So meine ich das selbstverständlich auch nicht. Immerhin bin ich der Ansicht, daß ein einzelner Grundbesitzer oder auch ein Gemeinwesen, eine Behörde in allen Fällen recht eindringlich darüber nachdenken sollte, ob es sich auch lohnt, solch eingreifende Veränderungen der natürlichen Verhältnisse, wie sie die Trockenlegung eines Sumpfes, eines Teiches zur Folge hat, herbeizuführen, und ob es unbedingt nötig ist, gerade den Graben zuzuschütten oder mit Fabrikabwässern zu verseuchen, der schöne Molche und ein paar seltene Fischchen beherbergt, auch im Kreise der Naturfreunde als Fundstätte interessanter Wasserinsekten, Krebstierchen, Polypen usw. bekannt ist. Oder ob es sich nicht vermeiden läßt, das kleine Feldgehölz niederzuschlagen, ob die Weißdornhecke am Wege, das Gestrüpp am steinigen Hang nicht erhalten werden kann. Dort wohnen Blindschleichen und Eidechsen in frohem Verein; es wäre doch schade um diese Kleintierwelt, wenn sie etwa nur einer plötzlichen Laune zum Opfer fallen sollte.

Vielleicht ließe sich auch auf gesetzlichem Wege etwas für unsre Kaltblüter tun. An das Vogelschutzgesetz habe ich oben erinnert. Warum, so frage ich, gibt es nicht ein ähnliches Gesetz zum Schutze der Reptilien und Amphibien? Ich sehe keinen Grund ein, diesen Gedanken abzulehnen. Sie alle, die unter den heutigen Verhältnissen so hart bedrängt werden, die Schlangen – natürlich mit Ausnahme der giftigen Kreuzotter – die Eidechsen und Blindschleichen, die Kröten, die Salamander und Teichmolche, die Laubfrösche und bis zu gewissem Grade auch alle andern Frösche verdienen und bedürfen gesetzlicher Maßnahmen, wollen wir sie unsrer Heimat erhalten. Und wenn es vielleicht auch nicht an der Zeit ist, ein Reichsgesetz zu befürworten, so könnten doch bereits jetzt einzelne Länder und Behörden mit gutem Beispiel vorangehen und durch besondere Landesgesetze oder wenigstens Polizeiverordnungen den Reptilien- und Amphibienjägern von Profession das Handwerk genau so legen wie den Vogelstellern und Eierräubern. Warum soll nur der zur Verantwortung gezogen werden, der sich an einem Vogel oder seiner Brut vergreift, während der Frevler, der eine Kröte, eine Unke oder ihren Laich, eine Eidechse oder eine harmlose Schlange lediglich aus Roheit vernichtet, frei ausgeht?

Ich weiß es, daß gesetzliche Maßnahmen auf dem Gebiet des Naturschutzes im allgemeinen wenig nützen. Aber unser Reichsvogelschutzgesetz möchte heute doch kein einziger Naturfreund missen; es hat im Laufe der Jahre durchaus segensreich gewirkt. Und so verspreche ich mir auch von einem Reptilien- und Amphibienschutzgesetz manches Gute. Dabei wäre wohl zu erwägen, ob ein solches Gesetz nicht etwas mehr Rücksicht auf die Terrarien- und Aquarienliebhaber nehmen könnte, als unser Vogelschutzgesetz auf die Freunde der Stubenvogelpflege. Nur dem Massenfänger und dem Händler müßte das Handwerk gelegt werden.

Freilich, mehr als gesetzliche Bestimmungen helfen Belehrung und vernünftige Erziehung. Wer soll belehrt und erzogen werden? Natürlich die Jugend. Aber nicht etwa nur von den Lehrern, sondern an erster Stelle von den Eltern. Die Schule hat es bereits bewiesen, daß es ihr Ernst ist, die ihr anvertrauten Kinder zum Naturschutz zu erziehen. Davon zeugen so manche Verordnungen und Maßnahmen der Schulbehörden, die alle darauf zielen, in der Jugend die Liebe zur Heimat und die Achtung vor der Natur und ihren Geschöpfen zu wecken und zu pflegen, und davon zeugt in gleicher Weise die freundliche Stellung, welche die gesamte Lehrerschaft in Dorf und Stadt, an Volksschulen wie an höheren Schulen dem Naturschutzgedanken gegenüber von Anfang an eingenommen hat. Ja viele, viele Lehrer sind für unsre Bestrebungen mit freudigster Begeisterung eingetreten und haben sich im Kampfe für sie mit in die vorderste Reihe gestellt. Einmal um der Sache selbst willen, sodann aber auch, weil sie erkannt haben, eine wie hohe erzieherische Bedeutung dem Heimat- und Naturschutz sowohl für den einzelnen Menschen wie für unser ganzes Volk zukommt.

