»Wenn der Hahn kräht auf dem Mist,
Ändert sich's Wetter oder – 's bleibt, wie's ist.«
Sobald es zu regnen beginnt, soll man auch die Hühner beobachten. Treten sie sogleich unter Dach oder suchen sie den Stall auf, so wird der Regen bald vorübergehen; laufen sie aber anfangs nur unschlüssig hin und her und lassen sie sich endlich durch die Nässe kaum noch stören, so hält der Regen wenigstens einen vollen Tag an. Auch wenn sich Hühner und Tauben im Sande baden, bedeutet es Niederschläge.
Man könnte ein ganzes Buch füllen, soviele Wetterregeln leitet der Bewohner des Landes aus dem Verhalten der Tiere, ganz besonders aus dem der Vögel ab. Der Ackersmann, der Schäfer, die Bäuerin, die daheim das Regiment führt, der Jäger, der Fischer, der Gärtner, der Waldarbeiter, der Seemann, kurz jeder, dessen Arbeit und Erwerb von der Witterung unmittelbar abhängig ist, hat seine Erfahrungen gesammelt. Außer den bereits genannten Vögeln wären noch Kranich und Fischreiher, der große Brachvogel – er wird geradezu »Gewittervogel« genannt – Misteldrossel und Ziemer, die verschiedenen Krähenarten, Dohle, Wachtel, Bekassine, Turtel- und Hohltaube, Schwarz- und Grünspecht, Wald- und Steinkauz, Sturmschwalbe, Möwe, Eisvogel, Sperling, Gans, Ente, Schwan, Perlhuhn, Pfau u. v. a. zu erwähnen, die alle mehr oder weniger gute Wetterpropheten sind.
Diese volkstümlichen Voraussagen schlechtweg unsinnig zu nennen, wäre töricht; aber wo die Grenze zwischen Dichtung und Wahrheit, zwischen Einbildung und wirklicher Erfahrung liegt, ist nicht festzustellen, handelt es sich doch wohl niemals um genaue Beobachtungen, die längere Zeit fortgesetzt worden wären.
Nur eine Prophezeiung will ich noch herausgreifen, die alle an Kühnheit der Logik übertrumpft. Sie weckt mir liebe Erinnerungen aus der Kinderzeit, indem sie meinem geistigen Auge, Geruchs- und Geschmacksorgan den verheißungsvollen Anblick, den lieblichen Duft und den köstlichen Genuß der gebratenen Gans daheim im Elternhaus wieder vorzaubert. Der liebe Martinsvogel stellte sich am 11. November, meinem Namenstage, stets ein. Sieht an diesem Tage das Brustbein des festlichen Bratens braun aus, so folgt ein frostreicher, aber schneefreier Winter; hat es dagegen eine weiße Färbung, so gibt's Schnee in Menge.
Ungemein groß ist die Rolle, welche die Tiere in der Volksmedizin früherer Zeiten, besonders im 16. und 17. Jahrhundert, gespielt haben. Man braucht nur die alten Medizinaltaxen oder Apothekerordnungen jener Zeit durchzusehen, und man wird über die Menge allein der einfachen Arzneimittel, der sogenannten »Simplicia« erstaunt sein, die dem Tierreich entnommen wurden.
Dresden schlug mit der Reichhaltigkeit seiner Hofapotheke jeden Mitbewerber auf diesem Gebiete aus dem Felde. Die sächsische Residenz galt von jeher als eine vornehme Stadt; war es nicht vornehm, daß sie auch viele und seltene Krankheiten in ihren Mauern beherbergte und die Hofapotheke für eine jede ein unfehlbares Heilmittel besaß? Die Apothekertaxe vom Jahre 1652 zählt nicht weniger als 190 Stücke aus dem Tierreich auf, darunter Augen, Gehirn, Fett, Galle, Magen, Federn, Mist der verschiedensten Vögel. Mit dieser Herrlichkeit ist's heute vorbei. Aber das Volk hat sich doch noch so manches erhalten; denn die Völker haben ein gutes Gedächtnis und bewahren, ganz wie die einzelnen Menschen, Eindrücke aus früher Kindheit gar getreu bis ins Alter.
Noch heute glaubt man ganz allgemein, nicht nur in unserm Erzgebirge oder im Thüringer Wald, sondern z. B. auch im Salzkammergut, daß der Kreuzschnabel, den die Gebirgsbewohner so gern im engen Drahtbauerchen halten, Gicht, Rheumatismus und alle »Flüsse« anziehe. Auch das Wasser, in dem sich der Kreuzschnabel gebadet hat, sei gut gegen die Gicht wie gegen Krämpfe. Nicht selten stirbt ja gerade dieser Vogel unter krampfartigen Erscheinungen schon nach kurzer Zeit der Gefangenschaft, und oft bezeugen es knollige Anschwellungen an seinen Füßen ganz deutlich, daß die Gichtknoten seines Pflegers auf ihn übergegangen sind.
Wer Kügelgens »Jugenderinnerungen eines alten Mannes« gelesen hat, der wird sich mit Vergnügen des originellen Landgeistlichen Roller, Pfarrherrn zu Lausa, erinnern, der alljährlich an die hundert Elstern im Backofen verkohlte und das so gewonnene schwarze Pulver als Medizin weithin versandte, sogar nach dem Harz und nach Schlesien, nach Hamburg, Königsberg und Wien. Ein fechtender Handwerksbursche hatte dem Pfarrer »die Tugenden« der gebrannten Elster, Alster, Schalaster, Hester, oder wie der langschwänzige Vogel sonst noch genannt wird, gepriesen, und Roller probierte die Sache nun an seinem Bruder Jonathan, der an epileptischen Krämpfen litt. Schon nach Monatsfrist war das Übel behoben; der Pfarrer aber, der von der Wirksamkeit des seltsamen Mittels fest überzeugt war, freute sich nun, daß ihm Gott einen Weg eröffnet habe, sich für die Heilung seines Bruders dankbar zu erweisen und wehrte beharrlich jede Bezahlung ab. Er verlangte nichts anderes von seinen Patienten, als einen gewissenhaften Bericht, wie die Medizin bekommen sei.
Noch heute ist »gebrannte Elster« ein Volksmittel gegen die »hinfallende Krankheit«. Einige wollen wissen, nur die »in den Zwölfen«, d. h. in den zwölf Tagen zwischen Weihnachten und Heil. Dreikönige (6. Jan.) geschossenen Elstern seien bei Krämpfen und Epilepsie heilsam; denn um diese heilige Zeit habe die Natur all ihre Wunderkräfte beisammen. Man glaubt auch, die Elster selbst sei mit der »schweren Krankheit« behaftet, und deshalb vermöge sie beim Menschen das Leiden zu heilen. Gleiches soll eben durch Gleiches vertrieben werden. Vielleicht hat das unruhige, allzeit quecksilberne Wesen der Elster Veranlassung gegeben, bei ihr epileptische Zufälle anzunehmen; doch scheint es mir näherliegend, daß man die Elster, die ein Hexentier ist, d. h. ein solches, in das sich Hexen und andere Dämonen gern verwandeln, aus dem Grunde mit Veitstanz und Fallsucht in Zusammenhang gebracht hat, weil dies Krankheiten sind, mit denen nach dem Volksglauben dämonische Mächte den Menschen heimsuchen.