»Geh mir mit solch giftigem Gewürm ein für allemal aus dem Wege!« wie oft habe ich's hören müssen, wenn ich als Junge seelenvergnügt eine Ringelnatter in der Hand hielt oder in der Einmachbüchse, die ich der Mutter entwendet hatte, später in meiner »zoologischen Botanisiertrommel« Eidechsen oder ein paar buntfleckige Molche mit heimbrachte! Und wie oft sehe ich's heute noch: am Wiesenweg eine Natter, die man in roher Weise gesteinigt hat, am Waldesrand eine mit Rutenschlägen getötete Blindschleiche, an der Parkmauer eine halbtote Kröte; erst wenn die Sonne untergeht, kann sie sterben, behauptet der Volksglaube.

Der Haß gegen diese Tiere und ihre Verwandten ist ganz allgemein; jeder glaubt ein Recht zu haben, sie zu vernichten, ja er schwatzt sich's vor, es sei seine Pflicht, und mancher dumme Junge fühlt sich als ein Held, als ein Ritter Georg, weil er eine unschuldige Natter oder Blindschleiche erschlagen hat. Immer nur Ausnahmen, wenn sich 'mal jemand dieser hart verfolgten Tiere erbarmt, und wer für sie eintritt, findet kaum je Gehör, ja mit Spott und Hohn antwortet man ihm.

Aber gilt es nicht auch von diesen Kleinen und Schwachen, den Verachteten und Verfolgten, daß sie Kinder der Natur sind, unsrer gemeinsamen Mutter, der wir Verehrung und Liebe zollen sollen? Gehören sie nicht auch mit zu denen, die der große Dichter »meine Brüder im stillen Busch und im Wasser« nennt? Ihr Leben mutwillig zu vernichten, dazu haben wir kein Recht. Hat sich die Schöpfung etwa nur deshalb mit Pflanzen und Tieren geschmückt, »ein jegliches nach seiner Art«, daß wir uns an ihnen vergreifen sollen, sei es aus Roheit, sei es aus törichter Selbstüberschätzung? Heißt das nicht zerstören und verstümmeln, was uns erheben, erquicken, erbauen und erziehen soll! Naturschänder sind es, die anders denken und handeln, und Naturschänder sind mir immer als die erbärmlichsten Menschen erschienen. Die Natur, die uns der Inbegriff alles Schönen sein soll, muß uns auch ein Heiligtum sein, in noch höherem Grade unverletzlich und unantastbar als das größte Kunstwerk. Dieses hat Menschengeist ersonnen und Menschenhand gebildet; die Natur aber trägt den Stempel der Gottheit.

Wer an der Natur frevelt, vergeht sich aber nicht nur an dieser, sondern zugleich an seinen Nebenmenschen, deren natürlichste und deshalb heiligste Rechte er mißachtet und beeinträchtigt. Denkt denn der Frevler, der eine Blindschleiche, eine unschuldige Schlange niederschlägt, nicht daran, daß noch andere des Weges kommen, denen der Anblick eines solchen Tieres Freude bereitet, die den schlängelnden Bewegungen der Natter mit Vergnügen zuschauen, ebenso dem flinken Lauf der zierlichen Eidechsen, wenn deren Gewand im Sonnenstrahl funkelt und gleißt, als sei es mit hundert Smaragden geschmückt, die auch gern 'mal solch Tierchen in die Hand nehmen, um es noch genauer zu betrachten: das allerliebste Schuppenkleid, die wie Perlen blitzenden Äuglein, die tastende Zunge. Nun sieht man das Tier, das noch vor kurzem sich seines Lebens freute und so manchen Naturfreund erfreut hätte, kläglich erschlagen am Boden. Der Frevler hat mit roher Hand allem ein Ende bereitet: dem unschuldigen Tierchen und der unschuldigen Freude. Hat nicht jeder, auch der Ärmste ein Anrecht an die Natur?

Von mancher Seite hat man der Terrarien- und Aquarienliebhaberei den Vorwurf gemacht, daß sie wesentlich zur Verödung der Natur beitrage. In der Tat hat diese Liebhaberei während der letzten Jahre vor dem Weltkriege in weiten Kreisen unsrer Bevölkerung bei jung und alt Eingang gefunden, zum Teil auf Kosten der Stubenvogelpflege, während in meiner Jugendzeit meist nur wir Kinder solch innigen Verkehr mit unsern heimischen Kaltblütern pflegten. Das wachsende Interesse an den genannten Geschöpfen kann ich nur mit Freude begrüßen. Wer Gelegenheit hat, diese Tiere näher kennen zu lernen, wird sie auch lieben lernen. Was man aber liebt, das sucht man zu erhalten und zu schützen. Und so liegt es mir ganz fern, den Freund und Pfleger von Schlangen, Eidechsen, Molchen u. dgl. tadeln zu wollen, wenn er im Frühjahr auszieht, um seinem Terrarium oder Aquarium daheim, an dem er seine Freude hat, Ersatz zu schaffen für das, was ihm der Winter geraubt hat. Der verständige Freund der Natur wird durch Schutz und Pflege seiner Lieblinge draußen in Wald und Flur, in Sumpf und Teich der Heimat reichlich vergelten, was er ihr raubt. Das gilt vom Terrarien- und Aquarienliebhaber genau so wie vom Freund und Pfleger der heimatlichen Stubenvögel.

