In mildem Goldglanz schauen die Krötenaugen uns so treuherzig und innig an, als wollten die Tiere sagen: Tu uns nichts zuleide! Es liegt etwas unaussprechlich Wehmütiges in diesem milden Blick, etwas von der stillen Poesie des Weihers mit seinen Nixen und Elfen, die sich nach dem Reiche der Menschen sehnen, etwas von märchenhaftem Waldeszauber, etwas Ahnungsvolles und Unwirkliches. Man denkt an den verwunschenen Prinzen, an die Kröte mit dem goldnen Krönchen, von denen die Großmutter uns Kindern so oft erzählte. Krötenaugen blicken ebenso sanft und träumerisch, so innig und seelenvoll wie die schönen Augen meines Rotkehlchens oder draußen am Waldbach die großen braunen Augensterne der Wasseramsel, und ich kann's nicht verstehen, daß Krötenaugen geradezu zum Sinnbilde der Häßlichkeit geworden sind. Wenn man eine Dame anschwärmen würde: »Sie einzig Verehrte, mit Ihren Krötenaugen!« so würde das, so ehrlich es der Freund und Kenner jener Tiere vielleicht auch meint, als eine Beleidigung gelten. Nun, eine Beleidigung, ich gebe es zu, mag es in manchen Fällen auch tatsächlich sein, wo man solchen Vergleich zieht, aber niemals eine Beleidigung für das weibliche Wesen.
Doch zurück zur Frage nach Nutzen und Schaden. Raubtiere sind sie alle, die Reptilien so gut wie die Lurche, nur daß letztere in ihrem Jugendzustande, z. B. als Kaulquappen, an verwesenden Pflanzenstoffen herumnagen. Außer Daphnien, Cyklopiden und andern Krebstierchen werden von allen Lurchen die verschiedenen Mückenarten, Würmer, Schnecken, Larven und Puppen von Wasserinsekten, daneben die Jugendformen der eignen Verwandtschaft verzehrt. Der gewalttätigste Lurch ist unser Wasserfrosch, der Musikant. Insekten und Insektenlarven aller Art, Spinnen, Schnecken, Würmer, Kaulquappen, Fischbrut, selbst kleine Fischchen, aber auch junge Blindschleichen, Wassermolche: alles würgt er hinunter. Der zierliche Laubfrosch hat es auf Fliegen, Kleinschmetterlinge, glatte Räupchen und auf allerlei Würmer abgesehen. Die Kröten und Unken leben gleichfalls von Insekten, Asseln, Spinnen, Tausendfüßern, Nacktschnecken und Würmern.
Auch unsre Kriechtiere sind Räuber; sie erjagen lebende Beute. Die Kreuzotter nährt sich von Mäusen aller Art, von Spitzmäusen, auch Eidechsen, die sie durch ihren giftigen Biß sehr schnell tötet; selbst jungen Vögeln mag sie bisweilen gefährlich werden. Die glatte Natter, auch Haselnatter genannt, macht besonders gern auf Eidechsen Jagd, während die Ringelnatter mit Vorliebe Laub- und Grasfrösche frißt. Als gute Schwimmerin jagt sie aber auch im Wasser nach kleinen, etwa fingerlangen Fischen und Salamandern. Vor der gelbbauchigen Unke freilich und dem Erdmolch scheut sie sich, gleich allen andern Lurchjägern; denn schwarz und gelb, unsre Dresdner Stadtfarben, sind Schreckfarben – natürlich nur in der Tierwelt. Die Eidechsen sind hinter allerlei Kerbtieren her und und verstehen sie sehr geschickt zu erwischen: Grillen, Heuschrecken, Schmetterlinge, Fliegen, Käfer; dazu fressen sie Würmer, Nacktschnecken, ja sie überfallen selbst schwächere Artgenossen, während die Blindschleichen, schwerfälliger in ihren Bewegungen, auf den Fang von Regenwürmern, Schnecken und glatten Raupen angewiesen sind.