Heute treibt der Lehrer naturgeschichtlichen Unterricht nicht nur innerhalb des Schulzimmers, sondern er führt die Kinder oder jungen Leute hinaus ins Freie, daß sie Pflanzen und Tiere in ihrer natürlichen Umgebung beobachten, die lebenden Wesen: die Blume am Wegrand, die Blindschleiche am moosigen Boden, die Eidechsen an der Geröllhalde, den Falter über der Wiese. Der trockene »beschreibende« Naturgeschichtsunterricht, der sich mit der Betrachtung von Herbarien, von ausgestopften Vögeln, von Spirituspräparaten aus dem Reich der Kaltblüter, von aufgespießten Insekten begnügte, ist wohl für alle Zeiten verlassen. Das Leben redet heute zur Jugend, und es lehrt, ohne daß der Erzieher es nötig hat, viel Worte zu machen, Achtung vor der Natur, vor jedem einzelnen Wesen, das ein Glied des Ganzen ist, und damit auch Achtung vor der Gesamtheit der Schöpfung. Wenn es heute scheinen will, daß die traurigen, tief beklagenswerten Verirrungen auf diesem Gebiet, daß die Verrohung weiter Kreise unseres Volks, von der man mit Recht spricht, damit nicht in Einklang zu bringen sind, so glaube ich darin einen Trost finden zu dürfen, daß es sich nur um eine Krankheitserscheinung handelt, die wohl überwunden werden kann. Möge die Schule unentwegt auf dem eingeschlagenen Wege weiter schreiten! Es ist der richtige, und er muß zum Ziele führen.

Aber das Elternhaus hat nicht gleichen Schritt gehalten. Wie gleichgültig stehen doch die meisten Erwachsenen der heimatlichen Tierwelt gegenüber, wenn es sich nicht gerade um ein Säugetier oder einen Vogel handelt. Ja, Grauen und Furcht, Ekel und Abscheu flößen sie ihren Kindern vor Schlangen, vor Kröten und Salamandern, vor Fröschen und Kaulquappen und vor all dem »giftigen Gewürm« ein. Sie untergraben damit die natürliche Zuneigung, die jedes unverdorbene Gemüt der Tierwelt entgegenbringt, statt durch das eigene Beispiel das Interesse der Kinder an den »Brüdern im stillen Busch, in Luft und Wasser« zu pflegen und zu fördern. Da heißt es: »Was fällt dir ein, wirst doch den ekligen Frosch nicht in die Hand nehmen!« oder: »Geh weg, dort sitzt eine giftige Kröte!« oder: »Pfui, pfui, welch scheußliche Raupe, gleich mach sie tot!« oder: »Eine Schlange! wie gut, daß ich die heimtückische Otter mit dem Stock noch getroffen!« Wollte ich in gleichem Tone fortfahren, so würde ich sagen: »Pfui Spinne, was sind das für törichte, unwürdige, geschmacklose Redensarten Kindern gegenüber!«

Die Kleinen, die anfangs wahllos jedes Tier in die Hand nehmen, glauben es schließlich, was die Erwachsenen sagen; sie kreischen beim Anblick einer Natter auf, sie graulen sich, den feuchtkalten Frosch zu berühren und steinigen die unschuldige Kröte. »Wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen.« Die Schule wird erst dann vollen Erfolg haben, wenn die Eltern die Hand mit ans Werk legen. Häßliche, ekelhafte Geschöpfe gibt es nicht. »Gott sahe«, sagt die Bibel in ihrer schlichten Weise, »daß es gut war.« Und noch ein Bibelwort möchte ich den Eltern zurufen; das lautet: »Werdet wie die Kinder!«, d. h. wie die natürlichen, von eurer unvernünftigen Erziehung noch nicht verdorbenen Kinder!

Vor ein paar Jahren setzte ich einen vierzehnjährigen Bengel zur Rede, der eben eine Ringelnatter in grausamer Weise getötet hatte. In Glashütte war's, dem erzgebirgischen Städtchen. Der Junge kam von der Wiese herein nach dem Marktplatz und trug die Schlange, in eine Astgabel geklemmt, triumphierend vor sich her. Eine gröhlende Kinderschar umgab ihn, so daß ich an den Anfang der Schillerschen Ballade vom »Kampf mit dem Drachen« erinnert ward. Der Knabe sagte natürlich, es sei eine giftige Schlange. Und dann berichtete er mir, sein Vater habe gesagt, man müsse jede Schlange, der man begegne, totschlagen, es könnte immer eine Kreuzotter sein. Die verstellten sich manchmal. Genau dieselbe Ansicht haben mir gegenüber auch Erwachsene geäußert, die ich wirklich für ein wenig verständiger gehalten hätte. Man ist eben zu gleichgültig oder zu faul, sich die Merkmale unsrer drei Schlangenarten einzuprägen, und schlägt nun alles tot, was einer Kreuzotter ähnlich aussieht, selbst die so harmlose Blindschleiche. Ich möchte auch wissen, wieviel Haselnattern alljährlich als Kreuzottern an die Behörden eingeliefert und von diesen prämiiert werden. Erst lerne man die drei Schlangenarten – es handelt sich tatsächlich im wesentlichen nur um drei Arten – sicher unterscheiden, und dann, meinetwegen, töte man die Kreuzotter, wenn man eine solche antrifft.

Jene Kinderschar, von der ich erzählte, habe ich natürlich über das begangene Unrecht belehrt und jedem einzelnen Kind die Merkmale der unschuldigen Natter genau eingeprägt. Selbst die größeren Jungen gingen hierauf still und beschämt davon. Einem kleinen blondlockigen Mädchen aber standen die Tränen im Auge; es weinte über den Tod dieser Schlange, genau wie es über ein verendetes Vöglein geweint haben würde.