An Modebädern diesseits und jenseits der Reichsgrenze war kein Mangel. Baden-Baden, Wildbad, Wiesbaden, Pyrmont, Baden im Aargau, dies schon seit der Römerzeit her, Hornhausen, Burgbernheim und Zerzabelshof im Schwarzwald, Teplitz in Böhmen und viele andere mehr waren Bäder von Ruf.

Durch seine Lage berühmt war Pfeffers, ein Besitztum des gleichnamigen Klosters. Zu Anfang des 13. Jahrhunderts wurden seine warmen Quellen zufällig durch einen Jäger entdeckt. Es barg sich »aber tieff zwischen zweyen hohen und oben zusammengebogenen Felsen, dass niemand dazu ohne lange Seyler hat mögen kommen«, sagte Münster in seiner Kosmographie. Der Abt liess deshalb, als die Frequenz bedeutender wurde, eine hölzerne Treppe in die Tiefe bauen.

In den Thermalbädern nahm gewöhnlich ein gezimmertes oder gemauertes Bassin die Badenden auf, wie zahlreiche Abbildungen in alten balneologischen Werken zeigen. Der Schlitzoesche Holzschnitt im »Tractat der Wildbeder« (1519) führt vier Männer und eine Frau in einem solchen Bade schmausend und dem Gesange eines Fahrenden lauschend vor. In dem allgemeinen Bade zu Plummers (Plombières) in den Vogesen auf dem Titelbild zu J. J. Huggelius' »Von heilsamen Bädern des Teutschenlands«, Mülhausen 1559, hat der schamhafte Künstler die Männer mit einer Schambinde, Bruch, Hose, die Weiber mit einer knapp unter der Büste festgebundenen Schürze bekleidet. In Eschenreutters Buch (1571) gibt ein Blatt Mann und Frau in einer Badewanne wieder, während sich eine grössere, sehr mangelhaft bekleidete Gesellschaft mit Speise und Trank bei Gesang und Flötenspiel ergötzt.[172]

Über das Leben im Bade ergeht sich ein Glossar zu einigen Wandgemälden, die sich ehedem im Hause des Domherrn Grafen Johann von Eberstein befanden. C. Will[173] übersetzt diese von Henricus de Langenstein, dictus de Hassia herrührende Beschreibung folgendermassen: »Von fleischlicher Lust. Wenn ich mich nicht täusche, so ist der Sinn dessen, der die Reihe besagter Malereien angab, von dem Geiste getrieben worden, um stillschweigend die Meinung des Apostel Johannes auszudrücken, der da spricht: ›Alles was auf der Welt vorhanden ist, ist Begehrlichkeit des Fleisches oder Begehrlichkeit der Augen, oder Übermut des Lebens‹. Das heisst: Alle Laster weltlicher Verirrung sind auf drei zurückzuführen: fleischliche Lust, weltliche Habgier und Stolz auf eitlen Ruhm. Wie aber konnte schicklicher fleischliche Lust dargestellt werden, als auf einem Bilde des Wiesbadener Festes, das durch alle Fleischlichkeit anstössig, von dem Schaume aller sinnlichen Wollust triefend ist? Zu ihm kommen sie von allen Seiten in Freude und Ausgelassenheit, mit Trompeten und Pfeifen, mit vollen Kasten und Flaschen; man bringet Lebensmittel und die leckersten Getränke herbei, man nimmt Geld in Menge mit, seltsame Kleider werden mitgeführt; in der Hoffnung sich zu ergötzen, wird schon auf dem Wege gespielt, gesungen, geplaudert, als ob man am Ziele die Freude der Glückseligkeit zu erwarten habe. Wenn man angekommen ist, werden Gastereien veranstaltet, man sucht der Frauen Gesellschaft, geht ins Bad, befleckt die Seele ... Im Bade sitzen sie nackt mit Nackten beisammen, nackt mit Nackten tanzen sie. Ich schweige darüber, was im Dunklen vor sich geht, denn alles geschieht öffentlich. Aber was ist das? Der Ausgang und der Eingang dieses unsinnigen Festes ist nicht gleich, wenn, nachdem alles verzehrt ist, die Kasten leer zurückkommen, die Geldbeutel ohne Geld, man die Rechnung hört und die Verschleuderung so vielen Geldes bereut. Und zuweilen beisst auch die Seele der Heimgekehrten das Gewissen wegen der begangenen Sünden. Der ist traurig über solche Verirrung; der klagt, weil er von der Lust scheiden muss; der gedenkt betrübt, wie kurz und inhaltlos die Freuden dieser Welt sind. Was mehr?