Aus diesen Beispielen ergibt sich, daß von einem besonderen Schaden der Reptilien und Amphibien nicht die Rede sein kann, abgesehen von der giftigen Kreuzotter, die aber doch nur in einzelnen Gegenden Deutschlands häufig auftritt. Ja, die meisten Mitglieder dieser beiden Wirbeltierklassen stiften durch die Vertilgung von Würmern und Nacktschnecken ganz entschieden Nutzen. Daß sie auch viele Insekten verzehren, wollen wir ihnen nicht besonders anrechnen; denn unter den Kerbtieren gibt es nützliche, wie schädliche Arten, und in dieser Beziehung wird keine Echse, kein Lurch eine Auswahl treffen. Daß aber manche Wasserinsekten, die der Fischerei Schaden bringen, den Ringelnattern und Fröschen zum Opfer fallen, darf nicht unerwähnt bleiben.
Besonders groß erscheint mir der Nutzen der Kröten. In Gärten, besonders wo Erdbeeren oder Salat gepflanzt sind, da sollte man sich nur freuen, wenn man ein paar Kröten begegnet; sie sind die stärksten Vertilger der schädlichen Nacktschnecken. Das wußte schon vor einem halben Jahrhundert mein Vater; er hieß uns Kinder, wenn wir 'mal auf einem Spaziergang eine Kröte antrafen, den Lurch mitnehmen und ihn in unsern Gemüsegarten setzen. Wir freuten uns stets, wenn wir dort den dicken, wohlgenährten Kröten begegneten und sagten ihnen für ihre freundliche Unterstützung im Kampfe gegen mancherlei Ungeziefer »danke schön!« Später habe ich gelesen, daß englische und belgische Gärtner den Nutzen der Kröten schon seit langer Zeit erkannt haben und daß bei ihnen hier und da Kröten auf den öffentlichen Märkten feilgeboten werden, um als Schutztruppe in den Gärten Verwendung zu finden.
Unsre Kaltblüter haben eine große Menge natürlicher Feinde, infolgedessen es ganz ausgeschlossen erscheint, daß Kriechtiere und Lurche, selbst wenn wir ihnen jeden erdenkbaren Schutz gewähren wollen, überhandnehmen könnten. Die gegen früher veränderten Kulturverhältnisse, die sich nicht wieder zurückschrauben lassen, haben die Lebensbedingungen unsrer Kaltblüter sehr ungünstig gestaltet, und so wird es uns höchstens gelingen, einzelne seltene Arten, deren Bestand gefährdet erscheint, vor dem völligen Untergang zu retten. Die große Masse aber muß zusehen, daß ihre starke Vermehrung die Verluste immer wieder ausgleicht, die ihnen so viele Feinde bringen. Die Eidechsen werden von den Schlangen verfolgt, von Raubvögeln, Krähen, Würgern, von Reihern, Störchen, Haushühnern, von Marder und Wiesel, von Igel, Dachs, Fuchs u. a., und fast all diese Eidechsenjäger sind auch Feinde, oder besser Liebhaber der Schlangen. Selbst der Kreuzotter hilft ihr tödliches Gift nichts; sie wird vom Storch überwältigt, ebenso vom Igel.
Den Lurchen geht es nicht besser wie den Kriechtieren; »alles, alles will sie fressen!« Störche und Reiher, Bussarde, Krähen, Dohlen, Elstern, Fischottern, Dachs, Wiesel, Iltis sind hinter ihnen her. Dazu haben sie viele Feinde in ihren eignen Reihen und unter den Schlangen. Die zarten Froschkeulen erfreuen sich auch im Tierreich vieler Verehrer.
