Gewöhnlich nimmt man an, dass c. 6–9,6 eine kleine, von Jesaia selbst hergestellte Sondersammlung seiner Prophetieen sei. Richtig ist an dieser Annahme nur, dass der Hersteller der grösseren Sammlung, etwa der von c. 2–12, c. 6–9,6 bereits als abgeschlossene Sammlung vor sich hatte; denn sonst hätte er c. 6 an den Anfang seiner grösseren Sammlung gestellt. Aber Hackmann hat meines Erachtens entscheidend nachgewiesen, dass das Büchlein c. 6–9,6 nicht von Jesaia zusammengestellt sein kann.[13] Denn die hinter c. 8,18 folgenden Worte bilden ein Fragment aus allerlei zerbröckelten Stücken, und sind dazu zusammengetragen, um den Uebergang zu c. 9 herzustellen. Hackmann macht nun darauf aufmerksam, dass c. 8,16–18 den Eindruck eines Schlusses machen. „Die Schlussworte:
אשר נתן לי יהוה לאתות ולמופתים בישראל
מעם יהוה צבאות השכן בהר ציון
sind ein guter Abschluss“.
Da nun c. 6 ein in sich geschlossenes Ganze für sich bildet, so liegt die Folgerung nahe, dass die Zusammenhänge von c. 7 und 8 in c. 8,16–18 ihren Abschluss finden.
Und in der That ist es grade die Sammlung c. 7–8,18, die der dem Buche c. 28–33 zu Grunde liegenden jesajanischen Schrift nach Zweck und Anlage so überaus ähnlich ist.
Dieselbe kann dem von uns gefundenen Resultate einer ursprünglich geschichtlichen Form jener Schrift um so mehr zur Bestätigung dienen, als hier die geschichtliche Darstellungsform in den einzelnen Stücken noch viel deutlicher zu Tage tritt. Sehen wir uns dieselben daraufhin etwas näher an!
c. 7,1–17 enthält nach Duhm einen „Bericht“ von Handlungen und Reden Jesaias beim Herannahen der Syrer und Israeliten gegen Juda. Wirklich enthält auch c. 7, auch wenn man v. 1 (= II. Kön. 16,5) vom Sammler entlehnt sein lässt, um den verlorenen Eingang einigermassen zu ersetzen, nicht die Wiedergabe einer Rede Jesaias, sondern einen Bericht, eine Erzählung aus des Propheten Feder.
Zuerst erzählt der Prophet kurz von dem Herannahen der beiden Heere und den darob entstandenen Schrecken beim Hause Davids. Darauf giebt er den ihm von Jahwe zu teil gewordenen Auftrag wieder, dem Ahas auf die Strasse des Walkerfeldes ans Ende der Wasserleitung des oberen Teiches entgegenzugehen und ihm Mut und Trost zuzusprechen. Hieran schliesst sich die Wiedergabe der Unterredung zwischen Jesaia und dem Könige: Jesaia bietet dem Ahas ein Zeichen (או ת) an; Ahas schlägt es ab; Jesaia bestimmt nun selbst ein tröstliches Zeichen baldiger Rettung, knüpft aber zugleich wegen des verstockten Unglaubens des Königs eine Drohung gegen ihn und das Reich Juda daran.[14]
In c. 8,1 und 3 f. erzählt Jesaia zwei weitere Versuche, das verstockte Volk zur Umkehr und zum Glauben zu bewegen. Da seine Reden nichts helfen, versucht er, durch ein anderes Wahrzeichen (אות) seinem Volke nahe zu kommen. Er nimmt eine Tafel und schreibt darauf: Maher-schalal-chas-baz. Dann giebt er diesen Namen seinem bald darauf geborenen Sohne. So viel hat Jesaia gethan, um das Volk zur Umkehr und zum Glauben zu bringen. Es hat aber nichts geholfen: c. 8,6: