Diese Annahme wird nun noch durch folgende Umstände bestätigt. Zunächst erklärt sich durch dieselbe am leichtesten die Beschaffenheit, in welcher uns die jesajanischen Stücke vorliegen. Die jesajanischen Partieen unseres Buches bestehen aus lauter einzelnen, zum Teil abgebrochenen Stücken und lassen jede schriftstellerische Verbindung unter einander vermissen. Diese Thatsache findet allein eine genügende Erklärung in der Annahme, dass dieselben aus einem grösseren Zusammenhange herausgebrochen sind.
Dadurch erklärt sich vor allem auch das Vorhandensein vieler so kurzer Stücke, die jetzt wegen ihrer Zusammenhangslosigkeit als selbstständige Stücke behandelt werden müssen, ohne dass man einsieht, wie sie entstanden sein und für sich allein existiert haben könnten. Solche Stücke sind c. 29,9 f. 13 f. 15 c. 30,6 f. Man kann nicht sagen, dass ihnen am Anfange oder Schlusse etwas fehlt. Duhm nimmt dies zwar von c. 29,15 an: „was etwa noch fehlt, scheint unleserlich geworden und darum vom Redaktor durch v. 16–24 ersetzt zu sein.“ Allein in diesen Versen lässt sich nichts entdecken, was die Annahme Duhms begünstigen könnte. Das nimmt auch Duhm nicht an; er hat keinen anderen Grund für seine Annahme als die Unwahrscheinlichkeit, dass dieses kurze Stück einst selbstständig existiert habe. Innerhalb einer geschichtlichen Darstellung kann aber auch eine so kurze Rede sehr wohl gestanden haben.
Dasselbe gilt von den anderen Stücken. c. 29,9 f. ist als selbstständig aufgezeichnete Rede völlig unerklärlich. Man weiss weder, an wen sie gerichtet ist, noch, worauf sie sich bezieht, noch, was sie droht. Ist es wohl wahrscheinlich, dass Jesaia solche kurze Sätze aufgezeichnet hat? Eine irgendwie genügende Erklärung dafür kann man nicht finden. Dagegen liefert die Annahme, dass ein späterer Redaktor diese Reden aus einem geschichtlichen Zusammenhange herausgebrochen habe, eine vollständig genügende Erklärung sowohl für ihre Kürze als auch für ihre sonst befremdliche Unverständlichkeit. Denn in ihrem ursprünglichen Zusammenhange können alle ihre uns jetzt zum Teil dunklen Beziehungen sehr deutlich gewesen sein.
Einer besonderen Erklärung bedarf noch das kurze Stück c. 30,6 f., das jetzt die Ueberschrift משא בהמות נגב trägt. Dass dieses kurze, noch dazu rein erzählende Stück einst eine besondere und selbstständige Aufzeichnung Jesaias gebildet haben soll, ist undenkbar, trotzdem, dass es jetzt als besonderes Stück behandelt werden muss und auch schon von dem Verfasser jener Ueberschrift als solches behandelt worden ist. Aber Duhm will nun eben um dieser Stichwortüberschrift willen das Stück ganz aus seinem jetzigen Zusammenhange entfernen und hält es für wahrscheinlich, dass es einst neben c. 21. 22 gestanden hat und erst vom letzten Redaktor an seine jetzige Stelle versetzt worden ist. Allein die in c. 21 mit Stichwortüberschriften versehenen Orakel sind nicht jesajanisch und werden auch von Duhm nicht für jesajanisch gehalten, und c. 22 gehört nicht derselben Zeit an wie unsere Stücke. Andrerseits passt das Stück c. 30,5 f. seinem Inhalte nach vorzüglich hinter v. 1–5, während es doch nicht einzusehen ist, dass es der letzte Redaktor, der es doch gewiss unter der dogmatischen Brille seiner Stichwortüberschrift betrachtet hat, an seinen geschichtlich richtigen Platz gesetzt haben sollte. Ich glaube aber, dass sich bei unserer Annahme eines ursprünglich geschichtlichen Zusammenhanges unserer Stücke eine genügende Erklärung für das Stück und seine Ueberschrift geben lässt.