Sie kehren heim, die Körper sind weiss gewaschen, die Herzen durch Sünde geschwärzt; die gesund hingingen, sie kehren heim angesteckt; die durch die Tugend der Keuschheit stark waren, kehren heim verwundet von den Pfeilen der Venus. Das möchte noch wenig bedeuten, wenn nicht die Mädchen, die als Jungfrauen hinreisten, als Dirnen zurückkehrten, als Ehebrecherinnen, die anständige Ehefrauen waren, wenn nicht als Teufelsweiber heimkehrten, die als Gottesbräute hingingen. Und so erfahren sie durch diese und andere Anlässe zur Trauer bei der Rückkehr die Wahrheit des Satzes, dass das Ende aller fleischlichen Lust Trauer ist.«

Der geistliche Herr malt, wie es seines Amtes ist, grau in grau, alle fleischliche Lust verketzernd, die allerdings in den Bädern den weitesten Spielraum fand. Poggios, auf Autopsie beruhende Beschreibung des Getriebes in Baden bei Zürich liefert den Beweis, wie recht der edle Langenstein stellenweise mit seiner Verdonnerung hatte. Poggio, ein Florentiner, hatte den Papst Johannes XXIII. zur Kirchenversammlung nach Konstanz begleitet, war dann nach Baden gefahren, um dort von seinem Chiragra befreit zu werden. Aus dem Kurorte schrieb er im Sommer 1417 an seinen Freund und Landsmann Niccoli einen langen, lateinischen Brief, den ich hier in der Übersetzung von Alwin Schultz mitteile. Poggio ist ein fideles Haus, dem es nicht immer auf volle Wahrung der historischen Treue anzukommen scheint, wenn er durch aufgesetzte humoristische Lichter sich selbst und seinen Freund unterhalten kann. Er mischt daher Wahrheit und Dichtung zu einem ergötzlichen Feuilleton zusammen, das aber trotz der beabsichtigten humoristischen Färbung doch meisterhaft das Thema des mittelalterlichen Badelebens erschöpft.