Aber den Umstand beklage ich tief, daß nun Fänger von Profession diese an sich erfreuliche Liebhaberei zu einem Geschäft ausnutzen, indem sie im Frühling Tag für Tag mit ihren Fanggeräten zu erbeuten suchen, so viel sie nur können, Massenfang treiben der übelsten Art. Der Händler nimmt alles, je mehr, desto besser; er hat für alles Verwendung. Was bei unsachgemäßer Pflege krepiert, kommt in Spiritus und findet auch dann seine Abnehmer. Und so wimmelt es zu manchen Zeiten in den zur Schau gestellten Glaskästen der sog. »Zoologischen Handlungen« der Großstädte von zierlichen Eidechsen, von Nattern und Blindschleichen, von Erdsalamandern, von Tritonen und Molchen. Wirkliche Raubzüge werden gegen die heimatliche Natur unternommen. Nicht die Tierpflege an sich verurteile ich, sondern den Massenfang, wie er zumeist von arbeitsscheuen, recht zweifelhaften Personen Jahr für Jahr des Geldgewinns wegen betrieben wird. Ihnen sollte wie den Vogelstellern durch gesetzliche Bestimmungen das lichtscheue Handwerk gründlich gelegt werden. Freilebende Tiere zur Massenware zu erniedrigen, ist ein Unrecht.

Was nun aber fast ebenso schlimm, jeder kann diese lebende Ware für verhältnismäßig wenig Geld beim Händler erstehen. Da mag so mancher, der die Tiere im Schaufenster sieht, denken, solch ein Behältnis mit Schlangen und Eidechsen, solch Wassergefäß mit Molchen könntest du dir in deinem Zimmer auch einrichten, und er setzt nun die Ringelnatter, den Laubfrosch, den Erdsalamander den ganzen Tag der Sonnenbestrahlung aus, bringt die Tritonen in ein gefülltes Wasserglas, wo sie kein Plätzchen zum Ausruhen finden, und um die Nahrung der Tiere kümmert er sich auch nur wenig. Die ist schwer zu beschaffen; wen der Hunger plagt, so denkt er, wird nicht wählerisch sein. Unter solchen Umständen gehen die armen Geschöpfe natürlich sehr bald zugrunde. Dann ist die ganze Herrlichkeit aus, und am Ende freut sich der Besitzer, der von Tierpflege keine Ahnung hat, daß er die Sache wieder los ist. Der Händler aber hat für die ganz zwecklos geopferten Tiere schon längst wieder Ersatz.

Das sind natürlich Auswüchse der Tierliebhaberei, Nebenerscheinungen, die aber vom Standpunkte des Naturschutzes aus sehr zu beklagen sind. Freilich den meisten Menschen wird's gleichgültig sein, handelt es sich dabei doch bloß um Eidechsen, Molche und ähnliches Getier, und solch »Ungeziefer« hat keinen wirtschaftlichen Wert, wie ihn z. B. der Vogel besitzt, ist auch für den Haushalt der Natur ganz gleichgültig.

Dieser allgemein verbreiteten Ansicht kann nicht scharf genug widersprochen werden. Gewiß, unserm Fühlen, unserm ganzen Innern steht der Vogel viel näher als Blindschleiche oder Unke; aber was den wirtschaftlichen Nutzen der Vogelwelt betrifft, da sind doch nicht wenige unsrer gefiederten Freunde, die manchen Schaden und Ärger anrichten und die das Gesetz doch in seinen Schutz nimmt, und zwar mit größtem Recht; denn der Geldbeutel allein darf nicht den Ausschlag geben.

Wie steht es aber in dieser Beziehung mit den Kriechtieren und Lurchen? Ich muß diese leidige Frage nach Nutzen und Schaden, so sehr es meinem Gefühl zuwider ist, hier in den Vordergrund stellen, weil man bei unsern Tieren so gar nichts anerkennen will, was ihnen Daseinsberechtigung geben könnte. Das Quaken der Frösche ist den Anwohnern des Teiches verhaßt, die Schlangen sind allen greulich, heimtückisch, gefährlich, widerlich die ganze Gesellschaft. Ich sprach mit einer jungen Dame über unsre heimische Tierwelt und wie so viele schuldlos verfolgte Geschöpfe dringend unseres Schutzes bedürfen. »Sie wollen sich doch nicht etwa auch noch der giftigen Schlangen und Salamander, der Eidechsen und Molche annehmen?« fiel sie mir ins Wort. »Sagen Sie 'mal, Herr Professor, wozu sind denn eigentlich die entsetzlichen, scheußlichen Kröten auf dieser Welt?« »Wozu, mein verehrtes Fräulein,« entgegnete ich, »sind denn eigentlich Sie da? Sie haben Ihren Beruf zu erfüllen im Haus, in der Familie, in der menschlichen Gesellschaft, genau wie jedes andere Geschöpf in seinem Kreise, und wenn Sie Ihrer Aufgabe in allen Stücken so treu und gewissenhaft nachkommen wie die Kröten, die Ihnen so zuwider sind, dann alle Hochachtung vor Ihnen! Übrigens haben Sie sich eine Kröte gewiß noch nicht genau angesehen; sonst müßten Sie wenigstens etwas Schönes an ihr finden, und das sind – erschrecken Sie nicht! – ihre Augen.«