Es ist nämlich klar, dass der Sammler unserer Stücke, wie der von c. 1 (resp. 2) — 12 und der von c. 13 ff. eine Sammlung von משאות ישעיהו hat geben wollen vgl. c. 1,1. 2,1. 13,1. Dazu gehörten vor allem alle Reden, die Jesaia gehalten hat, oder die ihm als חזון (c. 1,1) von Jahwe offenbart worden sind. Daraus erklärt es sich, dass unsere sämmtlichen Stücke Reden, sei es von Jesaia, sei es von Jahwe enthalten, und dass der Sammler grade die sie verbindenden geschichtlichen Partieen weggelassen hat. Er hat nun diese Reden wörtlich so aus ihrem geschichtlichen Zusammenhange herausgenommen, wie er sie vorfand; daher es kommt, dass viele durch ihre Form noch den geschichtlichen Zusammenhang verraten. Nur in c. 28,7 f. hat er eine kurze geschichtliche Einleitung stehen lassen, um v. 9 ff. mit v. 1–4 zu verbinden.
Ausser diesen Einleitungsversen ist nun das Stück c. 30,6 f. das einzige, welches überhaupt keine Rede, weder von Jesaia, noch von Jahwe, enthält, sondern der reinen Erzählungsform angehört. Wie kommt es nun, dass es der Hersteller unseres Buches dennoch aus seinem Zusammenhange herausgelöst und seiner Sammlung einverleibt hat? Es lässt sich kein anderer Grund dafür finden als der, dass er es dennoch für eine משא ישעיהו gehalten hat. Entweder that er dies, weil er die Stichwortüberschrift, vielleicht am Rande seines Exemplares, schon vorfand, oder er hat dieselbe, was auch möglich ist, erst selbst verfasst und zugesetzt, weil er die Verse für ein „Orakel“ des Jesaia hielt und sie als solches kennzeichnen wollte. Denn es wird ja immerhin auch für seine damaligen Leser nicht ganz leicht gewesen sein, in diesen Versen ein „Orakel über die Tiere des Südlandes“ zu erkennen. So erklärt sich m. E. die Ueberschrift dieses Stückes so wie auch die Aufnahme desselben in unsere Sammlung am leichtesten.
Es lassen sich also alle Schwierigkeiten, die sich aus der Beschaffenheit der jesajanischen Stücke unseres Buches für ihre Herkunft und Aufnahme in unsere Sammlung ergeben, durch die Annahme eines ursprünglich geschichtlichen Zusammenhanges derselben beseitigen, während sie sonst unerklärlich bleiben würden. Dieser Umstand stützt und bestätigt daher die Richtigkeit unserer These.
Es lässt sich aber noch eine andere, sehr wertvolle Bestätigung derselben aufweisen. Das ist die Thatsache, dass sich auch sonst im Jesaia-Buche unzweifelhaft jesajanische Stücke in geschichtlicher Darstellung finden. Es sind dies die Abschnitte c. 6–8,18, c. 20 und c. 22.
Es ist klar, von welcher Bedeutung diese Thatsache für die Annehmbarkeit unseres Ergebnisses sein muss. Fänden sich nämlich im Jesaia-Buche sonst keine derartigen, von Jesaia stammenden geschichtlichen Darstellungen, sondern nur, worauf etwa c. 1–5 führen könnten, Redesammlungen, so würde sich immer wieder gegen unser Ergebnis das Bedenken erheben, dass es doch sonst nicht Jesaias Art sei, derartige geschichtliche Darstellungen zu geben.
Wir müssen deshalb noch kurz auf das Verhältnis der übrigen Prophetieen des Jesaia zu den in unserer Sammlung enthaltenen eingehen. Es wird sich zeigen, dass nicht nur wenigstens die in c. 6–8 enthaltene Schrift der unserer Sammlung zu Grunde liegenden nach Zweck und Anlage sehr ähnlich ist, sondern auch, dass diese geschichtlichen Darstellungen den wesentlichsten Teil von allem ausmachen, was Jesaia überhaupt gegen Jerusalem und Juda geschrieben hat.