tückische Wegelagerer, die den offenen Kampf scheuen und ihrem Opfer aus dem Hinterhalt mit vergiftetem Dolch auflauern. Namentlich in den heißen Ländern ist die Zahl der Giftschlangen sehr groß; aber selbst in Europa leben 6 oder 7 Arten, von denen für Mitteleuropa nicht weniger als 4 in Betracht kommen.

Freilich nur die Kreuzotter erfreut sich in unserm Vaterlande allgemeiner Verbreitung. Ihr ist jede Örtlichkeit recht, wo sie Wärme und Nahrung findet. Nur dem Innern großer, dunkler Wälder, die kaum einen Sonnenstrahl durchlassen, bleibt sie fern, auch der sumpfigen Wiese, die ihr kein trocknes Plätzchen bietet. Die andern drei, viel selteneren Giftschlangen aber haben ihr Heim weiter südlich aufgeschlagen, die ursinische Viper in Niederösterreich, die Sand- und die Aspisviper namentlich in Südtirol.

Aber selbst wenn Europa als einzige Giftschlange lediglich die Kreuzotter beherbergte, ja wenn diese, wie es für manche deutsche Landschaft gilt, überall außerordentlich selten wäre, ich glaube die Schlangenfurcht unter uns Mitteleuropäern würde doch ebenso allgemein verbreitet sein. Der gute Ruf einer Familie wird eben nur zu leicht durch ein aus der Art geschlagenes Mitglied untergraben; die andern müssen darunter mit leiden, in unserm Falle die giftlose Ringel- und Haselnatter und selbst die ganz harmlose schlangenähnliche Blindschleiche. Überall bringt man diesen Kriechtieren Mißtrauen entgegen, und die Furcht vor dem »Otterngezücht« ist ganz allgemein.

Auf Grund eigner Erfahrungen muß ich nun aber der Ansicht, die Schlangenfurcht sei dem Menschen angeboren, ganz entschieden widersprechen. Ich habe darüber schon berichtet, sowohl in den von der »Staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege in Preußen« herausgegebenen »Vorträgen und Aufsätzen« wie im »Kosmos«. Führe ich ein kleines, etwa drei- oder vierjähriges Kind ruhig an eine Schlange heran, an eine Ringelnatter, die durch's Gras schlüpft, an eine Haselnatter, die sich am steinigen Hang sonnt, so ist von einer angeborenen, instinktiven Furcht des Kindes vor dem Reptil nicht das geringste zu spüren. Im Gegenteil, das kleine Menschenkind betrachtet das ihm bisher unbekannte Geschöpf mit dem größten Interesse. Ja, fasse ich die Natter und bringe sie dem kindlichen Beschauer ganz nahe, so bedarf es kaum noch des Zuredens, das Kinderhändchen greift nach ihr und betastet das glatte Schuppenkleid; selbst vor der beweglichen Zunge der Schlange weicht es nach einem Weilchen nicht mehr zurück. Dabei muß ich selbstverständlich voraussetzen, daß das Kind seine natürliche Unbefangenheit noch bewahrt hat, daß es nicht bereits Zeuge ward von dem törichten Aufkreischen erwachsener Personen, mit dem gewöhnlich eine Schlange, die sich 'mal zeigt, eine Blindschleiche oder Eidechse begrüßt wird. Ich habe mehrfach derartige Versuche angestellt. Kam es einmal zum Schreien, so trug entweder meine eigne Ungeschicklichkeit die Schuld, oder besonders heftige Bewegungen der Natter, ein weites Aufreißen ihres Mundes, ein unheimliches Zischen schüchterten den kleinen Naturforscher ein. Einer jungen Katze oder einem Kaninchen gegenüber verhält sich das Kind nicht anders.

Wenn man mir aber entgegnet, mein eigenes ruhiges Verhalten, ja meine bloße Gegenwart habe die Kleinen ermutigt, ihre angeborene Schlangenfurcht zu überwinden, so antworte ich, daß es mit einem sogenannten ursprünglichen Instinkte nicht weit her sein kann, wenn er durch solch einfache Mittel zu überwinden, ja in sein Gegenteil umzuwandeln ist. Auch kann ich noch folgendes Erlebnis berichten. An einem sonnigen Maimorgen beobachtete ich ein mir bekanntes, etwa vierjähriges Mädchen, an einem Abhang kauernd, wo es um diese Zeit von Eidechsen geradezu wimmelte. Das Kind bemerkte mich nicht. Seine ungeteilte Aufmerksamkeit war auf die grünschillernden Echsen gerichtet, die aus ihren Löchern hervorkamen, um im Sonnenschein zu spielen. Die Kleine griff nach den flinken Tierchen, sie zu fangen, was ihr freilich niemals gelang, und laut jauchzte sie auf in heller Freude an dem neckischen Spiel. Kein Zweifel, mit Kreuzottern oder Skorpionen hätte sich das Kind ebenso lustig unterhalten.

Aber auch an meine eigne Jugend darf ich erinnern, bin ich doch gewissermaßen unter Schlangen aufgewachsen. Ringelnattern waren im Frühjahr und Sommer meine täglichen Spielgenossen; sie bewohnten in großer Anzahl die Uferränder des Bächleins, das durch unsern Garten floß. An warmen Sommertagen sah man mich selten ohne solches Reptil, oft in jeder Faust eine Schlange, wie Herkules, zum Entsetzen meiner lieben Mutter. Aber erwürgt hab ich sie nicht – die Schlangen nämlich. Daß ich selbst Erwachsenen mit meinen Freunden Furcht einjagen konnte, machte mir Spaß, um so mehr als ich solch törichte Angst nicht begriff. Mein Vater hatte durch die ruhig verständige Art, wie er mit dem Kinde alles, was kriecht und fliegt, voll Teilnahme betrachtete und besprach, mich vor jeder Ansteckungsgefahr durch abergläubische Personen zu hüten gewußt, und bald war ich einsichtsvoll genug, daß mir die Schlangenfurcht anderer nichts anhaben konnte. Anerzogen ist diese Furcht, nicht angeboren, das behaupte ich aus vollster Überzeugung.

Man redet von dem Paradies der Kindheit. Ins Paradies aber gehören Tiere, und mit allen ist das Kind gut Freund. Indessen, die Erwachsenen sind es, die solch paradiesisches Verhältnis unsrer Kinder zur Tierwelt oft in unverantwortlicher Weise stören, die natürliche Teilnahme der Kleinen zu allem, was kriecht und fliegt, untergraben, vielleicht ohne daß sie es wollen und wissen. Wenn etwas dem Menschen angeboren ist, so ist's nicht die Furcht vor gewissen Tieren, sondern im Gegenteil die Zuneigung zu allen Geschöpfen, eine Tatsache, die in wirklich rührend naiver Weise in der Schöpfungsgeschichte der Bibel zum Ausdruck kommt, wo erzählt wird, daß Gott alle Tiere auf dem Felde und alle Vögel unter dem Himmel zum ersten Menschen brachte. Freilich gleich hinter dieser lieblichen Erzählung steht das böse, an die Schlange gerichtete Wort des Schöpfers: »Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe, zwischen deinem Samen und ihrem Samen.« Kein Zweifel, dieses Wort des zürnenden Gottes trägt ein gut Teil Schuld an der übertriebenen Schlangenfurcht, die selbst in unsern Tagen noch so viele Gemüter beherrscht.