»Diesen Brief aber schreibe ich Dir aus diesem Bade, das ich, meine Handgelenke zu heilen, aufgesucht habe; und da schien es mir angemessen, die Lage und Anmuth desselben, zugleich auch die Sitten dieser Leute und die Weise des Badens zu beschreiben. Von den Alten wird viel über die Bäder von Puteoli gesprochen, wohin das gesammte römische Volk der Lust wegen strömte, doch glaube ich nicht, dass jene diese an Vergnüglichkeit erreicht haben und dass sie mit den unsrigen zu vergleichen gewesen sind. Denn in Puteoli verursachte die Lust mehr die Schönheit der Lage, die Pracht der Landhäuser, als die Liebenswürdigkeit (festivitas) der Menschen und der Gebrauch der Bäder. Dieser Ort aber bietet keine oder fast keine Erquickung dem Geiste, das Uebrige aber bringt einen angemessenen Frohsinn (amoenitatem), so dass ich zuweilen meine, Venus sei mit allen Vergnüglichkeiten von Cypern nach diesem Bade übersiedelt, so werden ihre Gesetze beobachtet, so aufs Haar ihre Sitte und Leichtfertigkeit wiedergegeben, so dass sie, wenn sie auch die Rede des Heliogabel nicht gelesen, doch von Natur gelehrt und unterrichtet genug erschienen. Aber da ich dir dieses Bad beschreiben will, so mag ich auch nicht den Weg übergehen, der von Constanz hierher führt, damit Du vermuthen kannst, in welchem Theile Galliens es liege. Am ersten Tag reisten wir zu Schiff den Rhein hinab nach Schaffhausen, vierundzwanzig Meilen (milia passuum) und dann, weil wegen des grossen Falles und wegen der steilen Berge und abschüssigen Felsen der Weg zu Fuss gemacht werden muss, noch zehn Meilen und gelangten nach dem Schlosse Kaiserstuhl am Rhein. Nach dem Namen vermuthe ich, dass es wegen der günstigen Lage auf einem hohen Hügel am Flusse, der durch eine kleine Brücke Gallien mit Germanien verbindet, ein Römercastell gewesen sei. Auf dieser Reise sahen wir den Rheinfall, der von hohem Berg, zwischen zerklüfteten Felsklippen mit Donnerbrausen herabstürzt. Da kam mir ins Gedächtniss, was man von dem Nilkatarakt erzählt. Und es ist nicht zu verwundern, dass die Anwohner wegen des Getöses und Donnerns taub werden, da ja dieses Flusses, der an der Stelle nur als Wildbach gelten kann, Lärm wie beim Nil drei Stadien weit gehört wird. Die Stadt Baden ist ziemlich reich, von Bergen umgeben, in der Nähe ein Fluss von reissender Strömung, der in den Rhein fliesst, etwa sechs Meilen von der Stadt. Nahe bei der Stadt, vier Stadien entfernt, liegt ein sehr schönes Dorf (villa) zum Gebrauch der Bäder hergerichtet. In der Mitte des Dorfes ist ein grosser Platz, der von grossen Gasthäusern, welche viele aufnehmen können, umgeben ist. Die einzelnen Häuser haben die Bäder im Innern, in denen nur die baden, welche da wohnen; die Bäder sind sowohl öffentliche als Privateigenthum, etwa dreissig an der Zahl. Öffentliche sind nur zwei vorhanden, offen (palam) zu beiden Seiten, Badestätten des Volkes und des gemeinen Haufens, zu denen Weiber, Männer, Knaben, unverheiratete Mädchen, die Hefe der ganzen Umgebung, zusammenströmt. In ihnen scheidet eine Mauer die Männer von den Frauen. Es ist lächerlich zu sehen, wie abgelebte alte Weiber und jüngere Frauen nackt vor den Augen der Männer ins Wasser steigen. Ich habe oft über dies prächtige Schauspiel gelacht, dabei an die Spiele der Flora gedacht und bei mir die Einfalt dieser Leute bewundert, die weder auf so etwas hinsehen, noch irgend etwas Böses davon denken oder reden. Die Bäder in den Privathäusern sind aber sehr fein (perpolita); Männer und Frauen gemeinsam, aber durch eine Holzwand geschieden. In ihr sind mehrere Fenster angebracht, so dass man zusammen trinken und sich unterhalten kann, nach beiden Seiten hin zu sehen und sich zu berühren vermag, wie dies ihrer Gewohnheit nach oft geschieht. Über dem Bassin sind Korridore, auf denen Männer stehen, zuzusehen um sich zu unterhalten, denn ein jeder darf in andere Bäder gehen und sich dort aufhalten, zuzuschauen, zu plaudern, zu scherzen und sich