Ob wir in c. 29,5 ff. eine einfache Fortsetzung des jesajanischen Stückes v. 1–4 oder eine Umarbeitung einer ursprünglich jesajanischen Fortsetzung haben, ist nicht mehr sicher zu entscheiden. v. 4b ist spätere Parallele zu 4a, v. 8 zu v. 7, und zu dem Stücke v. 1–4 fehlt der Schluss. Jedenfalls ist klar, dass v. 5–8 kein selbstständiges Stück für sich bildet, sondern entweder als Fortsetzung oder als Umarbeitung von einem späteren an v. 1–4a angeschlossen ist.
Aehnlich ist es mit c. 31,5 ff. Der Anschluss an v. 1–4 ist dadurch hergestellt, dass der Verfasser neben das Bild vom knurrenden Löwen das andere von den flatternden Vögeln gestellt hat, das ihm als Bild des Schutzes jedenfalls geeigneter erscheinen musste.
Ob er im Folgenden jesajanische Ueberreste mit benutzt hat, lässt sich hier noch weniger feststellen, da sich kein Vers mehr als ursprünglich jesajanisches Gut zu erkennen giebt; nur ist wahrscheinlich, dass v. 4 einst eine erläuternde Fortsetzung gehabt hat, und möglich, dass die Hand des Späteren schon in v. 4b verbessernd eingegriffen hat, da das ירד nicht ganz der ersten Hälfte der Vergleichung entspricht. Aber dass v. 5–8 jetzt wirklich die Fortsetzung Von v. 1–4 bilden sollen und dazu hergestellt sind, geht auch sonst aus seinem Inhalt und den gebrauchten Ausdrücken deutlich hervor. v. 6 weist mit seinem Inhalte auf v. 1b, in seiner Form העמיקי auf c. 29,15. Besonders deutlich ist v. 8 eine Nachbildung von v. 3. Dem אדם ולא אל in v. 3 steht gegenüber das לא איש בחרב in v. 8; dem בשר ולא רוח in v. 3 das חרב לא אדם in v. 8. Dass diese Nachbildung des Ausdruckes mit ihrem doppelten חרב und ihrer wunderbaren Vorstellung sehr glücklich wäre, kann man nicht behaupten. Um so deutlicher zeigt sich aber gerade darin die Nachbildung. Hinzuweisen ist auch noch auf das אור v. 9, bei dem man mit Recht an das אריאל c. 29 denkt.
Auch c. 32,15–20 giebt sich als direkte Fortsetzung von v. 9–14. Die Worte עד יערה עלינו רוח ממרום knüpfen mit ihrem עד unmittelbar an das עד עולם in v. 14 an. Dass diese inhaltlich scheinbar unmögliche Verbindung nur von einem Solchen vollzogen werden konnte, dem die eschatologischen Ideen der späteren Zeit dogmatisch feststanden, ist schon im ersten Teile gezeigt worden. Aber Inhalt und Form zeigen auch deutlich, dass auch diese Verse überhaupt erst als Fortsetzung von v. 9–14 entstanden sind. In v. 9–14 wird zuerst die Verwüstung der Gärten und Fruchtgefilde, und dann die Zertrümmerung der menschlichen Wohnungen gedroht; in v. 15–20 wird zuerst verheissen, dass die Wüste zum Fruchtgefild werden soll und dann werden den Menschen sichere Wohnungen in Aussicht gestellt. Zur Entlehnung der Ausdrücke ist vor allem v. 9 f. mit v. 18b zu vergleichen. Die Prädikate der Frauen Jerusalems שאננות und בטחות werden hier auf die Wohnungen übertragen. Vgl. auch v. 17 am Schluss.
In c. 29,9 f. musste es für die Späteren unverständlich sein, was unter dem dort verkündeten Verstockungsgerichte gemeint sei. Der Verfasser von v. 11 f. hat eine Erklärung von v. 9 f. im Sinne der späteren Zeit gegeben. Er sieht darin, dass seinen Zeitgenossen „das Gesicht von dem allen“, d. h. die dem Jesaia gewordenen Offenbarungen wie ein Buch mit sieben Siegeln erscheint, eine Erfüllung der Weissagung v. 10, und es ist offenbar seine Absicht, durch seine Zusätze den Schleier des Verständnisses zu lüften. Der Anschluss der Verse an die vorhergehenden durch ותהי und die Beziehung von חזות כל auf das Vorangegangene zeigen, dass die Verse keine selbstständige Bedeutung haben können und wollen.
