„Die Güte in der Ehe ist ein verwickelteres Problem als die bloße Tugend, denn es sollen in der Ehe ja zwei Ideale verwirklicht werden.“
R. L. Stevenson.
[ I.] Einige Reformvorschläge
Im Laufe der letzten 25 Jahre sind die ärgsten Ungerechtigkeiten unseres Ehegesetzes richtig gestellt worden, und im Vergleich zu ihnen erscheinen die noch bleibenden Übelstände verhältnismäßig gering. Es ist in der heutigen Zeit der fortgeschrittenen Frauen kaum zu glauben, daß sich vor einigen Jahren ein Mann noch das Besitztum des Weibes aneignen und es nach Belieben ausgeben konnte oder, was noch ungeheuerlicher ist, einen Fremden als einzigen Vormund seiner Kinder nach seinem Tode bestellen durfte, ohne auf die natürlichen Rechte der Mutter auch nur zu achten.
Die schwerste noch bestehende Ungerechtigkeit ist, daß die Erleichterung durch die Scheidung den Männern zugänglicher ist als den Frauen. Dieses Gesetz wurde von den Männern zu ihren eigenen Gunsten abgefaßt, aber seine Existenz ist ein Schandfleck auf der Ehre der englischen Justiz und der englischen Sittlichkeit, ebenso wie der Umstand, daß die Untreue eines Gatten so leicht genommen wird. Wir wollen hoffen, daß die Zeit nicht mehr fern ist, wo die Scheidungsbedingungen für beide Parteien genau dieselben sein werden.
Es wird heutzutage fast allgemein die Ansicht gehegt, daß die Lösung der Ehe nur erreicht werden soll, wenn einer der beiden Teile ein ausgesprochener Trunkenbold, mondsüchtig oder ein zu langer Kerkerstrafe Verurteilter ist. Wie erniedrigend ist es für die besten Instinkte unseres Geschlechtes, daß die Frau eine Ungültigkeitserklärung der Ehe dadurch erhalten kann, daß sie eine gewisse physische Unfähigkeit des Mannes beweist, die in keiner Weise ihr Glück, ihre Gesundheit oder ihre Selbstachtung beeinträchtigt, aber auch nicht einmal die teilweise Erleichterung der Trennung erreichen kann, wenn ihr Mann ein Trunkenbold, ein Ehebrecher oder ein Verbrecher ist, solange sie nicht noch dazu seine Grausamkeit oder sein böswilliges Verlassen beweisen kann! Es ist ferner eine Ungerechtigkeit, daß die Scheidung so kostspielig ist, daß nur reiche Leute oder die ganz armen (durch Beibringung eines Armutszeugnisses) sich sie gestatten können.
Vielleicht die nötigste aller Reformen ist, daß die Ehe der geistig und physisch Ungeeigneten gesetzlich verhindert werde, oder vielmehr, daß sie verhindert werden, Kinder zu haben, was ja die Hauptsache ist. Es wäre ganz gut durchführbar, die Kinderlosigkeit der Ungeeigneten zu sichern, obgleich ein Gesetz hierüber die taktvollste Handhabung erfordern würde, und man sich kaum ein Parlament von Männern denken kann, das es mit irgendeinem Erfolg durcharbeiten könnte. Vielleicht wird das Gesetz dann durchgehen, wenn wir die „ideale Regierung“ haben, in der beide Geschlechter und alle Klassen vertreten sein werden. Ein von einem in Staatsdiensten stehenden Arzt unterzeichnetes Zertifikat sollte jedenfalls obligatorisch sein, bevor eine Heirat bestätigt wird. Wenn der Krebs, die Tuberkulose, der Wahnsinn und alle mit dem Alkoholismus und dem ausschweifenden Leben verbundenen Übel jede Familie im Land infiziert haben werden, dann werden unsere weitsichtigen Gesetzgeber die Notwendigkeit einer derartigen Einschränkung einzusehen beginnen. Gegenwärtig wird die Freiheit des Individuums als ein für die Rasse zu schwer wiegender Wert bewahrt.
Eine andere äußerst nötige Reform ist, daß die unehelich geborenen Kinder durch die nachträgliche Heirat der Eltern, so wie in vielen anderen Ländern, legitimiert werden sollen. Das würde niemandem schaden, könnte auch nicht das Laster ermutigen und würde sehr viel bitteres Unrecht gut machen. Die gegenwärtige Regelung ist äußerst unvernünftig.
England ist beinahe das einzige europäische Land, wo es nicht angestrebt wird, den Töchtern eine Mitgift zu geben, außer in den wohlhabenden Klassen. Ganz bemittelte Engländer halten es für unnötig, ihren Töchtern zu Lebzeiten irgend etwas zu geben, obgleich sie geneigt sind, sich ernste Einschränkungen aufzuerlegen, um ihre Söhne im Leben gut zu stellen. Die englischen Väter geben alles ihren Söhnen, in vielen Ländern des Kontinents kommen die Töchter dem Rechte nach zuerst und in allen Klassen, den reichen und den armen, trachten die Eltern auf irgendeine Weise für eine Mitgift zu sorgen, indem sie vom Tage der Geburt des Kindes an zu sparen beginnen.