zu erheitern, so dass man die Frauen, wenn sie ins Wasser steigen oder aus demselben herauskommen, sieht. Keiner wehrt die Thür, keiner argwöhnt etwas Unschickliches. Männer tragen nur eine Schambinde (campestribus utuntur), die Frauen ziehen leinene Hemden an, von oben bis zum Schenkel, oder an der Seite offen, so dass sie weder den Hals, noch die Brust oder die Arme bedecken. Im Wasser selbst speisen sie oft auf gemeinsame Kosten, ein geschmückter Tisch schwimmt auf dem Wasser, und auch Männer pflegen teilzunehmen. Wir sind in dem Hause, in dem wir badeten, einmal zu solchem Fest geladen worden. Ich habe meinen Beitrag gezahlt, wollte aber trotz wiederholter Bitten nicht teilnehmen, nicht aus Schamgefühl, das für Feigheit oder Unbildung gehalten wird, sondern weil ich die Sprache nicht verstand. Es kam mir närrisch vor, dass ein Italiener, unkundig der Sprache, im Wasser stumm und sprachlos dasitze, da ein ganzer Tag mit Essen und Trinken hingebracht werden sollte. Aber zwei von den Genossen sind in das Bad gegangen, mit grosser Herzensheiterkeit, haben mitgethan, mit getrunken, mit gespeist, durch den Dolmetsch sich unterhalten, oft mit dem Fächer Luft gefächelt. Es fehlte nichts zu dem Gemälde, wie Jupiter die Danae mittelst des goldenen Regens befruchtete u. s. w. Sie aber waren, wie es bei den Männern Sitte ist, wenn sie in die Bäder der Frauen eingeladen werden, mit leinenen Hemden bekleidet; ich jedoch sah von der Gallerie aus alles, die Sitten, Gewohnheiten, die Liebenswürdigkeit (suavitatem), die Freiheit und Ungebundenheit der Lebensart. Es ist merkwürdig, zu sehen, in welcher Unschuld sie leben, mit welchem Vertrauen Männer es ansahen, dass ihre Frauen von Fremden berührt wurden. Sie wurden nicht gereizt, achteten nicht darauf, nahmen alles von der besten Seite. Nichts ist so schwer, dass bei ihren Sitten nicht leicht wurde. Sie hätten ganz in den Staat Platos gepasst, wo alles gemeinsam ist, da sie schon ohne seine Lehre so eifrig in seiner Schule erfunden werden. In einigen Bädern sind Männer unter den Frauen, denen sie entweder verwandt sind, oder es wird ihnen aus Wohlwollen gestattet. Täglich gehen sie drei- oder viermal ins Bad und bleiben den grössten Theil des Tages darin, theils singend, theils trinkend, theils Reigen tanzend. Sie singen auch im Bade sitzend ein Weilchen, dabei ist es besonders angenehm, die erwachsenen Mädchen im heiratsfähigen Alter, mit schönen und freimüthigen Gesichtern, im Costume und Gestalt der Göttinnen, singen zu sehen, wie sie die auf dem Wasser schwimmenden Kleidern hinten nachziehen, man könnte sie für die Venus selbst halten. Es ist Sitte, dass die Frauen, wenn die Männer von Oben zuschauen, Spasses halber um ein Geschenk bitten. So werden ihnen, und zwar den schönsten, Geldstücke zugeworfen, die sie mit der Hand oder mit den ausgebreiteten Hemden fangen, sich einander fortstossend, und bei diesem Spiele werden zuweilen auch geheime Reize enthüllt. Es werden auch Kränze aus verschiedenen Blumen herabgeworfen, mit denen sie sich die Häupter beim Baden schmücken. Ich habe, durch die unbeschränkte Freude, zu sehen und Scherz zu treiben, gelockt, da ich nur zweimal täglich badete, die übrige Zeit damit hingebracht, die anderen Bäder zu besuchen und sehr oft Geldstücke wie Kränze wie die anderen hinabgeworfen. Denn weder zum Lesen noch zum Denken war Zeit vorhanden unter den ringsum erschallenden Klängen der Symphonien, der Trompeten, der Zithern, wo schon der Wille zu denken, die höchste Thorheit gewesen wäre, besonders für einen, der auch wie der Menedemus Heautontimorumenos ist, ein Mensch vielmehr, der allem Menschlichen zugänglich. Zur höchsten Lust fehlte die mündliche Unterhaltung, die vor allen Dingen den meisten Werth hat; so blieb nichts übrig als die Augen zu weiden, zu folgen, zum Spiele hin und zurückzuführen. Zum Spazieren war Gelegenheit und so viele Freiheit, dass der Spaziergang nicht durch Gesetze beschränkt war.

