Schutz den schutzlosen Kriechtieren und Lurchen!
Unter den Wirbeltieren sind die Kriechtiere und Lurche die einzigen, die jedes gesetzlichen Schutzes entbehren. Strenge Jagdgesetze nehmen sich vieler Säugetiere und einer großen Anzahl von Vögeln an; nur der Jagdberechtigte darf sie erlegen, und wenn es nicht gerade Raubtiere sind, so genießen sie fast alle eine gesetzliche Schonzeit, die sich freilich in den einzelnen Ländern des Deutschen Reichs auf etwas verschiedene Zeiten erstreckt. Außerdem stehen die meisten nicht-jagdbaren Vögel unter der schirmenden Hand des deutschen Vogelschutzgesetzes, das sich ihrer und ihrer Brut in weitgehendem Maße annimmt. Jedes Schutzes bar sind nach diesem Gesetz nur wenig Vogelarten, ja nach unsern sächsischen Gesetzen keine einzige; selbst die Sperlinge sind nur unter gewissen Einschränkungen »vogelfrei«. Für die Fische sorgen Fischereigesetze in den einzelnen Ländern – nur die Kriechtiere und Lurche sind rechtlos, »vogelfrei«, der Willkür eines jeden preisgegeben. Wenn es sich nicht gerade um Ärgernis erregende Tierquälerei handelt, kann jeder mit diesen Geschöpfen machen, was er will, wozu ihn die Laune treibt. Ungestraft darf er sie und ihre Brut vernichten; da ist kein Gesetz, das ihn hindert. Jedem Tagedieb steht es frei, hinauszuziehen an den Teich, an den Sumpf, an den feuchten Graben der Wiese, an die steinige Halde, in den Buchenwald und dort einzufangen, so viel immer er will, die Läden der Händler in der Großstadt zu füllen. Und wenn es die letzte Ringelnatter am Bachesrand wäre oder der einzige Tümpel in der ganzen Umgebung, den Tritonen und Salamander beleben: er darf, falls sonst kein Einspruch des Besitzers aus besonderen Gründen erhoben wird, das Gewässer ausfischen, den Berghang absuchen und alles mitnehmen, was ihm zur Beute wird, bis auf den letzten Rest.
Was ist der Grund für solche Vernachlässigung und Zurücksetzung der genannten Geschöpfe gegenüber dem weitgehenden Schutz, den namentlich die Vogelwelt allenthalben genießt?
Die Antwort ist nicht schwer. Der leichtbeschwingte, sangesfreudige Vogel ist der Liebling nicht etwa nur einzelner Naturfreunde, sondern aller Kreise unseres Volkes, und wo die Vogelwelt vielleicht doch noch nicht ganz die Teilnahme gefunden hat, die sie verdient, da ist es uns Naturfreunden leicht, für sie einzutreten und um Schutz und Pflege zu werben. Dabei wird man wohl zuerst den großen Nutzen, den so viele Vögel für den Land- und Forstwirt, den Gärtner und Obstzüchter besitzen, ins rechte Licht stellen; denn in der Natur des Menschen ist's nun einmal begründet, daß er in oft recht engherziger Weise zunächst nach seinem eignen Vorteil fragt. Dann aber wird man auch an den freien, fröhlichen Flug erinnern, an die holdselige Stimme so vieler Vögel, an ihr Familienleben, sowohl an das innige Verhältnis der Gatten zueinander, wie an die aufopfernde Liebe der Eltern zu ihren Kleinen, ja selbst zu fremden verwaisten Vogelkindern. In all diesen Wesenszügen wird der Vogel kaum von einer andern Tierklasse erreicht, von keiner übertroffen. Und so sind die Vögel, die Lieblinge der Schöpfung, auch die Lieblinge des Menschen geworden. Sie stehen unserm Herzen, unserm ganzen Gefühlsleben näher als alle andern Geschöpfe, wenigstens wenn wir von den Haustieren absehen.
Wie anders dagegen Eidechsen, Frösche, Molche oder gar Kröten und Schlangen! Ihr bloßer Anblick flößt, wenn auch ungerechtfertigterweise, vielen Menschen Ekel und Abscheu ein. Die schwerfälligen Bewegungen der Kröten und Erdsalamander, die gewiß, ich gebe es zu, der Anmut entbehren, sind manchen geradezu widerlich; aber auch der hastige Lauf der zierlichen Eidechsen, wenn sie über das kurzrasige Gras oder den steinigen Weg hurtig wie die Mäuse dahinhuschen, flößt schreckhaften Menschen Angst ein; das lautlose Hingleiten der Schlangen ist vielen unheimlich, und selbst der hüpfende Frosch ruft in schwachbesaiteten Gemütern Entsetzen hervor. Fast auf jede Weise bewegen sich die Kaltblüter fort: sie kriechen und hüpfen, sie schwimmen und rennen; aber immer finden die Menschen etwas daran auszusetzen. Selbst wenn die Kröten und Echsen fliegen könnten, ich glaube, es würde auch keinem recht sein.
Es gibt Menschen, denen sind Spinnen und Würmer ebenso schreckliche Wesen, und ich kenne Damen, die laut aufkreischen, wenn ihnen 'mal ein summender Maikäfer oder ein Mistkäfer in die Nähe kommt oder gar eine Fledermaus ihnen um die wuschligen Haare flattert, die echten oder die falschen – entsetzlicher Gedanke! Aber es scheint mir, die Abneigung gegen die Kriechtiere und Lurche ist doch noch viel allgemeiner verbreitet; es findet sich so selten 'mal einer, der diesen verachteten und verfolgten Tieren freundlich gesinnt ist. Und selbst wenn man mit verständigen Gründen solche Vorurteile zu widerlegen sucht und gütlich zuredet, sich doch den Salamander, die Blindschleiche, den Frosch genauer zu betrachten, die Tiere wohl auch 'mal in die Hand zu nehmen, so begegnet man bei fast allen dem hartnäckigsten Widerwillen. »So kalt und so naß!« heißt's beim Frosch, bei der Schlange: »so glatt!« und bei der Kröte: »so ekelhaft und giftig ihr Schleim; ich werde mich hüten.«
Doch nicht bloß ihre äußere Erscheinung, auch die Lebensweise der Kriechtiere und Lurche ist vielen höchst unangenehm. An dunkeln Orten, in feuchten Löchern hausen sie, in Morästen und Sümpfen; sie scheuen vielfach das Licht des Tages, wie Kröten und Unken, die erst gegen Abend recht lebendig werden: kurz, es sind unheimliche Geschöpfe. Kein Wunder daher, daß sich der Aberglaube ihrer bemächtigt hat, mehr als irgend einer andern Tierklasse. Die meisten Menschen wissen nicht viel von unsern Kaltblütern zu sagen; wenn sie aber etwas von ihnen berichten, dann sind's gewöhnlich erlogene, abergläubische Märchen; auf jeden Fall aber ist's etwas Böses.
Gern räume ich ein, daß es auch gescheite Leute gibt – meine Leser rechne ich alle dazu, auch bin ich so glücklich, persönlich solche zu kennen – die nichts wissen wollen vom bösen Blick der Schlangen, vom Unglück verkündenden Unkenruf, und was derartige Märchen mehr sind; aber diese abergläubischen Vorstellungen, teils Jahrtausende alt, liegen gewissermaßen in der Luft; sie umgeben die Tiere, von denen wir sprechen, wie ein übler Dunstkreis und tragen wesentlich zu dem Abscheu bei, den die große Menge beim Anblick unsrer Kriechtiere und Lurche empfindet.