Natürlich bin ich weit entfernt, den genannten Lurch- und Reptilienjägern einen Vorwurf zu machen. Sie sind es ganz gewiß nicht, denen der Rückgang unsrer Kaltblüter zur Last fällt. Den Menschen trifft die Schuld an der Verödung der Heimat, an der Vernichtung ganzer Tiergeschlechter. Man vergegenwärtige sich nur, wie die Landwirtschaft heute jedes Winkelchen ausnutzt, die feuchten Wiesen entwässert, die Feldgehölze und Hecken vielfach beseitigt. Sümpfe werden ausgetrocknet und in Ackerboden verwandelt, Flußläufe geregelt, daß das Wasser zwischen öden, geradlinigen Steinmauern in einer Rinne dahinfließt; die Bäche werden ihrer natürlichen Ufervegetation beraubt, Teiche, Flußarme und Altwässer zugeschüttet und die schönen Auenwälder dem Untergange preisgegeben. Die Forstwirtschaft begünstigt immer mehr das Nadelholz, Kiefern und Fichten, wenigstens ist im Laufe der Jahre an die Stelle so manches schönen Buchenbestandes, der den Boden feucht hielt, einförmiges Fichtenholz getreten. Unter all diesen Maßnahmen unsrer Zeit haben Lurche und Reptilien schwer gelitten, schwerer noch als die Vogelwelt; ihrer versteckten Wohnsitze sind sie beraubt worden. Die Vögel wandern aus, wo sie nicht mehr ihre Lebensbedingungen finden; aber die Amphibien eines Sumpfes, eines Teiches gehen samt ihrer Brut zugrunde, sobald das Gewässer zugeschüttet wird. Die Industrie ist unsern Tieren auch feindlich gesinnt. Die Fabriken, die heute auch in das entlegenste Gebirgstal vorgedrungen sind, verseuchen und vergiften fast jeden Graben, jeden Bach; die Kläranlagen sind ja doch nicht imstande, dem Wasser seine natürliche Beschaffenheit wiederzugeben. Ist's da ein Wunder, wenn die Bewohner des fließenden Elements, die Amphibien, Fische u. a. immer seltener werden, ja aussterben?
In dem trocknen Sommer 1911 weilte ich in meiner Heimat an der Freiberger Mulde. Das war kein Wasser mehr, was im Flußbett talab floß, sondern ein Sammelsurium chemischer Lösungen, in denen kein höheres Lebewesen sich hätte aufhalten können. Ein paar »Jungens« kauerten am kahlen Uferrand und machten sich den Spaß, die Gasblasen anzubrennen und explodieren zu lassen, die auf dem Wasser schwammen. Es war just dieselbe Stelle, die mir vor vierzig Jahren als Jagdrevier auf Ringelnattern so lieb war. Dann führte mich der Weg nach dem Nachbardorf, in dessen Mitte ich den Dorfteich mit seiner reichen Pflanzenwelt vergeblich suchte. Großstädtisch war alles geworden: ein Promenadenplatz mit sein paar gußeisernen Bänken. Die Bauern waren sehr stolz auf diesen Fortschritt der Kultur; mich aber stimmte es traurig. Ich dachte an die Frösche und Unken, die einst die Sommernacht mit ihrem Chor- oder Einzelgesang so reizvoll belebten, an die Ringelnattern, die ehemals bei unserm Nahen sich von dem grünen Uferrand hinab ins Wasser gleiten ließen, an die munteren Tritonen, die an seichten Stellen hin und her schwammen, und an die Wasserkäfer, die zwischen dem Entengrün ihre munteren Spiele trieben. Vergangen, vorbei!
Der Leser wird sagen: das ist alles ganz schön, oder richtiger: das ist alles sehr traurig, aber wir können daran nichts ändern. Wegen der Salamander und Ringelnattern, der Frösche und Unken, die dabei zugrunde gehen, wird sich der Landwirt nicht abhalten lassen, einen Sumpf zu entwässern, eine feuchte Wiese trocken zu legen, wenn er's für nötig oder vorteilhaft hält, und die Anlage von Fabriken kann auf die Kleintierwelt erst recht keine Rücksicht nehmen. Wohin sollte solche Rücksichtnahme auch führen?