Ausser diesen vielfältigen Vergnüglichkeiten gibt es noch eine nicht geringfügige. Hinter der Stadt am Flusse ist eine Wiese mit vielen Bäumen bewachsen. Dahin kommen nach dem Nachtessen alle von allen Seiten; dann werden verschiedene Spiele gespielt; die einen erfreuen sich am Tanze, die anderen singen, die meisten spielen Ball, nicht nach unserer Sitte, sondern die Männer und Frauen werfen einen mit Schellen besetzten Ball einander als besondere Liebesauszeichnung zu, und der wirft ihn wieder einer ihm besonders lieben Person zu, während jene Vielen mit vorgestreckten Händen bitten und er bald dem, bald jener ihn zu werfen heuchelt. Es werden noch ausserdem viele Scherze getrieben, die zu beschreiben zu weit führen würde.

Diese aber habe ich berichtet, damit du siehst, wie gross hier die Schule der Epicuräer ist, und ich glaube, dies ist hier der Ort, in dem der erste Mensch geschaffen worden, den die Hebräer Gamedon, das heisst: »Garten der Lust« nennen. Denn wenn die Lust das Leben glücklich machen kann, so sehe ich nicht ein, was diesem Orte fehlt zur vollendeten und in jeder Hinsicht vollkommenen Lust. Fragst du nun nach der Wirkung der Bäder, so ist sie mannigfach verschieden, doch ist ihre Kraft bewunderungswerth, fast göttlich. Ich glaube nicht, dass es auf der Welt, ein wirksameres Bad für die Fruchtbarkeit der Frauen gibt; da recht viele der Unfruchtbarkeit wegen hierher kommen, so erfahren sie seine merkwürdige Kraft.[174] Sie beobachten genau die Vorschriften, und es brauchen Mittel die, welche nicht empfangen können. Unter diesen ist besonders folgendes bemerkenswerth: eine unzählige Menge von Adeligen und Nichtadeligen kommt hier zusammen; zweihundert Meilen weit her, nicht eben der Gesundheit, sondern der Lust wegen, alles Liebhaber, alles Freier, alle, denen an einem genussreichen Leben gelegen ist, um hier des gewünschten sich zu erfreuen. Viele geben Körpergebresten vor, während sie doch im Geiste krank sind. So siehst du unzählige schöne Frauen, ohne Männer, ohne Verwandte, mit zwei Dienerinnen und einem Knechte oder einer alten Angehörigen, die leichter zu täuschen als zu ernähren ist. Einige gehen, soweit sie es vermögen, mit Kleidern, Gold, Silber und Edelsteinen geschmückt, dass man glauben könnte, sie seien nicht zu den Bädern, sondern zu den herrlichsten Hochzeiten gekommen. Da gibt es auch vestalische Jungfrauen oder richtiger gesagt floralische. Da leben Äbte, Mönche, Brüder und Priester in grösserer Freiheit als die andern, baden zuweilen gemeinsam mit den Frauen und schmücken die Haare mit Kränzen, alle Religion bei Seite lassend. Alle sind eines Sinnes, die Traurigkeit zu fliehen, die Heiterkeit aufzusuchen, nichts zu denken, als wie sie frölich leben, die Freuden geniessen. Nicht das Gemeinsame zu theilen, sondern das Einzelne mitzutheilen ist die Frage. Merkwürdig ist es, dass bei einer so grossen Menge (beinahe 1000 Menschen), bei so verschiedenen Sitten, keine durch Trunk (ebria) verursachte Zwietracht entsteht; kein Aufruhr, kein Streit, kein Gemurr, kein Fluch.[175] Es sehen die Männer, dass ihre Frauen berührt werden, sie sehen, dass sie mit ganz Fremden, und zwar allein (solum cum sola) verkehren; dadurch werden sie nicht erregt; sie staunen über nichts, meinen, dass alles im guten und ehrbaren Sinne geschehe. Daher findet der Name Eifersucht, der gewissermassen alle Ehemänner erdrückt, bei denen keine Stelle. Das Wort ist unbekannt und unerhört. Sie kennen gar nicht eine Krankheit dieser Art, haben keinen Ausdruck für diese Leidenschaft. Und es ist nicht wunderbar, dass es bei ihnen dies Wort nicht gibt, da die Sache selbst nicht vorhanden ist. Denn noch ist keiner bei ihnen gefunden worden, der eifersüchtig wäre. O, wie verschieden sind unsere Gewohnheiten« u. s. w.

Poggios Widersprüche, bald lässt er die Frauen nackt baden, dann wieder mit Badehemden bekleidet sein, verraten, wie erwähnt, allein schon seine Unzuverlässigkeit. Ausserdem dürfte seine von ihm selbst betonte Unkenntnis der Sprache und Sitten ihn zu manchem Fehlschluss über die von ihm beobachtete Damensorte veranlasst haben. Er übersah wohl geflissentlich die anständigen Frauen ob der »lichten Fräuleins«, die nur der Verdienst ins Bad gelockt, und über jene Frauen, die im Badeort nur Abenteuer erleben wollten. Denn trotz aller Unterschiede zwischen den einstigen Sittenbegriffen von den heutigen, bestand auch damals schon eine Moralgrenze, deren Überschreitung keine anständige Frau gewagt hätte, darum waren jene so ausgelassenen Geschöpfe nichts weiter als Demimondainen. Das Mittelalter missachtete diese Weiber weit mehr, als dies unsere tolerantere Zeit thut und wusste aber ebenso wie wir ganz genau, dass die oft nur aus Not zur käuflichen Dirne Gesunkene Mitleid verdiente, während der meineidigen Gattin mit vollstem Rechte zum mindesten die Nichtachtung aller rechtlich Denkenden zu teil werden musste. Das öffentliche Mädchen konnte wieder ehrbar werden, nicht so die Ehebrecherin, die für alle Zeiten gesellschaftlich unmöglich war. Die Marklinie zwischen diesen beiden Frauentypen war von jeher so verwischt, um nicht von einem Poggio übersehen zu werden, während kein urteilsfähiger Landeskundiger über die Qualität der Damen im Zweifel war. War es doch allbekannt, dass die Kurorte den Haupttummelplatz für diese Abarten der Weiblichkeit bildeten.