Der Zweck der Niederschrift ist also nach beiden Stellen wie bei der Aufstellung der Tafel c. 8,1 f. und der Namengebung seiner Söhne c. 8,3 f. 18 der, dass sie einer späteren Generation (עד עולם c. 30,8 und בלמדי 8,16) zum Zeugnis (לעד c. 30,8 und תעודה 8,16) der Wahrheit und Wahrhaftigkeit seiner Prophezeiungen dienen soll.

Jedenfalls geht aus beiden Stellen hervor, dass der Prophet erst deshalb zur Niederschrift schreitet, weil er erkennt, dass die mündliche Predigt aussichtslos sei. Das wird daher auch von den anderen Stücken gelten, die etwa noch auf ihn zurückzuführen sind. Ein eigentlicher Schriftsteller wie Jeremia und die späteren Propheten, ist Jesaia noch nicht gewesen. Da nun die Niederschriften, auf welche jene beiden Stellen weisen, c. 7 f. und c. 28 ff., die Hauptperioden der Wirksamkeit Jesaias umspannen, so werden wir a priori anzunehmen haben, dass sie auch den grössten Teil dessen ausmachen, was Jesaia gegen Jerusalem und Juda geschrieben hat. Durch diese Stellen wird also das durch den statistischen Befund herausgestellte Verhältnis bestätigt.

Der Ueberblick über die schriftstellerische Thätigkeit des Jesaia hat gezeigt, dass die Annahme einer ursprünglich geschichtlich-darstellenden Gestalt der jesajanischen Stücke in c. 28–33 durch die Beschaffenheit der in den anderen Sammlungen enthaltenen Stücke nicht widerraten, sondern vielmehr empfohlen wird. Ja, es ist gezeigt worden, dass jene in darstellender Form geschriebenen Stücke den weitaus grössten Teil von allem ausmachen, was Jesaia gegen Jerusalem und Juda geschrieben hat.

Kehren wir nach diesem Ueberblicke über die Entstehung der übrigen jesajanischen Stücke zu unserem Buche c. 28 ff. zurück, so können wir jetzt folgendes Resultat feststellen:

1. In dem Buche c. 28–33 sind drei verschiedene jesajanische Schriften enthalten, nämlich ausser den beiden kurzen Stücken c. 28,1–4 und c. 32,9–14 eine Anzahl Bruchstücke aus einer grösseren Schrift Jesaias.

2. c. 28,1–4 enthält eine Weissagung Jesaias von dem Untergange Samarias. Die Abfassung dieses Stückes fällt also jedenfalls vor 722, wegen des Schweigens über Aram und Damaskus wahrscheinlich nach 732; vielleicht liegt ihm als bestimmter Anlass der Abfall Hoseas von Assyrien zu Grunde, dann stammt es etwa aus dem Jahre 725/24[20].

3. Die in c. 28,7–31,4 enthaltenen Bruchstücke gehören ursprünglich einer grösseren geschichtlichen Darstellung der Kämpfe Jesaias mit den Volksleitern wider das Zustandekommen des ägyptischen Bündnisses an. Jesaia hat diese Schrift etwa im Jahre ± 703 v. Chr. selbst verfasst zum Zeugnis für einen späteren Tag.

4. Es bleibt noch das kurze Stück c. 32,9–14 übrig. Ueber die Abfassungszeit dieses Stückes lässt sich aus seinem Inhalte nichts absolut Sicheres entnehmen. Jesaia kündigt den Weibern Jerusalems die völlige Verwüstung der Stadt und ihrer anmutigen Umgebung an. Das könnte Jesaia freilich zu jeder Zeit seiner Wirksamkeit gethan haben. Aber die Verkündigung klingt so radikal und unbedingt, dass sie mit ihrem Inhalte auf Anzeichen ihrer Verwirklichung zu deuten scheint. Vor allem ist hier der Ton etwas anders als sonst. Man könnte die Dichtung fast ein Klagelied nennen. Die Anrede in v. 9 ist weniger bitter als traurig. Statt des sonstigen harten und verächtlichen העם הזה steht hier v. 13 das mitleidig empfindende עמי. Man hat den Eindruck, als ob einerseits Jerusalem mitten im Unglück stände, Jesaia die Erfüllung seiner Drohungen eintreten sähe, als ob aber das Volk und namentlich die Frauen Jerusalems nicht recht daran glaubten. Die Stimmung ist ähnlich wie in c. 22; vgl. namentlich v. 4: lasst mich bitter weinen! auch v. 11 b. 13 f. Dieses Kapitel ist nach dem Vorgange Sörensens[21] mit Hackmann in die Zeit nach dem Abzuge Sanheribs zu setzen[22]. Die überstandene Not hat die Jerusalemiter nicht gebessert; der Prophet schaut tiefer. Er sieht in ihrer Unbussfertigkeit die Besiegelung ihres gewissen Unterganges: „Wahrlich, nicht wird diese Sünde euch gesühnt, bis dass ihr tot seid.“ v. 14. Dieselbe Stimmung atmet unsere Weissagung, nur fehlt ihr die Bitterkeit. Vielleicht fällt sie deshalb noch vor den Abzug Sanheribs in das Jahr 702/1. Sicheres lässt sich nicht aussagen.

Wir stehen am Ende mit der Besprechung der jesajanischen Stücke unseres Buches. Sie hat uns nicht nur einen interessanten und lehrreichen Einblick in die schriftstellerische Thätigkeit des Jesaia gegeben, sondern sie wird uns nun auch die Beantwortung der Frage, wie diese Stücke in ihren jetzigen Zusammenhang gekommen sind, wesentlich erleichtern. Halten wir an der Annahme fest, dass der Bearbeiter unseres Buches, um eine Sammlung von משאות ישעיהו herauszugeben, die meisten seiner jesajanischen Stücke aus einem grösseren Zusammenhange herausgenommen hat, so werden wir auch verstehen, wie er dazu gekommen ist, sie mit eigenen Zuthaten und Ergänzungen zu versehen. Die Komposition unseres Buches, die sonst bei seinem mosaikartigen Charakter und den beiden sich widersprechenden Gedankenreihen ein Rätsel bleibt, wird so erklärlich.