An das kurze Stück c. 29,15 schliesst sich eine längere Auseinandersetzung über eschatologische Dinge an. Der Ausruf: הפככם geht unmittelbar auf die in v. 15 getadelte Frage zurück und steht inhaltlich schon mit v. 14 in Zusammenhang. Der Verfasser fasst die Frage in v. 15 als Verzweiflungsfrage der Elenden seines Volkes auf, und giebt deshalb trostreichen Aufschluss. v. 18, ähnlich wie v. 11 f., geht auf die Worte: והיה במחשך מעשיהם in v. 15 zurück. Zu v. 24 vgl. c. 28,9 f., zu v. 17 c. 32,15. Diese beständige Bezugnahme auf seine Umgebung beweist, dass auch dieses Stück kein selbstständiges Produkt eines andern Autors, sondern erst zum Zwecke der Erläuterung und Fortsetzung von v. 15 und den vorangegangenen Versen geschrieben ist.
Dasselbe gilt auch von dem Stücke c. 30,18–26. Durch ein ולכן ist es eng an das Vorhergehende angeschlossen. Und der, welcher es angeschlossen hat, hat es auch geschrieben. Duhm meint zwar, dass das „darum“ v. 18 so gänzlich unmöglich als Fortsetzung von v. 17 sei, dass man nur annehmen kann, der Ergänzer habe das Auge mehr auf seinen eigenen früheren Einsatz, als auf den Text des alten Propheten gerichtet gehabt. Man muss aber eben bedenken, dass derselbe auch v. 8–17 unter eschatologischem Gesichtspunkt angesehen hat. Für ihn ist das Volk, zu dem er redet, der in v. 17 genannte Rest. Die Drohung sieht er bereits erfüllt; und grade die Erfüllung derselben ist ihm ein Beweis, dass auch die Erfüllung der Verheissung nahe bevorsteht, dass Jahwe voll Ungeduld ist, seinem Volke Huld zu schenken v. 18.
Und nicht nur v. 18 schliesst sich an das Vorhergehende eng an, auch die übrigen Verse stehen damit in Verbindung. v. 20 stellt Jahwe als Lehrer seines Volkes hin, weil in v. 9 von der תורת יהוה die Rede gewesen ist. v. 21 weist auf den rechten Weg, von dem sie nach v. 11 abgewichen sind; v. 26b nimmt ganz das Bild von v. 13 f. wieder auf. Berg und Hügel in v. 25 sind aus v. 17b; der Tag des grossen Würgens, „wenn Türme fallen“ spielt auf v. 13 f. an.
Es bleiben nun noch vier Stücke übrig, die inhaltlich nicht in so reger Beziehung mit ihrer Umgebung stehen und in sich selbst einen mehr geschlossenen Zusammenhang bilden: c. 28,24–29, c. 30,27–33, c. 32,1–8, c. 33. Diese bedürfen deshalb noch einer besonderen Besprechung.
c. 28,23–29 enthält ein dem Landbau entnommenes Maschal mit einer besonderen, dem Volksliede nachgeahmten Einleitung. Schon um dieser Einleitung willen wird es von den Auslegern als besonderes Stück behandelt, das Jesaia erst bei der Zusammenstellung seines Buches an seine jetzige Stelle gesetzt habe. Dass es indessen nicht von Jesaia sein kann, ist oben bewiesen worden. Sein Inhalt ist rein tröstlicher Natur. Aber grade deswegen nimmt es zu seiner Umgebung bezw. zu den voraufgegangenen jesajanischen Stücken dieselbe Stellung ein, wie die besprochenen unjesajanischen Stücke zu den ihren. Es bringt gegenüber den vorangegangenen Drohungen die Verheissung, indem es zugleich durch seinen Inhalt die Drohung und Strafe erklärt. Dass das Maschal zu den voraufgegangenen Stücken wirklich auch in diese Beziehung gebracht sein will, geht deutlich aus v. 29 hervor. Dieser Vers ist das Gegenstück zu v. 22. In v. 22 heisst es: