Ich bin überzeugt, daß ein ungeheuerer Anstoß zur Ehe gegeben würde, wenn die Mitgift für die Töchter in England üblich würde und viele Mißhelligkeiten zwischen Mann und Frau könnten vermieden werden, wenn die Frau eigene, wenn auch noch so geringe Mittel hätte. Es ist gewiß äußerst demütigend und unangenehm für eine bessere Frau, von ihrem Mann wegen jeder Omnibusfahrt und jedes Päckchens Haarnadeln abzuhängen.

Die Engländer sind jedoch darnach, sich mit ihren Fehlern zu brüsten und überdies so heillos sentimental, daß sie sich’s als Ehre anrechnen, in dieser Hinsicht eine Ausnahme von allen Ländern zu bilden, und noch damit prahlen, daß bei ihnen die Ehen nur aus Liebe geschlossen werden. Demselben unsinnigen und unfürsorg­lichen Geist entspringt die übliche Abneigung, den Töchtern etwas zu vermachen. Nur bei einem sehr reichen Mann erwartet man das, während es doch nur gerecht ist, daß jeder Mann seiner Frau etwas vermacht, wenn auch nur die Einrichtung oder die Versicherungs­police.

Ein Kapitel über die Ehereformen wäre nicht vollständig ohne Hinweis auf unsere barbarische kirchliche Ehezeremonie. Nützt es noch etwas, darüber Klage zu führen? Seit ich lesen kann, lese ich Angriffe darauf. Es ist klar, daß niemand ein Wort zu ihrer Verteidigung hat, nicht einmal die Priester, und doch bleibt sie genau so, wie sie zu Zeiten James I. vorgeschrieben wurde. Wenn je eine von den Männern verfaßte religiöse Formel einer Revision bedurfte, um mit den Gedanken der Zeit gleichen Schritt zu halten, so ist es diese. Wie kann die Kirche erwarten, daß wir die Ehe als ein Sakrament betrachten, wenn ihre Bedingungen in so roher Sprache und von einem so falschen Gesichtspunkte aus bezeichnet werden. Ist es nicht falsch, jene Personen zu verherr­lichen, die die „Gabe der Enthaltsamkeit“ haben, eine „Gabe“, die bald zum Aussterben des Menschen­geschlechtes führen würde, wenn sie der Majorität eigen wäre? Diese spezielle Formel ist für eine reine, unschuldige Braut eine schmähliche Beleidigung und ganz unnütz. Wenn schon keine andere Verbesserung angebracht wird, so könnte diese einleitende Erklärung der „Gründe für die Einrichtung der Ehe“ wohl ausgelassen werden, wenn auch nur der Tatsache halber, daß der Hauptzweck der Ehe, nämlich „gegenseitig Hilfe und Trost zu sein“ in ihr an letzter Stelle erscheint. Die Kirche Englands kann von den Quäkern oder der „Neu-Jerusalemer Kirche“, einer auf den Schriften des großen Mystikers Emanuel Svedenborg gegründeten religiösen Gemein­schaft, lernen. Bei dem „Freund­schaftsbund“ ist das Verfahren äußerst einfach. Nachdem eine Zeit in stillem Gebet verbracht wird, erheben sich die Parteien und sagen einer nach dem andern feierlich, indem sie sich bei der Hand halten: „Freunde, ich nehme diese meine Freundin A. B. zum Weibe und verspreche, mit göttlichem Beistand ihr ein liebender und treuer Gatte zu sein, bis es dem Herrn gefallen wird, uns durch den Tod zu trennen.“ Die Formel der „neuen Kirche“ ist länger, aber ebenso schön und einwandfrei.

[ II.] Einige praktische Winke für Ehemänner und -frauen

„Man braucht in der Ehe nicht eine Menge schöner Gefühle, sie nützen nichts.“ W. Sommerset-Maugham.

Der beste Rat, den man einem Paare auf den „langen, geraden und staubigen Weg“ der Ehe mitgeben kann, ist: „Gesegnet sind die, die wenig erwarten.“ Der zweitbeste ist: „Trachtet euer Ideal zu verwirk­lichen, aber nehmt die Niederlage philosophisch hin“. Es ist schwer, mit jemandem zu leben, der eine ideale Vorstellung von uns hat; es ruft in uns den ruchlosen Wunsch wach, so schlecht als möglich zu sein. Miranda sagt mir oft: „Die Ursache, warum Lysander und ich so vollkommen glücklich sind, ist, weil wir uns nie etwas daraus machen, einander unsere schlechtesten Seiten zu zeigen, und auch nie die Notwendigkeit fühlen, uns besser zu machen, als wir sind.“ Merkt euch das, Braut und Bräutigam! Bedenkt, daß ein Piedestal ein sehr ungemüt­licher Aufenthaltsort ist, und weiset eurem Lebensgefährten diesen unbequemen, erhöhten Platz nicht an. Es sind mehr Ehen daran gescheitert, daß man zuviel voneinander erwartet hat, als durch irgend welche Laster oder Verirrungen.

Andererseits muß ich auf die Gefahr hin, trivial zu erscheinen, wiederholen, daß das Wichtigste in der Ehe die gegenseitige Achtung ist. Sie geht über Liebe, Verträg­lichkeit, ja sogar über den unschätzbaren Sinn für Humor. Die Achtung wird das schwankende Gebäude der Ehe zusammenhalten, wenn die Leiden­schaft erloschen und selbst wenn die Liebe dahin ist. Die Achtung wird sogar die „entsetzliche Intimität“ erträglich machen und über die bedenk­lichsten Unannehm­lichkeiten ohne „Quetschungen der Seele“ hinwegheben, was immer das Herz auch für Verwundungen davontragen mag. Darum, Bräutigam und Braut, erhaltet die gegenseitige Achtung um jeden Preis, und, Männer und Frauen, heiratet nie jemanden, den ihr nicht wirklich achtet, wenn ihr ihn auch noch so leiden­schaftlich liebt. Ich glaube, man kann in einer Ehe ohne Liebe recht glücklich sein, wenn die Glut und Vernarrtheit der ersten Jugend vorüber ist, aber ohne Achtung kann man nie etwas anderes als unglücklich werden.

„Es ist immer einer, der liebt, und einer, der geliebt wird.“ Wenn ihr findet, daß ihr der eine seid, der liebt, dann merkt es wohl: es ist der bessere Teil, besonders für die Frauen. Ermüdet euren Gefährten nicht mit fortwährenden Ansprüchen, Szenen, Vorwürfen, Tränen, Bitten, es wird euch nichts nützen, und das geliebte Wesen euch nur entfremden, und da wir gerade bei den Tränen sind, so laßt mich alle Frauen dringendst davor warnen, dieser natürlichen weiblichen Schwäche zu frönen. Die vernünftigen, nüchternen, überaus kräftigen modernen Mädchen machen sich gewöhnlich darüber lustig; aber in der Ehe kommen Anlässe zum Weinen, von denen diese selbstsicheren jungen Mädchen keine Ahnung haben. Aber die alte Vorstellung, daß Tränen beim Manne den Sieg davontragen und so oft dazu dienen, das härtere männliche Herz zu besänftigen, ist ganz erloschen. Und wenn die Frauen es nur einsehen wollten: die Tränen erzeugen ein Gift, das auf die Liebe verhängnisvoll irritierend wirkt und sie oft tötet. Nur im Anfang, wenn der Mann noch ganz jung und auf der Höhe seiner Glut ist, mögen die Tränen ihn beeinflussen, aber nicht für lange, und sehr selten nach der Verheiratung. Dennoch erreichen sie oft ihren Zweck, da ausnehmend zartbesaitete Männer oft die Tränen so fürchten, daß sie sofort nachgeben, wenn dieses Warnungssignal auf der Bildfläche erscheint. Aber ihre Gereiztheit ist deshalb nicht geringer, und oft können sie die Frau schließlich nicht leiden, die auf ihre Sanftmut gebaut und daraus einen in den Augen des Mannes ungerechten Vorteil gezogen hat. Die Frau, die fortwährend weint, wenn etwas schief geht, flößt niemandem Achtung oder Sympathie ein und treibt ihren Mann dazu, die Gesell­schaft anderer Frauen aufzusuchen. Die Männer können es nicht leiden, wenn daheim andere Gesichter als ihr eigenes traurig sind. Wenn sie sehr unglücklich sind, fühlen sie sich berechtigt, sich gehen zu lassen; aber ihre Frauen dürfen das nicht, und wenn sie es tun, darf es gewiß nicht die Form von Tränen annehmen. Der glänzende anonyme Verfasser von „Die Wahrheit über den Mann“ schärft den Frauen ein, stets eingedenk zu sein, daß man „den Männern nie widersprechen, nie ihnen Vorwürfe machen und sie nie kritisieren darf“. Hierzu möchte ich nachdrück­lichst sagen, daß man ihnen auch nie aus irgendeinem Grunde etwas vorweinen soll.

Ist es nötig, für die Aufrechterhaltung der vollkommensten Höflichkeit zwischen Mann und Frau zu plädieren? Im Anfang wohl nicht, aber mit der Zeit wird es notwendig werden. Es kann sogar die Zeit kommen, wo Perseus seine Stimme erhebt und seine Unzufriedenheit mit Persephone hinausposaunt. Ein gewisser Typus von Männern wettert bei Verdruß natürlich nicht seinen Freunden oder Kunden gegenüber, sondern bloß in Anwesenheit seiner Angestellten, seiner Diener­schaft, seiner Frau und der Leute, die sich vor ihm fürchten. Das war eine häßliche Gewohnheit unserer Großväter, und moderne Frauen sind kaum sanft genug, sie lange ruhig hinzunehmen. Sollte sich jedoch Perseus durch eine wunderlich atavistische Laune je in dieser Hinsicht so weit vergessen, dann wird Persephone die biblisch sanfte Antwort wirksamer finden als den lautesten Stimmenwiderhall. Wenn man mit äußerst sanfter Stimme spricht, wird man die Schreier beiderlei Geschlechts immer beschämend zum Schweigen bringen.

Die Höflichkeit zwischen Mann und Frau ist nötiger als in irgendwelchen anderen Beziehungen zwischen den Menschen. Sehr viel Bitterkeit könnte erspart bleiben, wenn man sich stets daran erinnern wollte. Nichts ist peinlicher, als ein Ehepaar miteinander grob verkehren zu sehen, und die Gebote der Höflichkeit würden all jenen Bemerkungen vorbeugen, die in die Kategorie der „besser nicht gesagten“ gehören. Besonders die Frauen haben manchmal die sehr tadelnswerte Gewohnheit, ihrem Manne Wahrheiten aus dem häuslichen Leben an den Kopf zu werfen, wenn ihnen der Kamm schwillt, und die meisten Männer sind unter ihrem Schild vornehmer Gleichgültigkeit empfindsam genug, um das sehr übel zu nehmen und an solche stichelnde Worte noch viele Jahre lang zu denken. Die Tatsache, daß diese Worte gewöhnlich äußerst zutreffend sind, macht sie nicht weniger tadelnswert; manche Frauen, die ihren Männern wirklich sehr ergeben sind, setzen sie dennoch zu Hause und vor den Leuten fortwährend herab, und obwohl ein Mann es selten zugeben wird, ärgert ihn das mehr, als so manche des Männerherzens Unkundige für möglich halten. Es ist nämlich Tatsache, daß die Männer Bewunderung und Lob ebenso gerne haben wie die Frauen, obzwar es ein Teil ihres seltsamen Kodex ist, diese Tatsache zu verbergen. Sie nehmen einen Verweis genau so übel wie die Frauen; und warum sollten sie es auch nicht?