Das leitet uns über auf das Gebiet des eigentlichsten Aberglaubens.
Bekannt ist das Kuckucksorakel: so viel mal der Vogel ruft, so viele Jahre hat der Frager noch zu leben. Schon i. J. 1221 wendet sich Cäsarius Heisterbach mit Entrüstung gegen diesen altheidnischen Aberglauben, und um dieselbe Zeit war's, da brach ein schon betagter Mönch sein Klostergelübde, weil ihm der Gauch noch 22 Jahre geweissagt hatte. Ob der prophetische Vogel in diesem Falle recht behalten hat, wird leider nicht berichtet. Sollte mich freuen, wenn's so gewesen wäre.
Heute wird wohl niemand mehr ähnliche wichtige Entscheidungen von dem Lenzesboten abhängig machen; man zählt die einzelnen Kuckucksrufe nur zum Spaß und aus alter Gewohnheit. Und doch, ich kenne Personen, die ganz still und niedergeschlagen wurden, als der Kuckuck, den sie befragten, nur zwei- oder dreimal seinen Ruf hören ließ. Solche Macht haben uralte abergläubische Vorstellungen noch in unserm Jahrhundert, auch wenn man sie als Dummheit erkennt.
Der Kuckuck war als Frühlingsbote, ebenso wie der Storch, dem Donar geweiht, der nicht nur als Herr des Gewitters, sondern auch als Frühlingsgottheit verehrt ward. Donar weckte das Leben auf der Erde, gab reichen Erntesegen und beschenkte die Ehen mit Nachkommenschaft. So ward sein Bote, der Kuckuck, zum Lebensvogel, den man nach der Zahl der Lenze befragt, die uns die Gottheit noch beschieden hat, der durch seinen oft wiederholten Ruf dem Landmann Berge von Gold verspricht, daß er die Geldstücke im Sack schon klappern hört, wenn auch nur erst die grünen Spitzen der Saat aus dem Boden hervorschauen und die Obstbäume nur aus ihrem Blütenansatz auf eine reiche Ernte hoffen lassen. Auch den heiratslustigen Dorfschönen erteilt der Kuckuck auf manch' vorwitzige Frage bereitwilligst Auskunft.
Ob er einst verklingen wird in ferner Zukunft, dieser Glaube an den göttlichen Vogel? Weit länger als ein Jahrtausend ist's her, da hat christlicher Eifer die heidnischen Götter entthront und zu Dämonen gestempelt; aus den ihnen geweihten Tieren aber hat er Teufel und Hexen gemacht. »Hol dich der Kuckuck!« – »Geh zum Kuckuck!« – »In Kuckucks Namen« und was derartige schöne Redensarten mehr sind, bei denen sich hinter dem Kuckuck der Teufel versteckt. Der »Lebensvogel« wird aber über diese barbarische Vergewaltigung seiner Person schließlich doch den Sieg davontragen. Ich glaube, so lange der Kuckuck in unsern deutschen Ländern seinen Ruf erschallen läßt, so lange wird auch unser Volk sich den alten Glauben an die prophetische Gabe des geheimnisvollen Vogels bewahren. Jedes Frühjahr weckt ihn von neuem – unsterblich die Erinnerung des Volks an seine Kindheit.
Rechte Hexentiere sind auch die Eulen, die einst als Sinnbild der Wachsamkeit, der Weisheit, des tiefen Denkens und unermüdlichen Forschens von einem nach Schönheit und Weisheit strebenden Volk der helläugigen Pallas Athene geweiht waren. In der christlichen Kunst ward die Eule zum Symbol heidnischer oder irdischer Torheit; ein Kreuz, das man häufig über ihrem Kopfe anbrachte, sollte den Sieg der Kirche über jede teuflische Lehre bedeuten. Und noch heute bekreuzigt sich mancher, wenn das niedliche, harmlose Steinkäuzchen sein helles »kuwitt« und dann das gedämpfte »boh boh« hören läßt. »Das Leichen- oder Totenhuhn, die Wehklage oder Klagemutter ruft: komm mit, komm mit, auf den Kirchhof, hof, hof! Der Vogel kündet den Tod an.« Und nicht etwa nur das ungebildete Volk, nein auch viele andere, die sich unendlich erhaben dünken, glauben dem Unheil kündenden Vogel; oder wenn sie's auch nicht glauben, sie können sich doch eines unbehaglichen Gefühls nicht erwehren, wenn sie das Käuzchen schreien hören.
Natürlich hat in erster Reihe das nächtliche Treiben die Eulen in Verruf gebracht. Völlig geräuschlos, geisterhaft wie ein Schatten gleiten sie an dem Wanderer vorüber, und es funkeln ihre riesigen Augen. Wenn sich der Uhuruf mit dem Brausen des Sturms paart, der im Hochwald tobt, daß die Bäume ächzen und stöhnen, gibt's ein grausig Geheul. An dem Mond jagen die Wolken vorüber, daß sein Licht bald verdeckt wird, bald wieder hell hervortritt zwischen den im Sturme schwankenden Baumkronen. Selbst des Mutigsten Seele wird mit Bangen und Grauen erfüllt. Ist es ein Wunder, daß unsre Altvordern gerade der wilden Sturmes- und Wolkengöttin die Eule als ihr Tier neben der nächtlichen Wildkatze geweiht haben! Zu Hexentieren sind beide unter dem christlichen Einfluß geworden, gehaßt und verfolgt vom unverständigen Volk. Und unter diesem Haß hat die Hauskatze, die die Stelle ihrer wilden Verwandten eingenommen hat, noch heute ebenso zu leiden wie sämtliche Eulen, die nützliche Schleiereule wie der niedliche Steinkauz.
In meiner Jugendzeit sah man es gar nicht selten, daß der Landwirt eine Eule mit ausgebreiteten Flügeln an das Scheunentor oder an die Tür des Viehstalls genagelt hatte. Ich glaubte, diese Unsitte habe sich längst überlebt; aber erst vor kurzem hat mich der gleiche Anblick – es war in der Lausitz – von neuem überzeugt, wie tief doch abergläubische Vorstellungen in unserm Volk wurzeln. Vor Verhexung will der Bauer sein Gehöft schützen. Den herumstreichenden Dämonen, die das Vieh mit bösem Zauber bedrohen, soll das gekreuzigte Tier gewissermaßen zurufen: »Laßt ab von dem Gut! ihr seht, wie's solch nächtlichem Gelichter ergeht!« Allen Verständigen aber, die es sehen, ist die angenagelte Eule nur ein Zeichen dafür, daß Dummheit, Aberglauben, Undankbarkeit und Bosheit unter den Menschen nicht aussterben.
Eine mittelalterliche Hexenküche ohne Eulen wäre nicht denkbar. Und wenn auch das Licht der Wissenschaft in diese Werkstätten menschlicher Afterweisheit hineingeleuchtet hat, es wird doch auch noch heute in verborgenen Winkeln mit Geisterbeschwören, Schatzgraben, Bereitung von allerlei Tränklein viel Hokuspokus getrieben, und die Rolle dämonischer Tiere, wie Elster, Eule, aber auch Katze, Fledermaus, Schlange, Kröte, Salamander u. v. a. ist noch immer nicht ausgespielt.
Zäh hält das Volk an den alten Vorstellungen fest – jahrtausendelang fließt das Wasser in dem einmal errungenen Bett.